Der Fall schockierte. Eine Pflegerin soll im Seniorenzentrum in Laufen das Vertrauen einer Bewohnerin ausgenutzt und insgesamt rund 22'000 Franken von ihrem Konto abgezweigt haben. Als die Bewohnerin ihr auf die Schliche kam, soll die Betreuerin zusammen mit einer Kollegin, die ebenfalls im Seniorenzentrum gearbeitet hat, versucht haben, die Seniorin zu vergiften. So berichtete es der «Blick» letzte Woche.

Was genau passiert ist, wird eine Strafuntersuchung zeigen; die Seniorin hat Anzeige eingereicht. Die beiden Pflegerinnen wurden inzwischen fristlos entlassen, wie Heimleiter Michael Rosenberg gegenüber der BZ Basel, die wie diese Zeitung zu CH Media gehört, bestätigte. Es muss also etwas Gravierendes vorgefallen sein.

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF), war geschockt, als er vom Vorfall erfuhr. Gerade auch, weil das Seniorenzentrum in Laufen in der Branche einen guten Ruf hat und weil es sich bei den beiden Pflegerinnen um langjährige Mitarbeitende handelte. «Ein solcher Vorfall ist der Worst Case für jede Institution», sagt Rotzetter. «Denn wir leben vom guten Ruf und wenn dieser Schaden nimmt, bleiben irgendwann die Bewohner weg.»

Eine hundertprozentige Sicherheit vor Übergriffen gibt es nicht, das weiss Rotzetter. «Wir arbeiten mit Menschen, die in gewisser Weise von uns abhängig sind.» Die Pflege sei «ein sensibler Bereich», so Rotzetter. «Eine Gefahr, dass das Vertrauen missbraucht wird, besteht deshalb immer, und zwar in jeder Institution.»

Der VAOF, der in Frick und Laufenburg ein Alterszentrum betreibt, setzt in der Prävention auf eine vierfache Strategie. Zum einen betreibt er ein konsequentes Risikomanagement. Er hat über den ganzen Betrieb mögliche Risiken in Stufen definiert und überprüft an jeder Geschäftsleitungssitzung, ob in einem Bereich etwas auffällig ist. Zu den Höchstrisiken gehören sexuelle Übergriffe von und an Mitarbeitenden, Gewalt oder auch Veruntreuung. «Das Schlimmste, was einer Institution passieren kann, ist ein sexueller oder gewalttätiger Übergriff», so Rotzetter. Besteht in einem der Bereiche ein Anfangsverdacht, «handeln wir sofort». Es gelte eine Null-Toleranz-Regel. Die Mitarbeitenden wissen dies – und das ist somit die zweite Sicherheitsstufe.

Die dritte ist, dass alle – Mitarbeitende, Bewohner und Besucher – angehalten sind, jede Auffälligkeit zu melden. «Wir fordern die Leute immer wieder auf, wachsam zu sein und zu bleiben», sagt Rotzetter. «Ein offenes Haus mit einer offenen Kommunikationskultur ist der beste Schutz davor, dass etwas Schlimmes passiert.» Rotzetter nennt es ein System des «permanenten gegenseitigen Wach-Seins». Er ist überzeugt. «Dieses System hilft, Fehlleistungen zu vermeiden.»

Eine vierte Sicherheitsstufe ist, dass der VAOF auf viele langjährige Mitarbeitende zählen kann. Ihnen fällt schnell auf, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, oder wenn ein Bewohner sich plötzlich seltsam verhält. Das seien Anzeichen von Ereignissen. Dass in Laufen ausgerechnet Pflegerinnen mutmasslich zu Täterinnen wurden, die schon lange für das Heim gearbeitet haben, erstaunt Rotzetter – und erschreckt ihn. «Es zeigt, dass man auch von Menschen, die man zu kennen glaubt und denen man voll vertraut, getäuscht werden kann.»

Rotzetter hofft, dass sich in den beiden Alterszentren des VAOF nie ein Drama wie in Laufen abspielen wird. «Wir sind aber darauf vorbereitet.» Wichtig sei, jedem Verdacht sofort nachzugehen, Transparenz herzustellen und nicht zu versuchen, etwas unter den Tisch zu kehren. «Das hilft niemandem. Es ist gescheiter, einen Fehler oder Vorfall zuzugeben, als zu sagen: Da ist nichts. Es kommt früher oder später ohnehin aus.» Eine Deckungskultur «wäre fatal».

Mitarbeiterin entlassen

Vereinzelte kleine Vorfälle respektive Meldungen, das gibt Rotzetter unumwunden zu, gab es auch in den Alterszentren Frick und Laufenburg in den letzten Jahren. So trennte man sich von einer Mitarbeiterin, nachdem bei einer Bewohnerin ein blauer Fleck, der vermutlich von einem zu starken Zupacken stammte, entdeckt wurde. «Wir konnten eine Gewaltanwendung zwar nicht nachweisen, aber das Vertrauen war weg», so Rotzetter.

Ein anderes Mal wurde eine Mitarbeiterin entlassen, weil einer Bewohnerin 100 Franken abhandenkamen. «Wir schalteten die Polizei ein und stellten eine Falle», so Rotzetter. Sie schnappte zu.

Gerade beim Geld bewegen sich die Institutionen in einer Grauzone. Es kommt nicht selten vor, dass ein Mitarbeitender zu einem Bewohner eine herzliche und gute Beziehung aufbaut. «Es ist ja auch unsere Aufgabe, den Bewohnern ein Zuhause zu bieten», so Rotzetter. Bisweilen möchten die Bewohner dann ihrer Lieblingspflegerin einen Batzen schenken. «Geld für sich selber anzunehmen, ist aber ein absolutes No Go», so Rotzetter. Es abzulehnen, empfinden dann aber oft die Spender als Affront. Der VAOF hat hier einen Mittelweg gefunden: Das Geld wandert in einen gemeinsamen Topf, mit dem dann ein Ausflug finanziert wird. Den Bewohnern wird dies auch so kommuniziert.

Angehörige als Täter

Allerdings, das betont Rotzetter, geht das Risiko längst nicht nur von Mitarbeitenden aus. «Wir erleben leider immer wieder, dass Verwandte ihre betagten Angehörigen ausnutzen.» Auch hier ist der VAOF auf Draht. Wenn beispielsweise plötzlich jemand anderes mit einer Vollmacht für das Konto auftaucht, «dann überprüfen wir das sofort». Nicht immer kann der VAOF indes eingreifen. Rotzetter erzählt von einem Fall, bei dem ein Kind seine Mutter immer an dem Tag besuchte, wenn die AHV aufs Konto überwiesen wurde und mit ihr dann auf die Bank ging – um Geld für sich selber vom Konto der Mutter abzuheben. «Solche Fälle machen mich traurig und wütend», so Rotzetter.

Der VAOF setzt stark auf Sicherheit. So sind bei den beiden Alterszentren auch Videokameras installiert. «Nicht um die Bewohner zu überwachen, sondern um das Haus und die Bewohner zu schützen.» Dank den Kameras konnte auch schon ein Dieb gefasst werden. Nachdem er einem Bewohner Geld entwendet hatte, wertete der VAOF zusammen mit der Polizei die Bilder aus. Man entdeckte darauf einen Mann, den man nicht zuordnen konnte. Ein Foto von ihm wurde ausgedruckt und an alle Stationen verteilt. Der Dieb kam wieder – und die Polizei nahm ihn in Empfang, als er das Gebäude wieder verliess.