Asylunterkunft Möhlin

Nach ungewohnter Quarantäne-Massnahme sagt eine Psychologin: «Der Zaun ist wahnsinnig demütigend»

Die eingezäunte Asylunterkunft in Möhlin.

Die eingezäunte Asylunterkunft in Möhlin.

Die «Weltgruppe» und «Netzwerk Asyl» kritisieren Art der Quarantänedurchsetzung im Möhliner Asylheim – die Gemeinde allerdings verteidigt Massnahmen.

Der Zaun, den die Gemeinde aufgrund einer Coronainfektion um die Asylunterkunft in Möhlin errichten liess, um die Quarantäne der 22 Bewohner sicherzustellen, stösst auf harsche Kritik. Für Rolf Schmid, SP-Politiker und Vorstandsmitglied vom Verein Netzwerk Asyl, ist diese «gefängniswirksame Massnahme» nicht nachvollziehbar. «Bei anderen Einrichtungen oder Häusern zieht man ja auch keinen Hag um das Gebäude, wenn sich dort jemand in Quarantäne befindet.»

Demütigung hätte verhindert werden müssen

Schmid stösst sich an der «Ungleichbehandlung». Denn sie habe auch etwas Stigmatisierendes. Der Zaun schreie: «Achtung, hier wohnen Leute, von denen eine Gefahr ausgeht.» Mit dem Zaun schwinge mit, dass man den Asylsuchenden ein geringes Verantwortungsgefühl gegenüber der Situation und der Einhaltung der Quarantäne, unterstelle. Dabei gebe es doch Beispiele von Personen, die ausserhalb von Asylunterkünften lebten, und trotz Quarantäne einfach draussen spazierten, so Schmid. «Aber eben: Diese haben keinen Zaun von der Nase.»

Eine Möglichkeit für Schmid wäre es gewesen, wenn man am Anfang der Quarantäne keinen Zaun aufgestellt und kontrolliert hätte, ob die Bewohner sich an die Regeln halten. «Erst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte man sich Gedanken über solche Massnahmen machen können», sagt er.

Psychologin Catherine Goumoens von der Weltgruppe in Möhlin bezeichnet den Zaun als «wahnsinnig demütigend». Gerade Flüchtlinge aus Afrika und dem Orient seien in der Vergangenheit durch den Imperialismus unterdrückt worden, deswegen müsse man eine Demütigung verhindern. «Meine Angst ist, dass sich ansonsten die Leute radikalisieren», sagt Goumoens.

Zaun sei auch psychologische Misshandlung

Sie spricht die Gefahr an, dass durch den Zaun bei einigen Asylsuchenden schlimme Erinnerungen hochkommen könnten. Etwa bei jenen, die auf ihrer Fluchtroute nach Europa in Gefangenschaft, beispielsweise im nordafrikanischen Libyen, gekommen sind. So sei der Zaun «ein Stück weit eine psychologische Misshandlung», sagt sie.

Dennoch verhehlt Goumoens nicht, dass es für die Behörden sicherlich nicht einfach war, nach dem positiven Test in der Kürze der Zeit adäquat zu handeln. «Wäre es in der Folge zu weiteren Infektionen in der Gemeinde gekommen, hätte diese sicher Zetermordio geschrien.»

Gemeindeschreiber Fricker: «Massnahmen verhältnismässig»

Marius Fricker, Gemeindeschreiber von Möhlin, glaubt nicht, dass der Zaun bei den Bewohnern ein Trauma auslösen kann. «Es ist ein normaler Baustellenzaun, der etwa vier Meter von der Unterkunft entfernt steht.» Zudem seien Securitas vor Ort, denen die Bewohner jederzeit mitteilen können, wenn es ihnen nicht gut gehe. Auch habe man am Dienstagabend letzte Woche mit dem Beginn der Umsetzung der kantonsärztlich verfügten Quarantäne den Bewohnern erklärt, was die nächsten Tage auf sie zukomme, so Fricker, der dies bereits im «SRF-Regionaljournal» äusserte.

Durch den Zaun wolle man auch verhindern, dass es zu Kontakten mit Personen kommt, welche die Bewohner der Unterkunft besuchen. Dies würde allenfalls weitere Quarantänen auslösen. «Ich habe am Wochenende diverse Anrufe der Securitas bezüglich der Klärung von Fragen bekommen.» So hätten denn etwa mehrere Leute die Bewohner besuchen wollen und dabei das Schild, dass es sich hier um eine Quarantänezone handelt, übersehen. «Dies zeigt dann eben, dass die Massnahmen verhältnismässig sind und wir hinter diesen voll stehen.» Auch die ORS Management AG, die das Mandat für den Betrieb der Unterkunft hat, bezeichnet die Massnahmen als angemessen.

Am Donnerstag treffen sich Vertreter der Gemeinde, der «Weltgruppe» und der ORS Management AG, um potenzielle Verbesserungsvorschläge für eine erneute, allfällige Coronainfektion zu diskutieren.

Autor

Dennis Kalt

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