Sisyphus lässt grüssen. Nancy Holten, Nationalratskandidatin der Piratenpartei und rotes Tuch für manch einen Fricktaler, hat an ihrem Wohnort sowie in Frick an rund 10 Kandelabern Wahlplakate aufgehängt. So wie es viele Kandidaten getan haben und so wie es auch Holten in anderen Gemeinden gemacht hat.

Ihr Konterfei scheint aber in Frick und Gipf-Oberfrick den einen oder anderen Zeitgenossen derart in Rage zu versetzen, dass er die Plakate systematisch herunterreisst und in Gebüschen oder auch mal in einem Brunnen entsorgt:

Plakate von Nancy Holten landen in Brunnen und Gebüschen

Unerschütterlich: Tele M1 begleitete Nancy Holten beim wieder Anbringen ihrer Plakate.

Holten ersetzt die Plakate; der Unbekannte entfernt sie wieder. Sisyphus 2.0, wenn man so will. Inzwischen hat Holten in Gipf-Oberfrick, wo die Plakate flächendeckend heruntergerissen werden, zum dritten Mal nachplakatiert. In Frick musste sie die Plakate an 70 Prozent der Standorte ersetzen. «Ich finde diese Aktion kindisch und undemokratisch», sagt sie. Wer sie nicht möge, der müsse sie ja nicht wählen. Die Antipathie auf diese Weise zu zeigen, «ist völlig daneben».

Sie vermutet, dass nicht eine Gruppe, sondern mehrere Einzelpersonen hinter den Plakat-Entfern-Aktionen stecken. «Ich passe mit meiner Art nicht allen», weiss sie. Das bekam sie auch bei der Einbürgerung vor gut zwei Jahren zu spüren; die Gemeindeversammlung verweigerte ihr zweimal das Bürgerrecht. Schliesslich griff der Regierungsrat durch und bürgerte Holten direkt ein. Die Antipathie-Welle hat sie mit ihren diversen Aktionen – im Schnelldurchlauf: Kampf gegen Kuhglocken, Kirchenglocken, Tiere im Zirkus, Säulirennen an der Olma, Jagd im Wald – selber befeuert.

Nancy Holten steigt in die Bundespolitik ein

August 2017: Nancy Holten steigt in die Bundespolitik ein

Die Tierschützerin kämpfte gegen Kuhglocken, stand wegen ihrer Einbürgerung im Rampenlicht und will jetzt für die Grünen in die Politik einsteigen.

Tipp von Gertrud Häseli: Mit Heugabel nach oben schieben

Dennoch: Mit einer derart massiven Entplakatierungsaktion hat Holten nicht gerechnet. «Ich dachte eher, mein Gesicht werde auf dem einen oder anderen Plakat mit einem Filzstift ‹verschönert›», sagt sie.

Gelernt hat Holten aus den Plakatverlusten: «Ich hänge die Plakate nun so hoch, dass man eine Leiter braucht, um sie zu entfernen.» Sie hofft, dass dies die Täter von ihrem Ich-reiss-dich-runter-Vorhaben abhält. Ähnlich handhabt es Grünen-Grossrätin und Nationalratskandidatin Gertrud Häseli. Ihr Tipp: «Mit Gartenhacke oder Heugabel möglichst hoch hinaufschieben ergibt die beste Wirkung.»

Holtens Partei, von der sie sich «unglaublich getragen» fühlt und die ihr auch den Druck der Plakate finanziert, überlegt sich zudem, Strafanzeige gegen unbekannt einzureichen. Sie selber will das nicht tun. «Ich will nicht weitere Energie in diese Vorfälle investieren», sagt sie und appelliert an die Täter: «Wir sind ein freies Land mit freier Meinungsäusserung. Die Demokratie lebt von gegenseitigem Respekt.»

Dies sieht auch SVP-Grossrat und Nationalratskandidat Christoph Riner so. «Wer Plakate von Kandidaten, die ihm nicht passen, einfach entfernt, handelt undemokratisch.» Und wenn man den Kopf, der einem da entgegenlächelt, partout nicht mag? Riner stutzt kurz, sagt dann, dass er nur für seinen Fall antworten könne. «Wenn jemand mich nicht mag und er mich tagtäglich anschauen muss, tut mir das leid», sagt er. Das Gute sei jedoch, dass der Wahlkampf in fünf Wochen vorbei sei. «Und dann sind die Köpfe wieder weg.» Bis zu den nächsten Wahlen.

Auch für CVP-Grossrat und Nationalratskandidat Werner Müller ist es ein No-Go, Plakate von Kandidaten, die man nicht mag, zu entfernen. «Das gehört sich nicht, das ist fies», findet er. Natürlich gebe es Leute, die man nicht möge. «Aber die Antipathie auf diese Weise zu zeigen, geht nicht an.»

Andere Kandidaten haben bislang kaum Probleme

Carole Binder, Nationalratskandidatin der SP, erwartet generell, «dass gegenseitig so viel Toleranz und Respekt für die Parteien- und Meinungsvielfalt besteht und somit von allen Seiten allfälliger Vandalismus klar verurteilt wird». Meinungsverschiedenheiten würden die Politlandschaft bereichern und diese müssten offen miteinander im Diskurs ausgetragen werden.

Alle drei hatten bislang keine Probleme mit entwendeten oder verschmierten Plakaten. Dies ist, das zeigt eine Umfrage der AZ unter den Fricktaler Nationalratskandidaten auf den Hauptlisten der grossen Parteien, auch die Regel. Von entwendeten, verschmierten oder demolierten Plakaten sind die meisten (noch) verschont geblieben. Häseli berichtet von einem Benzinhändler, der sich «harsch gegen das Grüne-Plakat gewehrt und das Plakat abgenommen» hat.

Ein Hausbesitzer «mit einem perfekt getrimmten Garten» habe das Plakat ebenfalls abgenommen, sagt Häseli und fügt an: «Es störte wohl das Garten-Bild.» Auch bei ihrem Partei- und Ratskollegen Andreas Fischer wurden bislang zwei Plakate ohne Rückmeldung wieder abgehängt.

Vier verschmierte Plakate entdeckten Bruno Tüscher (FDP) und sein Wahlteam bislang. Sie wurden ersetzt. So würden auch die meisten anderen Kandidaten auf verunstaltete Plakate reagieren, denn «diese wären schlechte Werbung», sagt Häseli. Auch SVP-Grossrätin Désirée Stutz würde demolierte Plakate ersetzen. Falls das Problem am gleichen Standort mehrfach auftritt, würde sie das Plakat ganz entfernen.

Maximilian Reimann verzichtet auf Kandelaber-Plakate

Etwas anders beurteilt SVP-Nationalrat Maximilian Reimann «wilde Plakate», wie er es nennt. Er ist seit 32 Jahren in der Bundespolitik aktiv und hat damit bereits acht Wahlkämpfe geführt und gewonnen. Diesmal verzichtet Reimann, der mit der eigenen Liste Team65+ antritt, auf Plakate an Kandelabern und Strassenrändern, weil er «die wilde Verplakatierung» zunehmend als öffentliches Ärgernis empfinde, das sich kontraproduktiv erweise.

In früheren Wahlkämpfen seien auch seine Plakate ab und an verschmiert worden. Er liess sie oft hängen. «Ich empfand das eher als ungewollte Wahlhilfe, denn der politische Gegner agiert auf diese primitive Art nur gegen offensichtlich pointierte Gegenkandidaten.»

Anders sieht es Gaby Gerber (FDP). Sie würde verschmierte Plakate abmontieren. Bislang mussten sie und ihr Team nicht eingreifen. Und falls ein Plakat entwendet würde, «hoffe ich natürlich, dass die Diebe das Plakat in Ehren aufbewahren», sagt sie mit einem Schmunzeln.

Parteikollege Tüscher hat einen Rat an potenzielle Plakatdiebe: «Wer ein Plakat entwenden möchte, darf auch gerne eines bei mir beziehen – mit einer Widmung und Unterschrift.» Rolf Schmid (SP) hofft für den Fall einer Plakatklauaktion, dass der Dieb es korrekt entsorgt. «Wir nehmen es mit Humor und freuen uns darüber, dass die Plakate erstens beachtet worden sind und zweitens weniger Aufwand beim Aufräumen verursachen.»