1.-Mai-Feier in Stein

Redner brandmarken Novartis: «Es geht ausschliesslich um die Gier und nicht um die Moral»

Für die Rednerinnen und Redner in Stein lieferte ihnen die Novartis mit ihrer Ankündigung des Stellenabbaus die Steilvorlage. Gefordert wurde, dass sich Firmen an den Bildungskosten beteiligen.

Die Fricktaler 1.-Mai-Feier fand in diesem Jahr in Stein statt. Das war ein Steilpass für die Rednerinnen und Redner. Oder besser: Den Steilpass lieferte ihnen die Novartis mit der Ankündigung, in der Schweiz 2150 Stellen abzubauen – 700 davon in Stein. «Geht es der Novartis wirtschaftlich schlecht?», fragte Daniela Neves von der Unia Aargau-Nordwestschweiz die rund 100 Anwesenden rhetorisch und schob die Antwort gleich selber nach: «Nein, es geht ausschliesslich um die Gier und nicht um die Moral.» Sie forderte ein Umdenken, auch in der Steuerpolitik. «Novartis hat gezeigt: Steuersenkungen bringen gar nichts.» Veränderung bedeute Verantwortung übernehmen. «Wenn die Politik und die Unternehmen dies nicht machen, müssen wir die Veränderung sein.»

Den Stellenabbau bei Novartis thematisierten auch die beiden Fricktaler SP-Nationalratskandidaten Rolf Schmid aus Mettauertal und Carole Binder-Meury aus Magden. Die Rede haben sie gemeinsam entwickelt. «Mit jedem Stellenabbau, ganz egal ob bei einem hochrentablen Unternehmen wie Novartis oder einer KMU in der Region, verlieren Menschen einen zentralen Teil ihres Lebens», sagte Schmid und erzählte vom Schicksal zweier Menschen, die ihre Stelle bei Novartis verloren haben.

Einer ist Roland, 58. Er habe auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr. Es bleibe ihm nur die Frühpensionierung. Er habe nun viel Zeit. «Viel Zeit für nahezu keine Hobbys, vor allem aber um nachzudenken», so Schmid. «Um zu realisieren, dass die Wirtschaft keine Verwendung mehr für ihn hat und die Gesellschaft froh darüber ist, dass sie wenigsten nicht für ihn aufkommen muss.»

Das wirkungsvollste Instrument, um mit den Veränderungen im Arbeitsmarkt umgehen zu können, ist für Schmid und Binder die (Weiter-)Bildung. Hier fordern die beiden ein Umdenken. «Vielleicht ist unser heutiges Sozialsystem in dieser Hinsicht ein Stolperstein», sagte Binder. Es entbinde die Unternehmen nämlich von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Genau dies gelte es zu ändern, der Staat müsse mehr Kooperation einfordern, findet Binder und nannte als positives Beispiel Roche; der Pharmamulti führt mit der Kreisschule Unteres Fricktal regelmässig Erfindertage und Laborbesuche durch. Natürlich auch aus Eigeninteresse, um sich junge Talente zu sichern. Gleichzeitig werde so aber auch dem Fachkräftemangel entgegengewirkt, ist Binder überzeugt.

Damit (Weiter-)Bildung allen offensteht und vor allem für alle bezahlbar ist, schweben Binder regional organisierte Listen mit allen systemrelevanten Arbeitgebern – dazu zählt sie neben den Chemie- und Pharmafirmen auch Unternehmen wie die Jakob Müller AG, Erne Bauunternehmung oder das Gesundheitszentrum Fricktal – vor. «Diese Unternehmungen sollen eine prozentuale Abgabe auf ihren Gewinn in einen Fonds einzahlen und damit die öffentliche Organisation der Umschulung und Weiterbildung ermöglichen.» Dies erhöhe die Chancengleichheit und habe auch Vorteile für die Unternehmen.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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