Rheinfelden
Regionalpolizei erschiesst aggressiven Schäferhund – er soll schon ein Kind angegriffen haben

Ein Schäferhund hat in Rheinfelden einen Trainer attackiert. Die herbeigerufene Polizei erlegte das Tier.

Stefania Telesca
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Der Schäferhund griff einen Hundetrainer in Rheinfelden an. (Symbolbild)

Der Schäferhund griff einen Hundetrainer in Rheinfelden an. (Symbolbild)

KEYSTONE/SIGI TISCHLER

Es passierte am Dienstagnachmittag kurz nach 16.30 Uhr: Ein 46-jähriger Hundetrainer war gerade dabei, das Verhalten eines 4-jährigen Schäferhundes zu überprüfen. Als er dem Hund einen Maulkorb anziehen wollte, biss dieser mehrfach zu. Der Schäferhund konnte nicht unter Kontrolle gebracht werden. Die herbeigerufene Regionalpolizei unteres Fricktal erschoss den Hund. Das bestätigt Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Gegen die beiden Beteiligten der Regionalpolizei wurde eine Untersuchung eingereicht. «Die Staatsanwaltschaft prüft bei polizeilichen Schussabgaben von Amtes wegen, ob diese verhältnismässig waren», so Strebel.

Der Hundetrainer musste mit mehreren Bisswunden durch die Ambulanz ins Spital gebracht werden. Die Hundehalterin oder der Hundehalter habe keine Strafanzeige eingereicht, sagt Fiona Strebel.

Welche Situation die Regionalpolizei genau vorgefunden hat und wie es den Mitgliedern der Regionalpolizei geht, die den Hund erlösen mussten, kann Hansueli Loosli, Leiter der Regionalpolizei unteres Fricktal auf Anfrage nicht beantworten: «Da es ein laufendes Verfahren ist, kann ich nichts zum Vorfall sagen.» Er selber sei am frühen Dienstagabend nicht vor Ort gewesen.

Schäferhund unterlag einer Maulkorbpflicht

Der getötete Schäferhund stammte aus dem Kanton Basel-Landschaft. Dass der Rheinfelder Trainer aber gerade dabei war, das Verhalten des Hundes zu überprüfen, kann Rolf Wirz, Sprecher des Generalsekretariats der Volkswirtschaft- und Gesundheitsdirektion nicht bestätigen: «Dieses Training war nicht durch uns angeordnet worden. Wir hatten bei diesem Hund im Juni dieses Jahres aufgrund einer Bissmeldung einen Wesenstest durch einen Experten durchführen lassen.» Dieser Test im Kanton Basel-Landschaft hatte für den Hundehalter und den Schäferhund als Massnahme die Verfügung einer Maulkorb- und Leinenpflicht ausserhalb des eigenen Gartens zur Folge. Vermutlich hatte der Hundehalter den Aargauer Trainer engagiert, um das Verhalten des Tieres zu verbessern.

Wie «20 Minuten» schreibt, hatte der Schäferhund im Mai bereits ein Kind attackiert.

Kantone können Erziehungskurse für Hunde anordnen

Sogenannte Listenhunde, also Hunde, mit einem erhöhten Gefährdungspotential, müssen im Aargau obligatorisch einen Trainingskurs machen und anschliessend eine Prüfung absolvieren. Schäferhunde gehören nicht dazu. Allerdings kann dies bei einer Verhaltensauffälligkeit auch für andere Hunde angeordnet werden.

Im Aargau komme es selten vor, dass Hunde einer Wesensprüfung durch eine externe Fachperson unterzogen werden müssen. Das sagt die Kantonstierärztin Barbara Thür auf Anfrage:

Es sind Einzelfälle. Etwa bei Hunden mit Beissvorfällen und aggressiven Verhalten.

Meldungen über Hundebisse, bei denen Mensch oder Tier erheblich verletzt wurden, müssen dem Kanton von Ärzten und Tierärzten gemeldet werden. Relativ oft passieren Beissverletzungen im eigenen Haushalt. «Der Kanton kann solche Hunde in einen Erziehungskurs schicken», so die Kantonstierärztin. Sollte das Veterinäramt eine Wesensprüfung anordnen und sollten sich unbefriedigende Resultate ergeben, gibt es diverse Massnahmen, welche angeordnet werden können: «Es kann eine Maulkorb- und Leinenpflicht, eine Umplatzierung zu einer erfahrenen Halterin oder Halter oder als letzte Möglichkeit die Euthanasie des Tieres angeordnet werden», so Thür.

Barbara Thür

Barbara Thür

Zur Verfügung gestellt

Dass ein verhaltensauffälliger Hund einen Trainer so angreift, dass das Tier in der Folge erschossen werden muss, komme zum Glück fast nie vor: «Im Kanton Aargau ist uns in den letzten Jahren kein Fall bekannt», sagt die Kantonstierärztin.

Trainer warnen vor unberechenbaren Hunden

Hundetrainerin Irmgard Peruzzi aus Kleindöttingen hat im Aargau fast zehn Jahre lang Erziehungskurse und Prüfungen für Hunde mit erhöhtem Gefährdungspotenzial angeboten. Sie bildet auch Rettungshunde in Deutschland aus. Einen solchen tragischen Fall, bei dem ein Hund sie so angegriffen hätte, dass er erlegt werden musste, hat sie in ihrer Karriere noch nie erlebt. Aber selbst mit vielen Jahren Erfahrung müsse man als Hundetrainerin immer damit rechnen, dass man gebissen wird. Peruzzi sagt:

Es gibt viele Gründe, weshalb ein Hund derart aggressiv werden kann. Es kann sein, dass der Hund ein hausgemachtes Problem hat oder auch ein medizinisches.

Habe ein Hund etwa Schmerzen oder auch eine Auffälligkeit im Gehirn, könne es sein, dass er deshalb zubeisst. Schäferhunde seien nicht grundsätzlich böse, müssten aber geführt werden können. «Und auch ein Schäferhund kann sich verbeissen und nicht mehr loslassen, denkt man nur an die Zugriffshunde der Polizei», so Peruzzi.

Hund kann auch für den Trainer gefährlich werden

Man müsse unterscheiden können, ob ein aggressiver Hund defensiv oder offensiv sei: «Das erkennt man an der Körperhaltung. Hat er die Ohren und die Rute unten und fletscht er die Zähne, ist er eher ein Angstbeisser.» Solche Aggressionen könnten die Trainer eher abwehren. Hat ein aggressiver Hund die Ohren und die Rute hingegen aufgestellt und geht er offensiv nach vorne, ist er auch für Hundetrainer gefährlich, sagt Irmgard Peruzzi: «Man muss damit rechnen, dass der Hund nicht logisch tickt. Bei einem offensiven Angriff ist der Hund wirklich unberechenbar.»

Eigenschutz gehe auch für Hundetrainer, die eine Wesensüberprüfung machen, vor: «Ich ging nie an einen solchen Hund heran, wenn ihm der Besitzer nicht vorher einen Maulkorb aufgesetzt hatte.»

Der Vorfall passierte in einem öffentlichen Waldstück

Auch Roman Huber trainiert seit zehn Jahren Hundehalter und deren Hunde, darunter auch Schäferhunde. Der Vorfall aus Rheinfelden gibt ihm zu denken: «Dieser Fall ist tragisch für alle Beteiligten.» Dieser Hund müsse sich stark bedroht gefühlt haben, dass er so zugebissen hat, sagt der Experte. «Für einen Hund kann das Anbringen eines Maulkorbes eine Bedrohung bedeuten.»

Der Schäferhund, der gemäss Auflagen des Kantons Basel-Landschaft einer Maulkorbpflicht unterlag, hätte nicht erst vom Trainer einen Maulkorb aufgesetzt bekommen dürfen. «Ein Hundetrainer muss die Situation möglichst so gestalten, dass das Risiko eines Bisses minimiert wird. Auch für ihn selbst.»

Geschehen ist der Vorfall in der Nähe der Riburgerstrasse, bei einem öffentlichen Waldstück. Weshalb das Training in einem öffentlichen Waldstück durchgeführt wurde und der Trainer dem Hund den Maulkorb erst noch anziehen musste, obwohl dieser der Maulkorbpflicht unterlag, bleibt unbeantwortet.

Der Hundetrainer war telefonisch nicht zu erreichen. Gegenüber «Tele M1» sagte der Trainer, der mit Bissverletzungen an beiden Armen im Spital liegt, dass er seit über 20 Jahren professionell mit Hunden arbeite und er einen solchen Vorfall noch nie erlebt habe.