Es ging um die Wurst, damals, an Weihnachten 1959. Ueli Mäder, 8, öffnet das Päckli von seinem Götti August Vonlaufen, staunt nicht schlecht, als da eine Salami zum Vorschein kommt. «Sie galt wohl eher meinem Vater, der mit ‹Guschti› bei der Bahn zusammenarbeitete», meint der inzwischen emeritierte Soziologieprofessor rückblickend.

Gefreut hat sich Klein Ueli damals trotzdem riesig – und die Wurst in vollen Zügen genossen. Denn ein solches Gaumenfest gab es damals nicht alle Tage. «Ich teilte die Salami mit meinen fünf Geschwistern», erzählt Mäder. Der Vater schnitt ihnen ganz dünne Scheiben ab; die Wurst sollte schliesslich einige Zeit halten. Er ärgerte sich denn auch gewaltig, als Ueli Mäder die Salami mit einem Brotmesser schneiden wollte und wies ihn zurecht.

Verglichen mit heute fielen die Geschenke in den 50er- und 60er-Jahren bescheiden aus – und für viele galt: hergestellt in Handarbeit. Socken, Handschuhe, Pullis lagen unter dem Baum – und einmal auch ein Monopoly-Spiel. «Das hatte unser Vater in mehreren Nachtschichten selbst angefertigt», sagt Mäder. «Die Überraschung war riesig.» Die Freude nicht minder. «Wir spielten oft damit.»

Weihnachten habe ihm schon als Kind viel bedeutet, erzählt Mäder. Nicht so sehr wegen der Geschenke, nein, die seien «natürlich schön» gewesen, aber doch im Grunde eher nebensächlich. Weihnachten, das ist für ihn vorab die Erinnerung an eine familiäre (Spiel-)Zeit, an das Glück im Einfachen, an das Gefühl innerer Zufriedenheit, wenn man gemeinsam musizierte, an die innerliche Wärme, wenn die Mutter eine Geschichte erzählte.

Als er jüngst in den USA war, entdeckte er in einem Spielzeugmuseum einen alten Flipperkasten, dachte unweigerlich an die «Gluggerbahn» zurück, die sein Vater für ihn und seine Geschwister gebaut hatte, an die Abende, an denen alle zusammen sassen und Weihnachtsgeschenke für Gotten, Grossmutter und Tanten bastelten.

Eine strikte Geschenke-Regelung

«In diesem Moment nahm ich mir vor, für unsere beiden Enkelbuben etwas Ähnliches zu kreieren.» Die beiden sind acht und elf Jahre alt. Ob sie Freude daran hätten? Bedingt, ist mal anzunehmen, denn bei den Jungen ist anderes, ist (teure) Technik à la Smartphones und SpielKonsolen gefragt. Das ist hip. Das ist Soll. Fast schon Muss. Ueli Mäder, der den Part des Geschenke-für-die-Enkel-Verantwortlichen übernommen hat, weiss das. Begeistert ist er nicht. «Im letzten Jahr begleitete ich die Enkel in einen IT-Shop. Das kostete viel und kam mir irgendwie billig vor.»

Geschenke sind für Mäder ohnehin nicht das Eigentliche, das Wertvolle an Weihnachten. Das sind die Menschen. So hat die Familie vor einigen Jahren eine besondere Geschenke-Regelung getroffen. «Alle bringen nur ein Geschenk mit, im Wert von höchstens 20 Franken.» Wer wen beschenkt, wird vorab ausgelost.

Offenheit als Prinzip

Die Bescherung findet am Rande des Festes statt, sagt Mäder. Im Zentrum stehen ein Raclette, Musik, Geschichten, ein Spaziergang. Und ein Ritual: «Wir sitzen rund eine Stunde im Kreis am Boden und alle, die wollen, bringen etwas ein.» Ein Spiel, ein Gedanke, ein Lied. Ueli Mäder schätzt dieses Ritual sehr, «denn es gibt ein schönes Gefühl von Gemeinsamkeit.»

Wer alles in der Runde sitzt, lässt sich dabei nie so genau voraussagen, denn die Mäders pflegen eine gewisse Offenheit als Lebensprinzip. Zu den Zeiten, als die Familie noch in einer grossen Wohngemeinschaft lebte, war es ein besonders reges Kommen und Gehen. Nicht selten feierten auch Randständige zusammen mit der Familie. Weihnachten als Fest der Nächstenliebe. Der da oben hätte seine Freude daran. Heute beschränkt sich der Kreis der Sitzenden meist auf Angehörige.

Das Ritual des Miteinanders im Sinne eines Zuhörens, eines Da-Seins pflegen Ueli Mäder und seine Frau Esther Schwald auch im Alltag. Sie machen jeden Tag einen «Check-up», wie es Mäder nennt, eine gegenseitige Du-Zeit. «Für jede Beziehung ist es wichtig, eine Form zu finden, um zu sehen, wo der andere steht.» Denn wenn das Du, wenn das Wir nur in den Ferien oder an Festtagen eine Relevanz erlangt, dann werden die Erwartungen an diese Tage nicht selten derart überhöht, dass es zur Enttäuschung, zum Eklat kommt.

Das hat Ueli Mäder in Basel, wo er lange lebte und viele Jahre an der Uni lehrte, mehr als einmal erlebt. Seit gut drei Jahren wohnen er und seine Frau in Rheinfelden, im ehemaligen Tabakhüsli. Die hellen Lichter in der Altstadt schätzt Mäder sehr. Die Festtage selber verbringt die Familie traditionellerweise im Jura.

Tradition ist auch, dass Ueli Mäder am Vor-Weihnachtsabend mit einem befreundeten Journalisten essen geht. Früher besuchte dieser die Familie jeweils am 24. Dezember am Morgen, denn er war Pate der jüngsten Tochter. «Dann spielten wir zusammen Schach, tranken Kaffee und assen Guetsli.» Ab und zu gab es auch Nussbrot und Salami.