Ittenthal macht derzeit auf recht spezielle Art und Weise von sich reden – zumindest das virtuelle Ittenthal: Auf der gleichnamigen Website, die bis zur Fusion von Ittenthal und Kaisten 2010 die Gemeindewebsite war, finden sich heute wirre Sprachfetzen und laszive Satzbruchstücke, kombiniert mit scheinbaren Dating- und Sexangeboten. «Paar sucht Ihn Cham» heisst es da etwa oder «Die Story von den Plüsch-Handschellen». Garniert sind die Seiten mit Bildern, die augenscheinlich von anderen Websites geklaut sind. Nur so ist zu erklären, dass neben (ebenfalls geklauten) Porträtfotos auch das Rettungsteam des Spitals Thusis in die Kamera lacht.

Nichts zu lachen hat ob derlei zweifelhafter Inhalte die Gemeinde Kaisten. Sie hat die Domain von Ittenthal nach der Fusion vor gut neun Jahren abgemeldet und damit die Adresse freigegeben. Auf die spezielle Ittenthal-Präsenz im Netz angesprochen, meinte der Kaister Gemeindeschreiber Manuel Corpataux am Freitag, man prüfe, welche Massnahmen und Schritte dagegen unternommen werden können. Gestern Montag konnte er dann erste Schritte benennen. Die Gemeinde sei betreffend einer allfälligen Inaktivierung des Domain-Namens ittenthal.ch einerseits mit der zuständigen Registrationsstelle Switch in Kontakt. «Andererseits haben wir ein entsprechendes Gesuch beim Bundesamt für Polizei eingereicht», so Corpataux.

Ob die Gemeinde etwas gegen die Website unternehmen kann, ist allerdings offen. Rechtsanwalt Martin Steiger, Spezialist für Recht im digitalen Raum, ist skeptisch – auch weil die Gemeinde «den Domainnamen absichtlich und selbst löschen liess, inzwischen neun Jahre vergangen sind und der Domainname nicht dem Namen der heutigen Gemeinde entspricht», wie er im Interview mit der AZ sagt. Er glaubt jedoch nicht unbedingt, dass die Schmuddel-Website dem Brand der Gemeinde schadet – gerade auch, weil die Gemeinde seit gut neun Jahren nicht mehr Ittenthal heisst.

Ähnlich beurteilt es der bekannte PR-Berater Klaus J. Stöhlker. Der jetzige Inhalt der Website Ittenthal sei eher sekundär, sagt er. «Die Erinnerung an das einst selbstständige Ittenthal wird mit der jetzt noch lebenden älteren Generation verschwinden», ist Stöhlker überzeugt. «Die jüngeren Einwohner von Kaisten orientieren sich an neuen Begriffen, seien diese lokal, kantonal, national oder sogar global.»

Der PR-Profi ist überzeugt: «Da der Name des heutigen Ortsteils langsam verblassen wird, kann sein Ruf auch nicht beschädigt werden.» Sicher, es gebe eine Übergangsphase, «aber diese wird von kurzer Dauer sein». Allerdings empfindet er es als Fehler der Gemeinde, dass sie damals die Domain abgemeldet hat. «Man hätte daraus eine Quartier-Domain machen sollen, aber wer denkt schon daran?»

Bei der Suche nach einer Begründung für die Ausserverkehrssetzung stellt der PR-Guru aus Zollikon eine steile These auf. Die Gemeinde habe dies wohl getan, um die Erinnerung an Ittenthal aus dem Verkehr zu ziehen. «Es gibt diese Gemeinde nicht mehr.» Die Gemeinde liess die Frage der AZ, weshalb sie die Domain nach der Fusion nicht behalten hat, bislang unbeantwortet.

Stöhlker rät vom Rückkauf ab

Von einem Rückkauf der Domain rät Stöhlker ab. «Ich empfehle der Gemeinde, so wie bisher fortzufahren. Nur die Alt-Ittenthaler werden sich daran stören, dass ihre einst stolze Gemeinde jetzt zum Puff degradiert worden ist.» Der Rückkauf wäre zudem sicher teuer und lohne sich letztlich nicht.

Stöhlker wäre nicht Stöhlker, wenn er nicht gleichzeitig noch eine Breitseite gegen die Behördeninformationen generell abfeuern würde. «Die Kommunikationspraxis von über 90 Prozent unserer Gemeinden in der Schweiz besteht aus verpassten Chancen oder vollen Katastrophen», urteilt er. Sie würden die Möglichkeiten nicht nutzen, die sich ihnen bieten, um Bürgerinnen und Bürger in die lokal-regionale Gesellschaft einzubinden. «Später jammern gerade die Politiker darüber, dass sich die Menschen nicht mehr für Parteien und Politik interessieren; sie sind selbst schuld an dieser zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Abstinenz.»