Güggeli-Duft liegt in der Luft, als ich in Eiken aus dem Auto steige. Es ist 10.45 Uhr und die Poulets in Paolo Morinis Güggeli-Wagen drehen sich bereits am Spiess. Der Eigentümer des Wagens und seine Partnerin Verena Jola sind mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt. «Wir sind bereits seit über einer Stunde hier», sagt der 71-jährige Morini zur Begrüssung, «schliesslich müssen die ersten Poulets spätestens um 11.30 Uhr bereit sein.» Erst acht Stunden später werden die beiden ihren Verkaufsstand schliessen.

Heute knirscht der Kies auf dem Vorplatz an der Hauptstrasse bereits um 11.15 Uhr ein erstes Mal. Ein Mittfünfziger mit Subaru und Anhänger hält direkt vor dem Güggeli-Wagen. Kurz vorher hat Morini die drehenden Spiesse inspiziert und grünes Licht gegeben: «Alles bereit.» Nun gibt Verena Jola die ersten Pommes frites des Tages in die Fritteuse, halbiert routiniert das erste Poulet.

Wenn es ein guter Tag wird, verkaufen Morini und Jola in Eiken zwischen 40 und 50 Poulets. Seit acht Jahren kommen sie allwöchentlich hierher – derzeit immer dienstags. «In Eiken läuft es meist gut», sagt Morini. Noch besser läuft das Geschäft in Magden, wo er seit zehn Jahren jeweils am Freitag seine Verkaufswagen parkiert. Am Mittwoch in Mumpf dagegen harzt es. «Diesen Platz haben wir erst seit rund einem Jahr. Es braucht eben Ausdauer», sagt Paolo Morini.

Philosophie und Small-Talk

Seit zwölf Jahren ist er schon im Güggeli-Business, hatte Standplätze, an denen er bis zu 80 Poulets pro Tag verkaufte. «Wichtig ist, dass die Plätze an der Hauptstrasse liegen, eine gute Zufahrt und einen Stromanschluss haben.» Sagt’s und verabschiedet sich kurz. Es ist höchste Zeit, noch frische Weggli zu kaufen.

Auf der anderen Strassenseite hält derweil ein Auto. Ein Rentner überquert die Strasse. «Ein ganzes Poulet, in der Mitte halbiert», bestellt er. Schon die Art und Weise der Bestellung verrät, dass er nicht zum ersten Mal hier einkauft. Dass Verena Jola ihn mit Namen anspricht, bestätigt die Vermutung. «Wo ist Paolo?», fragt der Kunde. «Am Einkaufen», erhält er zur Antwort. Der Rentner lacht. «Gut, wenn man eine Frau hat.» Dann hält er inne. «Nur sagen die Männer das der Frau nie. Oder erst, wenn sie schon tot ist.»

"Einige kommen jede Woche"

Philosophie am Pouletstand. Small-Talk. «Während die Kunden auf ihre Bestellung warten kommt es fast immer zu einem kurzen Gespräch», sagt Verena Jola. Und Paolo Morini – bereits wieder zurück mit den Weggli – sagt: «Der Kontakt zu den Kunden ist ein Antrieb. Ich brauche das. Zuhause rumsitzen kann ich nicht. Und im Garten ist irgendwann alles erledigt.» Über die Jahre hat sich sein Güggeliwagen etabliert. «Einige Kunden kommen jede Woche.»

Wie zum Beweis nähert sich eine Dame dem Stand, Mitte 40, blond, modische Strickjacke, Handtasche unter dem Arm. Sie gehört zu denen, die öfter kommen. «Ein Güggeli geviertelt, zweimal Country Fries, einmal mit Paprika und einmal ohne.» Mit der Bestellung legt sie auch ihre Stempelkarte auf die Theke. Das 15. Poulet oder die 15. Haxe ist gratis. Während Verena Jola zerteilt und frittiert, geht die Kundin zum Smalltalk über. «Es ist doch noch frisch draussen. Ständig muss ich mich bei diesem Wetter umziehen. Aber Sie sind ja im Warmen.»

Geschäft ist wetterabhängig

«Im Winter wird es eisig kalt, trotz Grill im Rücken», wird mir Verena Jola später erzählen. Immerhin, mit Planen-Wänden kann eine Art Vorzelt gebaut werden. «Das macht dann doch einige Grad aus», so Morini. Im Frühling und im Sommer stellen die beiden dafür beim Wagen einen Tisch auf, damit die Kunden ihre Güggeli gleich vor Ort geniessen können. «Das Wetter spielt für unser Geschäft schon eine grosse Rolle. Wenn es kurz vor Mittag zu schütten beginnt, kommt niemand.»

Heute weht zwar ein frischer Wind, doch die Sonne scheint. Und ein schwarzer Porsche hält beim Güggeli-Stand. Eine Mittfünfzigerin entsteigt ihm. Chic und strahlend. «Zwei ganze Poulet.» – «Möchten Sie Pommes dazu?», fragt Paolo Morini. Die Frau zögert. «Was kostet ein Güggeli? 30 Franken? Ach so, nur 17.50? Ja, dann reicht’s auch noch für Pommes frites» – «Gerne», entgegnet Paolo Morini, «aber vielleicht sollte ich aufschlagen.» Beide lachen – und die Frau fügt entschuldigend an: «Ich kenne halt die Preise nicht, normalerweise kommt mein Mann.»

Güggeli oder Haxe?

12 Uhr ist mittlerweile vorbei. Nun halten auch Handwerker aus der Region beim Poulet-Wagen. Zwei von ihnen diskutieren: Güggeli oder Haxe? Paolo Morini mischt sich ein. «Es gibt auch noch Zander-Knusperli.» Die jungen Handwerker schauen sich an. Schütteln den Kopf. «Es ist ja noch nicht Freitag.» Einer bestellt ein Poulet, der andere eine Haxe.

Als ich ihn später auf die Szene anspreche, lacht Paolo Morini. «Es ist tatsächlich immer noch so: Am Freitag verkaufen wir deutlich mehr Fisch-Knusperli also an den anderen Tagen.» Die Güggeli seien aber schon der Verkaufsschlager. Nicht nur deswegen achtet Morini darauf, stets Schweizer Poulets in guter Qualität einzukaufen. «Als ich angefangen habe, bin ich unangemeldet auf die Höfe gefahren, welche mir die Güggeli liefern.»

Langer Arbeitstag

Jeden zweiten Tag ist er auf Einkaufstour. «Es gehört eben viel mehr zu meinem Job als nur die Öffnungszeit an den Standplätzen. Die Fahrzeiten etwa, den Standplatz vorbereiten und aufräumen, den Grill reinigen und das Geschirr abwaschen», sagt Morini. Bleiben am Abend grillierte Poulets übrig, liefert er sie am nächsten morgen an ein Restaurant, wo sie weiterverarbeitet werden. «In letzter Zeit war das aber selten der Fall.»

Morini ist selbstständig und gehört keiner Kette an. Darauf legt er Wert. «Ich gehöre nur mir selber. Sonst mache ich zu.» Doch auch so macht sich der 71-Jährige Gedanken, wie lange er seinen Güggeli-Wagen noch betreiben will. «Wenn ich gesund bleibe, sicher noch zwei Jahre», sagt er. Sind Nachfolger in Sicht? «Ich würde den Wagen gerne einmal verkaufen, aber das wird wohl schwierig.» Er könne von der Rente und dem Güggeli-Geschäft leben, erklärt Morini. «Aber wenn jemand eine Familie ernähren muss, ist es hart. Dann muss er Standplätze haben, an denen er 100 Poulets täglich verkauft.»

Verena Jola hat derweil eben eine weitere Bestellung herausgegeben und wünscht dem Kunden mit St. Galler Autonummer «En Guete!». Dann dreht sie sich zu ihrem Partner um: «Jetzt fehlen noch die ‹Knusperli›», sagt sie, «der Kunde kommt doch jede Woche.» Paolo Morini schaut auf die Uhr. 12.30 Uhr. «Der kommt schon noch. Wir sind ja noch eine Weile hier.»