Fricktal

Sozialhilfestatistik birgt Überraschung

Die Fricktaler Zentrumsgemeinden haben die höchste Sozialhilfequote – zusammen mit der Kleingemeinde Oberhof.

Die Sozialhilfestatistik 2017, die der Kanton am Montag publiziert hat, bietet für das Fricktal viel Erwartbares – und eine faustdicke Überraschung.

Das Erwartbare ist, dass Gemeinden mit einer Zentrumsfunktion und einem hohen Anteil an Mietwohnungen eine höhere Sozialhilfequote aufweisen als kleine Landgemeinden, in denen die Eigenheime dominieren. Die höchste Sozialhilfequote weist denn auch die grösste Gemeinde im Fricktal auf: Rheinfelden. Hier sind 3,7 Prozent der Einwohner auf Sozialhilfe angewiesen. Das sind zwar viele, doch die Quote liegt im Vergleich mit dem kantonalen Spitzenreiter Aarburg, wo die Sozialhilfequote bei 6,1 Prozent liegt, gleichwohl im Rahmen.

Die faustdicke Überraschung ist Oberhof. Als typische Landgemeinde mit einem hohen Anteil an Eigenheimen müsste die Gemeinde bei der Sozialhilfequote unter «ferner rangierten» auftauchen. Fehlanzeige. Oberhof weist, zusammen mit Rheinfelden, die höchste Sozialhilfequote im Fricktal auf. 3,7 Prozent der rund 600 Einwohner sind auf Sozialhilfe angewiesen.

Anruf bei Gemeindeammann und alt Grossrat Roger Fricker (SVP). Die Frage ist noch nicht zu Ende ausformuliert, da kommt auch schon seine Antwort: «Frau Sommaruga ist schuld.» Er meint damit ihre Flüchtlingspolitik, denn ein beachtlicher Teil der Sozialhilfebezüger in Oberhof sind anerkannte Flüchtlinge. Der Bund trägt ihre Kosten in den ersten fünf Jahren. Sind sie danach weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen, müssen die Gemeinden zahlen.

Ein zentraler Parameter für die Sozialhilfequote ist, ob es in einer Gemeinde günstigen Wohnraum gibt oder nicht. Wo es ihn gibt, ist die Sozialhilfequote meist höher. Günstige Wohnungen findet man vor allem in Zentrumsgemeinden. Aber nicht nur, wie das Beispiel Oberhof zeigt. Hier ist es eine Liegenschaft, die im Fokus steht. Machen könne man da nichts, sagt Fricker, jeder sei in der Schweiz frei in der Entscheidung, an wen er seine Wohnungen vermiete. Dass Fricker die Vermietungspraxis des besagten Besitzers aus dem Kanton Zürich gewaltig ärgert, hört man seiner Stimme an. Das Gespräch habe man mit ihm deswegen noch nie gesucht, sagt Fricker, er glaube auch nicht, dass dies etwas bringe.

Gespräche mit Hausbesitzern

Ganz anders operiert Laufenburg. Die Gemeinde weist mit 3,5 Prozent die dritthöchste Sozialhilfequote im Fricktal auf – und geht direkt auf die Hausbesitzer zu. «Die Gemeinde hat bereits zahlreiche Gespräche mit Liegenschaftseigentümern geführt», sagt Gemeindeschreiber Marco Waser. Die Gespräche hätten schon Früchte getragen, «es zeichnen sich mehrere private Lösungen ab». Sprich: Liegenschaften werden «zeitnah saniert und aufgewertet».

Auch hat die Gemeinde im Rahmen des Investitionskonzepts zwei Liegenschaften in der Altstadt erworben, die nun saniert werden. «Eine dritte Liegenschaft in Sulz wird demnächst gekauft, die Verhandlungen mit der Verkäuferpartei sind bereits abgeschlossen.» Damit, so ist man in Laufenburg überzeugt, kann man etwas dazu beitragen, dass die Sozialhilfequote mittelfristig sinkt. Denn das Angebot an günstigen möblierten Zimmern hat die Fallzahlen «in den letzten Jahren überproportional steigen lassen», so Waser.

Bei den Gründen, weshalb die Sozialhilfequote hoch ist, macht Waser neben der Zentrumsfunktion auch die Grenznähe aus. Und eine Praxisänderung bei der Invalidenversicherung (IV). «Wir stellen fest, dass in den vergangenen Monaten vermehrt Klienten in die Sozialhilfe kommen, bei denen im Zuge der IV-Revision IV-Renten nach Jahren des Bezuges eingestellt werden», sagt Waser.

Die Praxisänderung der IV spüren die Sozialdienste dabei auch bei der Arbeitsmarktintegration von Sozialhilfebezügern. Klar ist: «Der nachhaltigste Weg aus der Sozialhilfe führt über Arbeit und Beschäftigung», umschreibt es Michael Widmer, Gemeindeschreiber in Frick. Die Abteilung Soziales führt deshalb seit Jahren Projekte zur Arbeitsintegration und -vermittlung durch – erfolgreich, wie Widmer sagt. Nur eben: Zum einen verschwinden immer mehr Arbeitsstellen für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer. Zum anderen sind bei weitem nicht alle Sozialhilfebezüger von ihren persönlichen und gesundheitlichen Voraussetzungen her in der Lage, zu arbeiten. «Die in den letzten Jahren verfolgte Erhöhung der Hürden für IV-Renten trägt das ihre dazu bei», so Widmer.

Urbanität wirkt sich aus

Widmer bestätigt ebenso wie Roger Erdin, Stadtschreiber in Rheinfelden, dass das Wohnungsangebot ein quotentreibender Faktor ist. Frick erhebt zwar keine statistischen Daten, in welchen Quartieren die meisten Sozialhilfeempfänger leben. «In der Regel ist die Quote in Quartieren mit günstigen Mietwohnungen tatsächlich etwas höher», sagt Widmer. In Rheinfelden dagegen betrifft dies laut Erdin weniger ein konkretes Quartier als vielmehr vereinzelte Mehrfamilienhäuser in verschiedenen Quartieren, die günstigen Wohnraum anbieten. Beide Gemeinden, Frick wie Rheinfelden, haben im Gegensatz zu Laufenburg noch nie das Gespräch mit Liegenschaftsbesitzern gesucht.

Das Beispiel Rheinfelden, wo Ende 2017 knapp 500 Personen Sozialhilfe bezogen haben, zeigt, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Gemeindegrösse und Sozialhilfequote gibt. Dieser sei statistisch auch nachgewiesen, so Erdin. Zu den Gründen, weshalb die Sozialhilfequote in Rheinfelden höher ist, zählt Erdin die «urbane Struktur mit der Nähe zur Stadt Basel» und damit verbunden «eine gewisse Anonymität sowie vielfältige Angebote in allen Lebensbereichen.»

In der Benchmark mit den anderen 212 Aargauer Gemeinden liegen Rheinfelden und Oberhof auf Rang 14 der Sozialhilfestatistik. Insgesamt 6 der 32 Fricktaler Gemeinden liegen in der Top 50. Betrachtet man die Bezirke, so weist der Bezirk Laufenburg hinter Muri und Lenzburg die dritttiefste Sozialhilfequote aus, der Bezirk Rheinfelden liegt auf Rang 7 von 11 Bezirken.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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