Ab morgen Sonntag lächeln sie einem wieder allenthalben entgegen, die Damen und Herren Nationalratskandidaten. Denn ab morgen dürfen die Parteien in den meisten Gemeinden ihre Wahlplakate aufstellen. 496 Gesichter strahlen einen dann kantonsweit an. Alle freundlich (ist zu hoffen), alle mit blankweiss retuschierten Zähnen (ist zu erwarten), alle mit der einen Botschaft: Nimm mich. Pardon: Wähl mich.

Wirklich etwas zu lachen werden am 20. Oktober, dem Wahltag, aber nur gerade 16 der 496 Stimmenfänger haben. Mehr Nationalratssitze hat der Aargau nicht zugute. Mit anderen Worten: Für 96,6 Prozent der Kandidierenden bleibt ein Sitz in der grossen Kammer ein Wunschtraum, der Wahlkampf damit (bestenfalls) eine gute Erfahrung. Oder ein Versprechen für die Zukunft, für einen der nächsten Wahlgänge.

Teilt man den Sitze-Kuchen auf die Aargauer Regionen auf, so bekommt das Fricktal, das mit 55 Bewerbern ins Rennen steigt, wohl ein Stück, pardon: einen Sitz. Garniert man den Kuchen mit einer Portion Optimismus, will heissen: Lokalpatriotismus, so könnten es auch zwei oder drei Sitze werden.

Die besten Chancen hat dabei sicher Maximilian Reimann, der den Aargau und damit auch das Fricktal seit 1987 in Bern vertritt. Der SVP-Politiker, der diesmal mit eigener Liste (Team65+) antritt, schätzt seine Chancen selber als «intakt» ein. «Ich bekomme von Senioren-Autofahrerinnen und -fahrern aus der ganzen Schweiz nach wie vor derart viele Komplimente, weil es mir gelungen ist, das Alter für die verkehrsmedizinische Kontrollprüfung gesetzlich von 70 auf 75 Jahre zu erhöhen, dass ich meine Wahlchancen als intakt betrachte», sagt er auf Anfrage. Das betroffene Zielpublikum wisse, «der tut was für uns», und gehöre deshalb weiter nach Bern.

Von Optimisten, Realisten und Tiefstaplern

Die Selbsteinschätzung, dass er bei älteren Wählern viele Stimmen holen kann, ist sicher nicht falsch. Gewissheit, ob es ihm mit seiner eigenen Liste für den Sitzerhalt reicht, wird Reimann aber – wie alle Kandidierenden – erst am 20. Oktober haben.

Doch wie beurteilen die Fricktaler ihre Chancen selber? Die AZ hat die Kandidierenden der Hauptlisten der grösseren Parteien nach ihrer persönlichen Einschätzung gefragt. Das Antwortspektrum reicht vom (Zweck-)Optimismus über den Realismus bis zum Tiefstapeln.

Zur Spezies der Optimisten gehört Grüne-Grossrätin Gertrud Häseli aus Wittnau. Ihre Chancen seien intakt, findet sie, denn «Grün grünt». Ins Lied «es grünt so grün» stimmt ihr Partei- und Grossratskollege Andreas Fischer zwar ebenfalls ein. Er hofft auf einen zweiten Sitz für die Aargauer Grünen. Dass er selber auf dieser grünen Welle nach Bern reitet, glaubt Fischer indes weniger. «Angesichts meines Listenplatzes gehe ich aber nicht davon aus, dass dieser mir zufallen wird.»

Zu den Optimisten zählt auch CVP-Grossrat und Fraktionschef Alfons Kaufmann aus Wallbach. «Die diesjährige Ausgangslage sieht für mich nicht schlecht aus», sagt er. Es sei vieles offen. Er zählt dabei «auf alle verantwortungsvollen Unternehmungen» und ihre Mitarbeiter. Grundvoraussetzung für die Wahl von Kaufmann, der auf Listenplatz 6 ins Rennen steigt, wäre allerdings, dass die CVP einen zweiten Sitz holt und dass Marianne Binder, welche die besten Chancen für diesen zweiten Sitz hat, in den Ständerat wegbefördert wird.

Partei- und Grossratskollege Werner Müller tönt da doch einiges nüchterner: Seine Wahlchancen seien «eher klein», sagt er und fügt an, die Wahl sei «aber nicht unmöglich». Gar ein «verschwindend gering» gibt sich die Dritte im CVP-Bunde auf der Hauptliste, Marion Pfister aus Stein. «Doch ich möchte einerseits wesentlich dazu beitragen, dass die CVP einen zweiten Sitz holt, und mich andererseits für zukünftige Wahlen besser positionieren», sagt sie.

Kurz und knapp beantwortet SVP-Grossrätin Désirée Stutz die Chancen-Frage: «Ich denke, diese sind intakt.» Da liegt sie wohl richtig. Denn von der aktuellen siebenköpfigen SVP-Deputation treten zwei gar nicht mehr an und zwei – Reimann und Luzi Stamm – listenfremd. Mit anderen Worten: Von den sieben Bisherigen treten auf der SVP-Liste nur deren drei wieder an; mit Listenplatz acht hat Stutz also durchaus Chancen – vorausgesetzt, die SVP kann ihre Sitze halten.

Grossteil schätzt eigene Wahlchance als klein ein

Pragmatisch geht es ihr Partei- und Grossratskollege Christoph Riner aus Zeihen an. «Ich zerbreche mir nicht den Kopf über die Wahlchancen» sagt er. Er gebe einfach sein Bestes und hoffe auf den Zusammenhalt der Fricktaler.

Der Grossteil der Fricktaler Kandidaten schätzt die Wahlchancen, durchaus zu Recht, als eher klein ein. Zu ihnen gehört Bruno Tüscher (FDP). Der Gemeindeammann aus Münchwilen beantwortet die entsprechende Frage mit einem Wort: «Gering.» Seine Parteikollegin, Gaby Gerber aus Rheinfelden, schätzt ihre Chancen als «sehr klein» ein. Trotzdem sei es wichtig, dass Bürger sich engagieren und zur Wahl stellen. «Davon lebt unser politisches System. Die direkte Demokratie fusst auf einem breiten Engagement.»

Michael Derrer (GLP) aus Rheinfelden bezeichnet sich selber als «Aussenseiter», fügt aber sogleich an: «In einer glücklichen Kombination meiner Werbemittel kann ich Chancen haben.» Seine Parteikollegin Béa Bieber, ebenfalls aus Rheinfelden, hat sich zum Ziel gesetzt, einen besseren Wahlergebnisplatz als ihren Listenplatz zu erreichen. Sie startet auf Listenplatz 8, ein Sprung nach vorne ist ihr zuzutrauen.

Noch acht Plätze weiter hinten als Bieber, auf dem letzten Listenplatz, startet Rolf Schmid (SP) aus Mettauertal. Seine Wahlchancen schätzt der Betriebsökonom denn auch als «eher bescheiden» ein, doch bekanntlich sei nichts unmöglich. «Es gab immer wieder grosse Überraschungen», weiss er. Der Einsatz für eine solidarische und ökologische Politik lohne sich zudem immer.

Seine Parteikollegin Carole Binder aus Magden beurteilt die eigenen Wahlchancen als «sehr gering». «Dennoch erachte ich den Wahlkampf als sehr lehrreiche und spannende persönliche Erfahrung.»