Camino is back. Der Storch, der im letzten Jahr auf dem «Adler» in Kaiseraugst geschlüpft ist und dessen Flugbewegungen dank einem GPS-Sender im Internet verfolgt werden können, hat sein Winterdomizil Spanien verlassen und ist in die Region zurückgekehrt.

«Damit habe ich wirklich nicht gerechnet», sagt Storchenvater Urs Wullschleger. «Ich ging davon aus, dass er erst mit zwei oder drei Jahren zurückkehrt», dann nämlich, wenn er geschlechtsreif ist und sich paart.

Ist Camino also die grosse Ausnahme? Nein, sagt Peter Enggist von Storch Schweiz. Da die meisten Störche nur noch bis Spanien und nicht mehr bis Afrika ziehen, kehren sie oft schon jährig zurück. Denn während sich die Störche in Afrika über ein Gebiet von bis zu 1000 Kilometern verteilen, leben sie in Spanien nahe beieinander. Camino wurde wohl, so schätzt Enggist, von anderen mitgezogen.

Dies ist eine der Veränderungen, die das Projekt «SOS Storch – Storchenzug im Wandel» festgestellt hat: Die Störche kommen oft bereits als Teenager zurück. Eine zweite: «Mehr als 95 Prozent ziehen nur noch nach Spanien», so Enggist.

Zurück aus seiner Winterresidenz erkundete Camino zuerst die Region. Dabei landete er auch in Kaiseraugst. «Einmal war er keine 100 Meter vom Horst entfernt, in dem er geschlüpft ist.» Gesehen hat ihn Wullschleger, der gleich vis-à-vis dem Horst wohnt, «leider nicht».

Er hält sich seit Juni im Elsass auf. Der rote Punkt zeigt seinen aktuellen Standort.

Er hält sich seit Juni im Elsass auf. Der rote Punkt zeigt seinen aktuellen Standort.

Nach einem Abstecher in den Raum Lörrach hält sich Camino seit Juni im Elsass auf. Wullschleger lacht. «Ich habe schon daran gedacht, ins Elsass zu fahren, um ihn zu besuchen.» Er liess es dann doch sein. Denn in der Zeit zwischen dem letzten Signal – der Sender übermittel zweimal pro Tag den Standort – und Wullschlegers Ankunft im Elsass ist Camino schon längst über alle Berge. Oder dann doch zumindest auf den nächsten Acker oder zum nächsten Teich geflogen.

Dass die einjährigen Störche bereits zurückkehren, sieht man bei Storch Schweiz nicht so gerne. Auch, weil sie oft als Störenfriede auftreten. «Sie liefern sich mit älteren Störchen auch Kämpfe um den Horst», sagt Enggist.

Ob Camino Anstalten gemacht hat, seine Kinderstube zurückzuerobern, weiss Wullschleger nicht. Das Storchenpärchen auf dem «Adler» hatte zwei Junge. «Beide sind eingegangen», sagt Wullschleger. Auf dem zweiten Horst, den Wullschleger in Sichtweite hat, jenem beim Schulhausplatz, überlebten zwei der drei Jungvögel.

Zehn Jungstörche überlebten

«Insgesamt konnten wir zehn Störche beringen», bilanziert Wullschleger. Das sei bei acht Horsten «im unteren Schnitt». Er rechnet damit, dass die jungen Störche in zwei bis drei Wochen ihre ersten Flugversuche unternehmen. «Derzeit machen sie Flügelschläge, um die Muskulatur zu stärken.» Dabei heben sie zwei bis drei Meter ab – und plumpsen dann in den Horst zurück.

Probleme bereitete den Jungtieren nicht nur das nass-kalte Wetter im Mai, sondern auch ein Hagelunwetter, das Mitte Mai über das Fricktal zog. «Alles war in Kaiseraugst schneeweiss», erinnert sich Wullschleger. «Die grossen Hagelkörner dürften einige Jungtiere zu Tode geschlagen haben.»

Besendert wurde in Kaiseraugst in diesem Jahr kein Jungstorch. «Wir hatten zwar einen Sponsor, doch wir bekamen keine Bewilligung», sagt Wullschleger. Dies liegt daran, dass das Kontingent von 62 Sendern, das von den Behörden für das Projekt bewilligt wurde, ausgeschöpft ist.

Das Projekt läuft so lange, «wie es Störche mit Sendern gibt», sagt Enggist. Mit dem Projekt will man herausfinden, weshalb sich das Zugverhalten verändert hat und was passiert, wenn in den offenen spanischen Deponien keine organischen Abfälle mehr gelagert werden dürfen.

Es gebe dafür drei mögliche Szenarien, sagt Enggist. Die Störche ziehen, erstens, wieder nach Afrika. «Das wäre das Beste.» Die Störche fliegen, zweitens, gar nicht mehr in den Süden. Bereits heute bleiben rund 300 auch im Winter in der Schweiz. Und die dritte, die «hoffentlich nicht eintrifft»: Sie verhungern.