Rheinfelden

Visionär oder Fass ohne Boden? – der Rheinsteg polarisiert

Für die einen ist der Rheinsteg unverhältnismässig teuer für die anderen eine Investition in die Zukunft.Bild: zvg

Die AZ zeigt und analysiert die wichtigsten Punkte zur Referendumsabstimmung, die immer wieder in Leserbriefen auftauchen.

Ein Thema bewegt Rheinfelden seit Wochen: Der neue Reinsteg oder, präziser, die Frage, ob selbiger überhaupt je gebaut wird. Genau darüber stimmen die Rheinfelder in knapp zwei Wochen ab.

Nehmen sie den Zusatzkredit von 3,2 Millionen Franken an, kann das Bauwerk, an dem seit 2011 geplant wird, errichtet werden. Lehnen sie den Kredit in der Referendumsabstimmung ab, wird das Projekt (im Fluss) versenkt.

Wie sehr die Brücke die Gemüter bewegt, zeigt sich auch in den Leserbriefspalten der AZ und der beiden Lokalzeitungen.

Gegen 50 Leserbriefe für und wider den Steg sind in den letzten Wochen erschienen; eine derartige Massierung gab es letztmals bei der Wäberhölzli-Abstimmung vor gut drei Jahren, ebenfalls in Rheinfelden.

Die AZ hat die Leserbriefe analysiert und zeigt sechs Brennpunkte, die in der Diskussion zentral sind.

1) Die Kosten

Sie sind klar das Thema Nummer eins in den Leserbriefen. Dazu muss man wissen: Die Kosten haben im Laufe der Projektierung eine erhebliche Eigendynamik entwickelt. Der Rheinsteg startete bei 7 Millionen Euro, erreichte das zwischenzeitlich Allzeithoch von 14,43 Millionen Euro und liegt nach einer Verhandlungsrunde mit dem Anbieter nun bei 12,65 Millionen Euro.

Für Rheinfelden Schweiz – die beiden Rheinfelden teilen sich die Kosten schwesterlich – bedeutet das nach Abzug aller Subventionen: Statt der ursprünglichen 1,49 Millionen Franken kostet der Steg die Stadt nun 4,63 Millionen Franken.

Einig sind sich die Leserbriefschreiber darin, dass sich die Stadt den Steg angesichts der prall gefüllten Kasse leisten kann. Nur: Soll sie sich ihn auch leisten? In den Leserbriefen gehen die Meinungen darüber, ob die Fussgänger- und Velobrücke gut 12 Millionen Euro wert ist, weit auseinander.

Für die einen sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen und so nicht mehr tragbar. Das Geld sollte ihrer Ansicht nach in wichtigere Projekte investiert werden. Andere sagen, die Stadt solle sich den Steg leisten, weil sie es finanziell könne und weil es sich um ein Projekt für Generationen handle.

Zudem habe man schon eine Million Franken ausgegeben, die bei einem Projektabbruch verloren wäre. Die eine Million Franken Abschreibung nehmen die Gegner in Kauf, ganz nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Immer wieder taucht in den Leserbriefen die Befürchtung auf, dass es nicht bei den 12,65 Millionen Franken bleibt, sondern dass der Steg zu einem Fass ohne Boden wird.

Mehrere Leserbriefschreiber warnen zudem vor den Unterhaltskosten die auf die Stadt zukommen und, erinnern daran, dass dieses Luxusprojekt zum sonst sparsamen Regime der Stadt wie eine Faust aufs Auge passt.

2) Der Leuchtturmcharakter

Ob und wie stark der Rheinsteg leuchtet – oder besser: in die Region (und die Welt) ausstrahlt, wird von den Leserbriefschreibern ebenfalls unterschiedlich beurteilt. Für die einen leuchtet er, bildlich formuliert, wie eine Taschenlampe, welcher der Pfuus ausgeht, für andere illuminiert er die Stadt so hell wie eine Flugpistenbeleuchtung.

Für Erstere ist der Bau des Steges denn auch eine Torheit, für Letztere ein zukunftsweisender Schritt, ja: «ein mutiger, weitsichtiger und genialer Entscheid». Die «Steg-Verhinderer» bezeichnet ein Schreiber gar als mutlos.

Mutig sei genau das Gegenteil, hält ein anderer dagegen, nämlich: Das Projekt zu stoppen, solange dies noch möglich ist.

3) Der Nutzen

Einig sind sich Befürworter wie Gegner: Überlebenswichtig ist der Rheinsteg nicht; Rheinfelden hat bereits drei Rheinübergänge. Wo liegt also der Nutzen?

Für die Gegner im Nirgendwo, denn der Steg führe ebendahin – ins Nirgendwo auf badischer Seite. Auf einen Kurznenner gebracht, tönt das dann so: «Falscher Standort, geringer Nutzen.» Oder so: «Ein viel zu teures Luxusobjekt ohne jeglichen Nutzen.»

Für die Befürworter dagegen ist der Nutzen aus- und nachgewiesen. Der Steg schaffe Freiräume und Rheinfelden erhalte einen zusätzlichen, kürzeren Rundweg, was vor allem ältere Mitbewohner schätzen würden.

Die Befürworter erinnern an die beliebte «Schwobe-Rundi», wie der Rundweg über den alten, 2011 abgerissenen Eisensteg im Städtchen salopp genannt wurde. Zudem werde der Rheinsteg zum Hit für Berufspendler, glauben die Befürworter – etwas, woran die Steggegner nicht glauben mögen.

Unterschiedlich wird auch beurteilt, ob der Rheinsteg den Tourismus beflügelt. Ein Lockmittel, finden die einen, zu weit weg von der Altstadt, die anderen.

4) Das Bild

Jedes Bauwerk ist Geschmacksache und bisweilen sorgen Bauprojekte aus optischen Gründen für emotionale Aufschreie. Das ist beim Rheinsteg weniger der Fall; über die Frage, ob der Steg gefällt oder nicht, wird kaum diskutiert.

Oder dann eher indirekt, wenn darüber debattiert wird, ob die Brücke ein Stück Natur zerstöre oder nicht. Das hochgelobte Designobjekt versperre den Blick auf den Rhein, findet ein Leserbriefschreiber, der Steg sei ein filigranes Kunstwerk der Extraklasse, hält ein anderer dagegen.

5) Die Alternative

Wer den Steg nicht will, will in der Regel keine Alternative. Denn er oder sie ist überzeugt: Die Brücke braucht es nicht. Einige wünschen sich derweil einen einfacheren und damit kostengünstigeren Steg.

Andere bringen eine Alternative zu einer Brücke ins Spiel: eine Rheinfähre. Diese wäre, da ist sich ein Leserbriefschreiber sicher, touristisch von weit grösserem Wert als eine Brücke – und erinnert an die vier Fähren in Basel.

6) Die Brüder und Schwestern

Wäre ein Nein zum Rheinsteg ein Schlag ins Gesicht der deutschen Mitbrüder und -schwestern? Darüber sind sich die Leserbriefschreiber nicht einig.

Während die einen finden, ein Nein wäre ein Affront gegen Badisch- Rheinfelden, erinnern andere daran, dass der Steg zwar vom Gemeinderat auf badischer Seite mehrfach abgesegnet wurde, ein Bürgerentscheid jedoch ein anderes Resultat gezeigt habe.

Das ist korrekt. In einem Urnengang im Januar 2016 stimmten 4474 Stimmberechtigte gegen den Steg und 4174 dafür. Dass dieser Entscheid nicht verbindlich war, lag daran, dass das notwendige Quorum von 20 Prozent nicht erreicht wurde; nur 17,45 Prozent der Stimmberechtigten gingen an die Urne.

Derweil sehen andere im Rheinsteg einen grenzüberschreitenden Brückenschlag, eine Verbindung mit Symbolkraft, die ein Leserbriefschreiber als «Freundschaftsbrücke» bezeichnet.

Die Formulierung, das Gesicht zu verlieren, taucht ebenfalls mehrfach in den Leserbriefspalten auf – und meint dabei Gegensätzliches. Für die einen verliert die Stadt das Gesicht, wenn die Brücke versenkt würde. Für andere haben jene Parteien, die, je nach Position, für oder gegen den Steg sind, das Gesicht bereits verloren.

Gewonnen hat derweil jeder Rheinfelder, der über den Rheinsteg abstimmt – ganz egal, wie er abstimmt und wie der Urnengang ausgeht. Denn die Demokratie lebt von der Beteiligung.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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