Für Nicole ist die Rheinfelder Bahnhof-Unterführung ein beliebter Ort. Hier bat sie dieser Tage Vorbeieilende um ein paar Münzen. Die 23-jährige Slowakin fand nach ihrer Ausbildung keine Anstellung. Sie lebt in einer Unterkunft der deutschen Caritas. Ihr Tagesverdienst liegt zwischen zwanzig und dreissig Franken. Wie jener von Victor, der, 43-jährig, ebenfalls aus der Slowakei kommt und ab und zu in der Rheinfelder Unterführung bettelt. Alle drei Wochen fährt er dann mit dem Car für 180 Franken zu seiner Frau und seinen beiden Kindern, erzählt er mir bei einem wärmenden Tee im Bahnhof-Restaurant. Für Arme sind reiche Orte anziehend.
Das ist verständlich und verhält sich manchmal auch umgekehrt.

Wenn es bei uns kalt ist, suchen wir gerne Wärme in der Ferne. Dann reisen viele Reiche zu Armen. Zum Beispiel in die Südsee. Ja, die vielen Dinge machen den Papalagi arm, soll der Polynesier Tuiavii einst über einen reichen Fremden gesagt haben. Und: Weil er so arm ist, greift er nach den Dingen. Er sammelt sie, wie der Narr welke Blätter sammelt. Es ist eine grosse Armut, wenn der Mensch viele Dinge braucht und von einem Ort zum andern hetzt.

Ich spaziere vom Rheinfelder Bahnhof zum Stadtpark und freue mich einmal mehr darüber, wie ansprechend dieser beliebte Ort gestaltet und gepflegt ist. Jeden Vormittag legt hier, abwechselnd mit einer Kollegin, der Gemeindearbeiter Josef Yoller Hand an. Er leert die Kübel und reinigt die öffentlichen Toiletten, die er abends wieder schliesst. Im Sommer erst um 23 Uhr. Bei seinen Rundgängen musste der gelernte Mechaniker auch schon glühende Einweg-Grille in Abfalleimern löschen. Bei den kreativ angelegten Spielplätzen achtet er besonders darauf, dass keine Scherben von zerschlagenen Flaschen herumliegen. Der Stadtpark liegt ihm am Herzen. Der 62-Jährige kümmert sich aufmerksam um ihn. Zu unser aller Nutzen. Zum Glück beschloss die Gemeinde vor ein paar Jahren weitsichtig, auch den Ostteil dieses Erholungsraums frei zu halten. «Sie bauen ja sonst schon viel», fügte Josef Yoller bei unserem kurzen Gespräch schmunzelnd an. Wie wahr.

Wie wir immer schneller in ungebremster Wachstumsdynamik scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten nachjagen, beschreibt der St. Galler Soziologe Peter Gross in seinem Buch über die «Multioptionsgesellschaft». Die verdichtete Zeit treibt uns voran. Wir fürchten ständig, etwas zu verpassen. Aber wir müssen nicht alles tun, was wir tun können, und dürfen auch einfach an so einem schönen Stadtpark verweilen und Sorge zu ihm tragen.

Ueli Mäder ist Soziologe und wohnt in Rheinfelden.