Wegenstetten

Von Schliessung bedroht: Jetzt wehren sich zwei SVP-Grossräte für kleine Schulen

Eine Forderung der beiden SVP-Grossräte ist jene nach altersdurchmischten Klassen. Dies unterstützt SP-Grossrätin Elisabeth Burgener.

Eine Forderung der beiden SVP-Grossräte ist jene nach altersdurchmischten Klassen. Dies unterstützt SP-Grossrätin Elisabeth Burgener.

SVP-Politiker fordern eine Senkung der Mindestanzahl an Abteilungen – nicht überall kommt das gut an.

Die Gemeinden im Wegenstettertal haben ein Problem: zu wenig Sekundarschüler. Nachdem Möhlin den Schulvertrag gekündigt hat und ab 2019 keine Sekundarschüler mehr ins Tal schickt, erreicht der Oberstufenstandort in Wegenstetten die vom Kanton geforderte Mindestanzahl an Abteilungen wohl nicht mehr. Man werde die Mindestanzahl von sechs Abteilungen um eine Abteilung unterschreiten, sagte Kathrin Hasler, Gemeindeammann von Hellikon, in der gestrigen AZ. Das heisst: Das Oberstufenzentrum braucht eine Ausnahmebewilligung vom Kanton, um mit fünf Klassen unterrichten zu dürfen.

Es braucht sie noch, geht es nach dem Willen von Hasler und Christoph Riner, die beide für die SVP im Grossrat sitzen. Denn sie wollen mit einer Motion, die sie am 13. November im Grossrat einreichen und die der AZ vorliegt, genau dies ändern: Die Mindestanzahl an Abteilungen soll von sechs auf fünf gesenkt werden. Zudem soll der Regierungsrat altersdurchmischte Klassen in der Oberstufe zulassen und Schulen, welche die Mindestanforderungen nicht erfüllen, während sechs Jahren eine Ausnahmebewilligung erteilen. Heute sind es maximal zwei bis drei Jahre.

Mit diesen Forderungen wehren sich die beiden SVP-Grossräte «gegen unnötige Zentralisierungen der Oberstufenstandorte zulasten der kleinen Gemeinden», nur weil die Mindestanforderungen «kurzfristig» nicht erfüllt würden.

Es gehe bei der Motion nicht allein um den Erhalt des Oberstufenstandortes Wegenstetten, betont Riner. «Andere Landgemeinden haben das gleiche Problem», weiss er aus Gesprächen.

Von der sechsjährigen Ausnahmebewilligung erhofft sich Riner «mehr Spielraum für die Gemeinden». Und zwar in beide Richtungen: Jene Gemeinden, die sehen, dass sie die Mindestschülerzahl langfristig nicht mehr erreichen, «haben genügend Zeit, eine neue, tragfähige Lösung zu finden». Den Gemeinden aber, die wachsen und damit die Schülerzahlen mittelfristig wieder erreichen, «gibt die Regelung den Schnauf, den sich brauchen.» Es gehe nicht darum, Kleinstschulen auf ewig zu sichern, beteuert Riner. «Es geht um eine faire Chance und um Verbindlichkeit für kleinere Schulen.»

Diesem Ziel ordnet er auch die zweite geforderte Massnahme, jene nach altersdurchmischten Klassen, zu. Die Mindestschülerzahlen pro Klasse seien in den letzten Jahren erhöht worden, sagt Riner. «Dadurch haben viele kleinere Oberstufenzentren Mühe, die geforderten Mindestschülerzahlen vor allem in der Realschule zu erreichen.» Habe ein Jahrgang einen Schüler zu wenig, ein anderer aber zwei zu viel, könnten dank dem altersdurchmischten Unterricht dennoch zwei Abteilungen geführt werden – «und alles ist im Lot».

Standorte sichern helfen, soll auch die Senkung von sechs auf fünf Abteilungen. Das sei ein «pragmatischer Weg», findet Riner. Er glaubt nicht, dass die Bildungskosten dadurch deutlich steigen würden. «Das wäre der Fall, wenn wir eine Reduktion auf zwei oder drei Abteilungen fordern würden.» Zudem koste es die Gemeinden auch, leere Schulhäuser zu haben, zusätzliches Schulgeld zu zahlen und Transportkosten berappen zu müssen.

«Eine Oberstufe zu haben, ist ein ungeheurer Standortvorteil für eine Region», ist Riner überzeugt. Dies sei ein Mitentscheidungsgrund, dass sich Familien an einem Ort niederliessen. Ihn ärgert, dass man laufend fordert, Gemeinden müssten attraktiver werden, «ihnen aber gleichzeitig mit Zentralisierungen das Leben schwer macht». Die ländlichen Gemeinden werden seiner Ansicht nach «in ihrer Entwicklung und ihrer Wahrung der Gemeindeautonomie behindert».

Es braucht regionale Lösungen

Mit der Vorstellung von Gemeindeautonomie, wie sie die Motionäre haben, kann SP-Grossrätin Elisabeth Burgener wenig anfangen. Sie selber hat in ihrem Dorf, Gipf-Oberfrick, Erfahrung mit der Frage gemacht, ob der kleine Oberstufenstandort erhalten werden soll oder ob er mit dem grösseren Standort in Frick zusammengelegt werden soll. Auch in Gipf-Oberfrick waren die Schülerzahlen am unteren Limit – bisweilen sogar etwas darunter. Die beiden Gemeinderäte propagierten das Modell «Zwei Oberstufenstandorte unter einer Leitung». Dagegen gab es im Dorf massiven Protest. Schliesslich entschied der Souverän, dass der Oberstufenstandort selbstständig bleibt.

Für Burgener ist klar, dass die Gemeindeautonomie nicht soweit gehen darf, dass keine Veränderungen mehr möglich sind. «Man muss schauen, wo es Sinn macht, Schulen zusammenzulegen.» Allerdings, und da gibt sie Riner recht, mache es auch wenig Sinn, Schulhäuser leer stehen zu lassen. «Es braucht regionale Lösungen.»

Nicht unterstützen kann sie die Forderung von Riner und Hasler, die Mindestabteilungszahlen zu senken. «Für mich geht es nicht auf, aus Gemeindeautonomiegründen die Zahl der Abteilungen zu senken, nicht aber die Zahl der Schüler pro Klasse, was pädagogisch wertvoll wäre.» Burgener ist Lehrbeauftragte an der FHNW Soziale Arbeit und Lehrerin.

Was sie hingegen unterstützt, ist die Forderung nach altersdurchmischten Abteilungen. Sie selber hat gute Erfahrungen mit dieser Unterrichtsform gemacht. «Es ermöglicht ein flexibleres und besseres Arbeiten mit den Kindern.»

Kritisch beurteilt Burgener dagegen den Faktor «Standortvorteil». «Einem Oberstufenschüler ist es nicht so wichtig, ob er in der eigenen Gemeinde oder einer Nachbargemeinde zur Schule geht.» Sie glaubt nicht daran, dass die Motion im Grossrat Chancen haben wird. «Schon rein aus finanzpolitischen Gründen nicht.»

«Ein Schritt zurück»

«Kein Fan» der Motion ist auch CVP-Grossrat Alfons P. Kaufmann. Er gehört der grossrätlichen Bildungskommission an. Er empfindet die Stossrichtung der Motion als «Schritt zurück» und verweist auf die positiven Erfahrungen mit grösseren Schulzentren wie jenem in Rheinfelden. «Ein grosses Zentrum kann auch eine Chance sein», ist er überzeugt. Man könne mehr investieren als eine kleine Schule, die Möglichkeiten seien grösser, der Austausch unter den Lehrpersonen intensiver. «In grösseren Einheiten hat das Individuum auch mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten», ist er überzeugt.

Auch wenn man die von den Motionären geforderten Massnahmen umsetze, sei das noch kein Garant, dass eine Schule nicht wieder an den Punkt komme, an dem es nicht mehr gehe. «Und dann?», fragt Kaufmann und zieht als Unternehmer einen Vergleich zur Wirtschaft: «Auch als Unternehmer muss ich Schritte einleiten, wenn es so nicht mehr geht.»

Kaufmann hält einen anderen Ansatz für zielführend: «Man müsste die Bezirks- und die Realschule auflösen und nur noch eine Sekundarschule mit Leistungszügen anbieten.» So könnten die Schüler ihren Fähigkeiten gemäss gefördert werden. «Im heutigen System haben es die Schüler, die in die Real kommen, schwer.»

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