Rhygfrörni
Vor 50 Jahren wurde der gefrorene Rhein zur zollfreien Zone

Der Januar 1963 war frostig. Am 11.Januar stürzte das Thermometer ins Bodenlose. Eine 21-tägige Kälteperiode mit einer Durchschnittstemperatur von 8,5 Grad unter Null liess die Menschen zittern und den Rhein zufrieren.

Hans Christof Wagner
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Die lang anhaltende Kälte liess 1963 den Rhein stellenweise von Ufer zu Ufer zufrieren. So auch bei Wallbach. Hier gab es sogar ein Eisfest. ZVG

Die lang anhaltende Kälte liess 1963 den Rhein stellenweise von Ufer zu Ufer zufrieren. So auch bei Wallbach. Hier gab es sogar ein Eisfest. ZVG

Heinz Thomann, damals 15 Jahre alt, erinnert sich: «Ich weiss noch, wie die Eisschollen auf dem Rhein immer grösser und dichter wurden, und irgendwann war die Eisfläche dann durchgehend.»

Holzbalken am Velo

Aber es dauerte eine Weile, bis die Menschen ihre Scheu verloren und sich aufs Eis wagten. Und in den ersten Tagen ging die Angst davor einzubrechen immer mit. Thomann fuhr sogar mit dem Velo darauf herum. «Ich hatte aber einen Holzbalken daran angebunden, der hätte mich dann vor dem Untergehen bewahrt», erzählt er.

Laufenburger Eiszeiten

Ein grosses Spektakel bildete für die Laufenburger jeweils die Rhygrörni. Der Fluss war oberhalb der Brücke komplett zugefroren in den Jahren 1891, 1929 und 1963. Der Rhein verwandelte sich oberhalb der Laufenburger Brücke in kalten Wintern schon einige Male in Eislandschaften und bildete zwischen den beiden Ufern eine tragfähige Eisschicht, sodass sich das Volk auf dem zugefrorenen Fluss vergnügen konnte.
Im Museum Schiff befindet sich eine Fotosammlung mit Aufnahmen aus verschiedenen «Laufenburger Eiszeiten». Die meisten Bilder sind erhalten geblieben von der Rhygfrörni 1929. Eines davon zeigt Bäckermeister Ernst Maier auf seinem schweren Motorrad auf dem vereisten Rhein, mit einem Kollegen als Beifahrer auf dem. Weiter sind auf dieser Aufnahme Grenzwächter Müller mitsamt Velo zu erkennen sowie zwei Frauen beim Betrachten der Eisfläche. Andere fotografische Dokumente zeigen Gruppen von Laufenburgern mitten auf dem zugefrorenen Rhein, oftmals die Altstadtkulisse im Hintergrund. (chr)

Aber dann trauten sich immer mehr auf den Fluss, der auf einer Länge von mehreren hundert Metern begehbar war. Manche fuhren Schlittschuh darauf, andere zogen einen Schlitten hinter sich her, wagten auf der Eisfläche ein Tänzchen oder spielten eine Partie Jass. Es soll der lokalen Zeitung zufolge sogar ein Flugzeug aus Sisseln darauf gelandet sein. «Das war ein Jahrhundertereignis, das alle anlockte», weiss Thomann noch.

Eisschollen türmen sich im Rhein auf (Januar 1929)
9 Bilder
Der Rhein oberhalb der Brücke bei Laufenburg ist zugefroren (Januar 1929)
Gruppenfoto auf dem Rhein bei Laufenburg im Januar 1929 auf dem zugefrorenen Rhein
Besichtigung der Rhygfrörni durch den Laufenburger Stadtschreiber Emil Leber (rechts) im Januar 1929
Treibeisgewölbe in der breiten Waage (23
Das Zollpersonal im Winter 1929 auf dem zugefrorenen Rhein bei Laufenburg
Laufenstein und grosse rote Fluh sind vereist (Januar 1891)
Hund im Packeis auf dem Rhein bei Laufenburg (Winter 1929)
Eisige Kälte liess im Januar 1929 den Rhein bei Laufenburg total zufrieren

Eisschollen türmen sich im Rhein auf (Januar 1929)

Zur Verfügung gestellt

Er kann sich auch noch an das spontane Eisfest erinnern, das die Wallbacher auf beiden Ufern am 27. Januar 1963 feierten. «An dem Tag war strahlendes Sommerwetter. Wir machten einen Spaziergang und fanden auf dem Rhein eine grosse Menschenmenge vor», berichtet Christian Rind aus dem deutschen Wallbach, seinerzeit 28 Jahre alt.

Ein Konzert auf der Flussmitte

Von dort machten sich auch die Mitglieder des Musikvereins auf. Sie nahmen einen Wasserkessel mit, machten Würste heiss und verteilten sie. Sie hatten ihre Instrumente dabei und veranstalteten auf der Flussmitte ein spontanes Konzert. «Ganz Wallbach war auf dem Eis, auch aus der Schweiz kamen sie rüber», blickt Thomann zurück. Mehr oder minder machtlos schauten die Zöllner dem «illegalen» Grenzübertritt der Menschen zu, bei dem wohl auch allerlei geschmuggelt wurde.

So war der Rhein über mehrere Wochen hinweg eine einzige zollfreie Zone. Wann es genau zu Ende war, weiss Rind nicht mehr. Er kann sich nur noch an die Detonationen oberhalb des Kraftwerks Schwörstadt erinnern. Arbeiter sprengten dort die Eisfläche auf, damit das Wasser wieder frei fliessen konnte: Das grenzenlose Eisvergnügen war vorüber.

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