Gesundheit

Jeder sechste Prämienfranken geht an die Spitalärzte – auch ein Aargauer Spital zahlt Spitzenlöhne

Muss das Vergütungssystem für Spitalärzte geändert werden?Simon Tanner/Keystone

Muss das Vergütungssystem für Spitalärzte geändert werden?Simon Tanner/Keystone

Experten wittern ein Sparpotenzial von einer halben Milliarde Franken.

Im Durchschnitt verdienen Chefärzte in Spitälern mehr als doppelt so viel wie ein Bundesrat oder wie ein Geschäftsleitungsmitglied eines Unternehmens mit 500 bis 5000 Beschäftigten. Diese Zahlen hat Urs Klingler aufgrund von Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) berechnet. Klingler ist auf Lohnsysteme spezialisiert und engagiert sich für marktgerechte Vergütungssysteme.

Die Lohnanalyse umfasst 174 Spitäler, die im Jahr 2015 insgesamt 4,6 Milliarden Franken für ihre Ärzte und Ärztinnen ausgaben. Das entspricht 16,4 Prozent der Grundversicherungs-Prämien. Würde kein Spitalarzt über eine halbe Million Franken verdienen, käme das Gesundheitswesen eine halbe Milliarde Franken günstiger zu stehen. Das hat Klingler ausgerechnet.

Lukrative Zusatzverdienste

Bei diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind Zusatzeinkommen der Ärzte:

  • Behandlungen von Privatpatienten
  • Behandlungen als Belegarzt in Privatspitälern
  • Einkommen aus Aktienbeteiligungen an privaten Herz-, Augen-, Schmerz- oder Krebszentren

Ein Chefarzt in einem Spital kann 600'000 Franken verdienen, als «Nebenbeschäftigung» jedoch zusätzlich in einem Privatspital operieren und Aktionär eines spezialisierten Zentrums sein.

In folgenden Spitälern konnten Ärzte 2015 am meisten verdienen: Klinik im Park und Schulthess Klinik (Zürich), Solothurner Spitäler, Spitäler Schaffhausen, St. Claraspital und Felix Platter Spital (Basel) und Hirslanden Klinik Aarau.

Das unterschiedliche Niveau der Einkommen lässt sich weder durch das Stadt-Land-Gefälle noch durch die Spezialisierungen erklären. Klingler vermutet, dass unterschiedliche Vergütungssysteme einen grossen Einfluss haben.

Spitalärzte beziehen ein «Grundsalär». Dazu kommen verschiedenste Zulagen und Nebeneinkünfte. Die Höhe von Honoraren kann davon abhängen, ob ein Arzt Grund- oder Privatversicherte behandelt, ob er ambulant oder stationär tätig ist: «Ein Arzt im stationären Bereich der Psychiatrie kann keine Honorare ergattern, während der Psychiater im ambulanten Bereich eine gute Quelle für Mehreinnahmen besitzt und auch neue Patienten ‹akquirieren› kann.»

Klingler warnt: «Die Möglichkeit des Arztes, durch die Wahl des jeweiligen Behandlungsansatzes die eigene Vergütung zu optimieren und zu erhöhen, beinhaltet die Gefahr von Mengenausweitungen und zur Erbringung von medizinisch nur teilweise notwendigen Leistungen.» Aus diesen Gründen stellt Klingler ein neues Vergütungsmodell vor, das unabhängig von Einzeltarifen und unabhängig von der Grund- oder Privatversicherung des Patienten sein soll.

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