Kundgebungen
An Aargauer 1.-Mai-Feiern fiel der Aufmarsch etwas enttäuschend aus

Die bevorstehende Abstimmung über die Mindestlohn-Initiative hat an der 1.-Mai-Kundgebung in Brugg zog nicht mehr Teilnehmer an als üblich. Stattdessen war das die Feiern ein traditionelles Treffen unter Gleichgesinnten.

Urs Moser
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Helmut Hubacher an der 1.-Mai-Feier in Brugg.

Helmut Hubacher an der 1.-Mai-Feier in Brugg.

Alex Spichale

Auf, zum letzten Gefecht! Auf manche wirkt die Parole vielleicht etwas verstaubt, aber die Zeile aus der Internationalen passte wohl selten besser zum 1. Mai als dieses Jahr: Wann fällt der grosse Tag der Gewerkschaftsbewegung schon mit dem Schlussspurt im heissen Abstimmungskampf zu einer Gewerkschaftsinitiative zusammen.

Die These: Zwei Wochen vor der Abstimmung über den gesetzlichen Mindestlohn für alle muss die Mobilisierung für die 1.-Mai-Kundgebungen sicher ausserordentlich sein. Der Eindruck: Der Aufmarsch fiel – zumindest gemessen an den hohen Erwartungen – schon fast etwas enttäuschend aus.

Gewerkschaftsbund-Präsident Kurt Emmenegger spricht natürlich nicht von Enttäuschung, bestätigt aber den Befund: Im üblichen Rahmen halte sich die Beteiligung, sagt er nach dem Umzug in Baden. Er macht «vielleicht etwas andere, eher mehr jüngere», aber insgesamt etwa gleich viele Kolleginnen und Kollegen an der Kundgebung aus wie letztes Jahr.

Wäre nicht mehr herauszuholen gewesen, wo man doch jetzt «die Gelegenheit hat, die Geschichte des Landes zu prägen», wie Festredner Andy Tschümperlin in Baden sagt, der Präsident der SP-Bundeshausfraktion? Den Link so direkt zum bevorstehenden Abstimmungssonntag mache man am 1. Mai nicht, meint Emmenegger. Noch nicht, leider. Der 1. Mai sei für die Gewerkschafter auch dieses Jahr, was er immer ist: das traditionelle Treffen unter Gleichgesinnten, die sich das ganze Jahr über für die gleiche Sache engagieren. Eine Klassenzusammenkunft der Gewerkschaftsbewegung quasi.

In Aarau gibt es dieses Jahr einen Grossaufmarsch, der ist aber eher auf den prominenten Gastreferenten, den Schriftsteller Pedro Lenz, zurückzuführen als auf die besondere politische Aktualität. Insgesamt bestätigt sich an den acht Kundgebungen im ganzen Kanton das Bild aus Baden: Man ist mit dem Aufmarsch zufrieden, aber er ist nicht überwältigend, bewegt sich im üblichen Rahmen. Auf 1400 schätzt Gewerkschaftsbund-Sekretär Renato Mazzocco die Zahl der Teilnehmer.

In Baden übrigens beginnt dieses Treffen schon vor dem Mittag. Das Festzelt ist um diese Zeit noch fast leer. Wer reinschauen will, muss sich zuerst einmal auf den Kopf stellen: Das Plakat mit dem Slogan «ein Einkommen zum Auskommen» steht verkehrt herum vor dem Eingang. Zum Umzug startet man dann zu den Klängen von «Bandiera rossa» und skandiert «hoch die internationale Solidarität». Wie immer eben.

Thematisch steht die Mindestlohn-Initiative natürlich schon im Vordergrund. So auch in Brugg, wo das 1.-Mai-Komitee Altmeister Helmut Hubacher als Hauptreferenten gewinnen konnte. Mit seinen 88 Jahren macht dem früheren SP-Präsidenten auch heute noch keiner so schnell etwas vor. Hubacher fängt zwar beim Generalstreik von 1918 an, bringt seine Botschaft dann aber in wenigen Sätzen auf den Punkt.

Eine Selbstverständlichkeit seien heute die Hauptforderungen von damals. Die 48-Stunden-Woche führe zum Ruin der Schweizer Wirtschaft habe es damals geheissen. Und heute: Wieder werde der Untergang heraufbeschworen und die Vertreter der freien Wirtschaft sähen sich in einem der reichsten Länder der Welt nicht in der Lage, einen Mindestlohn zu garantieren, der zum Leben reicht. Mehr brauche man zur Abstimmung am 18. Mai gar nicht zu sagen. «Wir haben schon Dutzende solcher Untergänge gut überstanden», sagt Hubacher und wünscht einen schönen 1. Mai.