Neuer Bözbergtunnel

Bald frisst sich die 90 Meter lange Tunnelbohrmaschine durch den Berg

Die Tunnelbauer graben sich drei Meter pro Tag voran. Im Frühling erhalten sie Hilfe von der 1920 Tonnen schweren Tunnelbohrmaschine «S1012 Bözberg», um von Schinznach-Dorf im Süden nach Effingen im Norden zu gelangen. Ein Baustellenbesuch

 Am Anfang des neuen Bözbergtunnels wacht die heilige Barbara darüber, dass den Arbeitern nichts passiert. Zu ihrem eigenen Schutz ist die Schutzpatronin der Mineure hinter einem Gitter an der Wand postiert. Ihre Schützlinge arbeiten unter ihren Augen im Dreischichtbetrieb – rundum die Uhr. 168 Meter müssen sie sich mit der Unterstützung eines Baggers durch den Berg arbeiten. 

Am Bözberg wird die 1920-Tonnen-Bohrmaschine montiert

Am Bözberg wird die 1920-Tonnen-Bohrmaschine montiert

Für den Transport waren 110 Einzelfahrten zwischen dem südbadischen Schwanau und dem Südportal in Schinznach-Dorf notwendig.


«Die Unfallgefahr ist hoch», hat kurz davor SBB-Sprecher Daniele Pallecchi die Journalisten gewarnt und sie nochmals ermahnt, während der Baustellenbegehung in der Gruppe zu bleiben. Ausgerüstet mit Helm, orangefarbenem Overall und Gummistiefeln mit Stahlkappe geht es auf den Rundgang. Die SBB präsentieren einen ersten Zwischenstand auf der Baustelle des 350-Millionen-Franken-Projekts, das in den nächsten drei Jahren vollendet werden soll.

Der neue Bözbergtunnel ist das grösste Einzelprojekt einer ganzen Reihe von Massnahmen, die für die Errichtung des 4-Meter-Korridors auf der Gotthard-Achse nötig sind. Das Ziel: Zusätzliche Gütertransporte von der Strasse auf die Schiene verlagern. Doch weil die Container auf den Anhängern von Sattelschleppern zu hoch sind, müssen rund 20 Tunnels auf der 270 Kilometer langen Strecke zwischen Basel und der italienischen Grenze auf eine Eckhöhe von vier Metern erweitert – oder wie im Fall des Bözbergtunnels neu gebaut werden.

«Wunderbare Verhältnisse»

Von der Decke tropft Wasser, die Gummistiefel bleiben im matschigen Boden kleben, die Baumaschinen dröhnen. «Stück für Stück» gehe es vorwärts, sagt Gesamtprojektleiter Thomas Zieger über 130 Meter tief in der Röhre und im Scheinwerferlicht stehend, nachdem er die Arbeiter darum gebeten hat, die schweren Maschinen für fünf Minuten auszuschalten. Er schwärmt von «wunderbaren Verhältnissen für die Tunnelbauer» und erklärt, wie die Röhre ausgehöhlt, die Decke mit Spritzbeton versiegelt, Gitter angebracht werden. Drei Meter pro Tag legen die Arbeiter zurück.

22 Meter pro Tag

Schon bald werden sie mehr als sieben Mal schneller vorankommen. Der Grund dafür steht vor dem südlichen Tunnelportal bei Schinznach-Dorf: die Bohrmaschine «S1012 Bözberg». 90 Meter lang wird sie dereinst sein und sich Tag für Tag 22 Meter durch den Berg arbeiten. «Gewaltige Ausmasse», sagt Thomas Zieger. Dabei handle es sich um eine komplette Neukonstruktion. «Ein Einzelstück extra für den Bözbergtunnel.» Seit Anfang Jahr werden die Einzelteile zusammengesetzt, die in über 100 Fahrten zum Bauplatz transportiert werden mussten. Durchmesser: 12,36 Meter.

Vom Gerüst im Hintergrund sprühen Funken, die Schweisserarbeiten sind deutlich zu hören. Ein Kran hebt ein halbrundes weisses Teil vom Boden hoch, dreht sich langsam in Richtung Tunneleingang und lässt es zentimetergenau auf der richtigen Höhe baumeln, damit es an der Rückseite des Bohrkopfs befestigt werden kann.

Auf der anderen Seite des provisorischen Zauns donnern von Zeit zu Zeit Züge an der Baustelle vorbei. Der alte Bözbergtunnel bleibt vorläufig in Betrieb, und wird nach der Eröffnung der neuen 2,7 Kilometer langen Doppelspurröhre zu einem Dienst- und Rettungsstollen umfunktioniert. Auf der viel befahrenen Strecke muss immer mindestens ein Gleis offenbleiben. Weil der alte Tunnel, der seit Mitte der 1870er-Jahre in Betrieb ist, während einer Sanierung nur eingeschränkt hätten genutzt werden können, hätte sich die Bauzeit verlängert. Deshalb entschied man sich für einen Neubau.

Hoch oben auf der Aussichtsplattform, die extra für die Bauzeit eingerichtet worden ist, geniessen zwei ältere Herren mit Fotokamera die Frühlingssonne und beobachten die Montagearbeiten an der imposanten Maschine. Wann genau sie zum Einsatz kommen wird, ist noch offen. War in einer früheren Medienmitteilung noch von März die Rede, steht in der aktualisierten Version Frühling. Am Zeitplan soll sich dadurch nichts ändern, versichern die Verantwortlichen. Anfang nächsten Jahres ist der Durchbruch am nördlichen Portal in Effingen vorgesehen, danach werden die Tunnelportale auf beiden Seiten errichtet, der Rohbau fertiggestellt und Bahntechnik sowie Fahrbahn eingebaut. Und im Dezember 2020 sollen die ersten Züge fahrplanmässig den Tunnel durchqueren.

Bis dahin werden sich die Mineure in der Röschti-Farm Bözenegg neben dem Tunneleingang bekochen lassen. Das Restaurant dient ihnen als Kantine. Bereits ihre Vorgänger, die vor über 140 Jahren den alten Bözbergtunnel erschufen, kamen in diesen Genuss. 

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1