Hans-Kaspar Scherrer, CEO der Eniwa (früher IBA Aarau) hat ausgerechnet, was der Umstieg auf erneuerbare Energie den Aargau kosten wird. Gemeint ist nicht nur der Teilersatz der AKW, wenn diese dereinst vom Netz gehen, sondern auch das Zurückdrängen fossiler Energieträger, um die CO2-Ziele zu erreichen.

Zwei Drittel der verbrauchten Energie sind nämlich fossiler Herkunft. Die Ausgangslage sieht so aus: Nebst der bestehenden Wasserkraft von rund 3 Terawattstunden (TWh) benötige der Aargau künftig 10 TWh erneuerbare Energie, so Scherrer. Zum Vergleich: Der Aargau verbraucht aktuell pro Jahr 4,7 TWh Strom, 2,7 TWh Erdgas sowie 7,8 TWh Erdöl.

Scherrer sagte am Politpodium der Gemeindeammänner-Vereinigung zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 in Frick, dass 10 Terawattstunden nachhaltige Produktion zusätzlich zur Wasserkraft «Investitionen von 15 Milliarden Franken bedingen.

Das sind über die nächsten 20 bis 30 Jahre verteilt 30 000 Franken pro Kopf der Bevölkerung.» Diese grosse Herausforderung könnten die Energieversorger allein nicht bewältigen: «Wir brauchen die Konsumenten dazu, die zunehmend auch Produzenten werden.»

Dezentrale neue Anlagen

Die AKW könne man nicht mit einer anderen Grosstechnologie ersetzen: «Was abgeschaltet wird, fehlt uns. Nur kleine dezentrale Anlagen kommen dazu. Die werden überall sichtbar in den Gemeinden stehen, und auch Schmerzen verursachen, wenn wir etwa an Windenergie denken, oder an Biogasanlagen, die man riecht.»

Unter Verweis auf lange Bewilligungsverfahren ruft er auf, sehr schnell zu reagieren. Scherrer plädiert dafür, das erarbeitete Know-how, Kontakte sowie Bewilligungsunterlagen zu bündeln und den Gemeinden gratis oder mindestens sehr günstig zur Verfügung zu stellen.

Gute Ideen seien zum Beispiel gemeinschaftliche Photovoltaikanlagen, an denen man sich auch als Privatinvestor beteiligen kann. Solches Know-how stelle etwa die Zukunftsregion Argovia zur Verfügung, der derzeit – mit Unterstützung des Kantons – drei Regionalwerke angehören, nämlich Eniwa, die Regionalwerke Baden sowie das AEW.

Hans-Kaspar Scherrer legt auf Nachfrage ein konkretes Beispiel vor. Ein durchschnittlicher Haushalt benötigt rund 4000 Kilowattstunden (kWh) elektrische Energie pro Jahr. Wird die Gebäudewärme auch elektrisch durch Wärmepumpen erzeugt, kommen – je nach Grösse und Zustand der Liegenschaft – weitere 2000  bis 4000 kWh dazu. Mit der Elektromobilität werden bei 15 000 Kilometern pro Jahr weitere 2000 bis  3000 kWh benötigt.

Massiv mehr Strom nötig

Scherrer: «Insgesamt wächst also der benötigte Haushaltsstrom mit der geplanten Elektrifizierung aller Anwendungen um mehr als das Doppelte.» Bei der dezentralen Produktion stehe heute vor allem die Photovoltaik zur Verfügung. Um 10 000 kWh Strom zu produzieren, benötige man eine Dachfläche von etwa 60 Quadratmetern. Diese Fläche ergebe eine maximale Leistung von 10 Kilowatt Peak (kWp) und bei rund 1000 jährlichen Betriebsstunden im Mittelland eine Energiemenge von 10 000 kWh.

Für den Bau einer 10-kWp-Photovoltaikanlage sei mit rund 30 000 Franken zu rechnen. Scherrer: «Das Ganze hat aber noch einen Pferdefuss. Da die Heizung vor allem im Winter Strom benötigt, die Photovoltaik-Anlage aber im Sommer Strom produziert, müsste der Strom für den Winter gespeichert werden. Diese Aufgabe wird heute an den Netzbetreiber und an die Stromlieferanten ausgelagert.»

Es gebe Speicher für Photovoltaik-Anlagen. Diese seien jedoch viel zu klein, um einen Beitrag zum saisonalen Ausgleich leisten zu können. Heute bestehe die einzige Möglichkeit für saisonale Energiespeicherung in der Umwandlung zu Wasserstoff und der Weiterverarbeitung zu lagerfähigen flüssigen oder gasförmigen Brenn- und Treibstoffen.

Was heisst das für die Heizung?

Demnächst schickt der Aargauer Regierungsrat das revidierte Energiegesetz in eine Vernehmlassung. Energiedirektor Stephan Attiger gab am Politpodium in Frick einen kleinen Einblick zu einer Frage, die alle interessiert: zur Heizung. Gemäss den Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich 2014, auf die das neue Gesetz abstützen wird, darf bei einem Ersatz der Wärmeerzeugung in Bauten mit Wohnnutzung der massgebende Bedarf für Heizung und Warmwasser lediglich zu 90 Prozent mit nicht erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Die restlichen 10 Prozent sind durch erneuerbare Energien (zum Beispiel Photovoltaik) oder durch baulich-technische Massnahmen (zum Beispiel Wärmedämmung) zu decken. Von diesen Auflagen befreit sind zum Beispiel Bauten, die nach Minergie zertifiziert sind.