Nationalräte

Drei Aargauer nehmen Abschied von Bundesbern: Ihre Hochs und Tiefs

Drei Aargauer Bundesparlamentarier treten nicht mehr an. Was haben sie in den zusammengezählt 40 Jahren Bundespolitik erlebt, was waren Höhepunkte, ihre grössten Niederlagen? Christine Egerszegi, Geri Müller und Hans Killer ziehen Bilanz.

Ständerätin Christine Egerszegi (FDP) und die Nationalräte Geri Müller (Grüne) und Hans Killer (SVP) ziehen im Bundeshaus im Gespräch mit der az Bilanz. Zwischendurch schellt eine Glocke, dann sausen sie los, um abzustimmen. Auch am vorletzten Sessionstag nehmen sie es damit sehr genau.

Als junge Frau war Christine Egerszegi völlig unpolitisch, machte mit Freunden Musik. Eines Tages wurde sie angefragt, ob sie Mitglied in der Musikschulkommission werden wolle. Sie sagte zu. Am nächsten Tag stand das austretende Kommissionsmitglied mit sieben Ordnern vor der Tür: «Ab sofort war ich Leiterin der Musikschule Mellingen und Umgebung mit 480 Kindern. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind.»

Hans Killer, Geri Müller und Christine Egerszegi sagen Tschüss.

Hans Killer, Geri Müller und Christine Egerszegi sagen Tschüss.

Als dann eine Flötenlehrerin krank wurde und auf eigene Kosten einen Ersatz suchen musste, fand Egerszegi: «Das geht nicht. Die kranke Lehrerin sollte doch eine bezahlte Stellvertretung haben.» Beim Stadtrat blitzte sie ab. Seine Begründung brachte sie auf die Palme. «Weil es bisher so gut funktioniert hat, lassen wir es, wie es immer war.» Nun wusste sie: «Ich muss Politik machen, wenn ich so etwas ändern will.» Sie trat der FDP bei, wurde Schulpflegerin, Stadträtin, Grossrätin, 1995 National- und 2007 Ständerätin.

Von links Geri Müller, Christine Egerszegi und Hans Killer am zweitletzten Sessionstag vor dem Bundeshaus in Bern.

Die grössten Erfolge

Höhepunkt von Egerszegis Karriere war das Nationalratspräsidium. Es sind die vielen Gespräche mit Leuten in allen Landesteilen, die ihr so gefallen haben. Überhaupt kämpft die Sprachenlehrerin energisch dafür, dass in der Schule unsere Landessprachen vor Englisch kommen: «Als Erstes müssen wir doch unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger verstehen. In der Willensnation Schweiz sind die eigenen Sprachen eine Verpflichtung. So können wir auch die Sorgen und Probleme anderer Landesteile besser verstehen.» Zu den grössten Erfolgen zählen darf Egerszegi «ihren» Musikverfassungsartikel, den sie mit den Musikverbänden beim Volk glorios durchgebracht hat. Mit dessen Umsetzung ist sie zufrieden.

Was war Hans Killers grösster Erfolg in seiner achtjährigen Zeit als Nationalrat? Das sei das Präsidium der gewichtigen Kommission Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek). Diese hat die Energiestrategie 2050 vorbehandelt. Als Präsident müsse man sich zwar selbst zurücknehmen, sei aber in den Medien sehr präsent. Mit seiner Meinung zur Strategie hält er aber nicht hinter dem Berg: «Es gibt noch erhebliches Bereinigungspotenzial.»

Den grössten Erfolg erkennt Geri Müller, der die Grünen im Nationalrat 12 Jahre vertrat, im Ringen um AKW: «1975 stand ich als junger Bursche in Kaiseraugst und demonstrierte gegen das geplante AKW.» Sie seien als Loser dargestellt worden. Am Schluss waren sie 30 000, das AKW wurde nie gebaut. «Und jetzt», so Müller, «debattieren wir über das Abstellen der Meiler. Dies zeigt, seither hat sich viel geändert.»

«Es hat mich fast erschlagen»

Der traurigste Moment im Leben von Christine Egerszegi war der Tod ihres Mannes 2004. Zwei Wochen danach musste sie vor der FDP die 11. AHV-Reform vorstellen, die auch die Witwenrente tangierte: «Da wurde mir erst bewusst, das betrifft mich jetzt auch. Es hat mich fast erschlagen, den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich konnte kaum noch sprechen, habe mich verhaspelt, die Leute schauten verständnislos.» Das folgende Volksnein zur AHV-Reform war für sie ihre grösste persönliche Niederlage. Sie, die sich schon 1995 für eine sechsspurige A1 von Zürich nach Bern eingesetzt hat, wird immer wieder angegriffen, sie sei «zu links». Egerszegi sagt dazu kurz und knapp: «Für einige ist ein Meter von der Wand weg schon links.»

In der Politik erlebe er als Grüner Niederlagen in Serie, sagt Geri Müller: «Ich werfe den Ball 50 Meter weit, er rollt 20 oder mehr Meter zurück. Aber er kommt jedes Mal ein bisschen weiter. Deshalb ist Politik nicht einfach Sisyphusarbeit.» Ganz wichtig ist ihm, dass jeder und jede dieselben Rechte hat: «Wenn man jemanden diskriminiert, weil er Ausländer, krank oder alleinerziehend ist, ist das ein Tiefpunkt der politischen Kultur. Das darf nicht sein.»

«Habe es der Partei versprochen»

Anders als Killer und Egerszegi hört Müller nicht altershalber auf. Verlässt er Bern nur, weil ein Doppelmandat als Nationalrat und Stadtammann von Baden zu viel wäre, oder gab es auch andere Gründe? Er habe der Partei versprochen, als Nationalrat zurückzutreten, wenn er Stadtammann in Baden werde, da sich so ein Doppelmandat ergab, sagt Müller. Zur az sagte er aber vor Jahresfrist, er trete wieder an. Müller: «Die Abmachung mit der Partei war vertraulich. Deshalb konnte ich nichts anderes sagen.»

Egerszegi, Müller und Killer haben kommunal, kantonal und schliesslich national politisiert. Doch immer wieder kommen auch Quereinsteiger nach Bern. Bereichern sie das Geschehen? Ihnen fehle meist die politische Erfahrung, sinniert Hans Killer. Es gebe aber Naturtalente wie den Unternehmer Peter Spuhler, der sofort ein Schwergewicht wurde: «Solche Leute braucht es mehr. Heute schaffen sie aber nicht mehr beides als Unternehmer und Politiker gleichzeitig.»

Müller ist als Aussenpolitiker unter Beschuss, weil er der Terrororganisation Hamas zu nahe stehe. Er weist den Vorwurf zurück. Damals, 2008, habe es im Gazastreifen lichterloh gebrannt. Die Schweiz als neutrales Land müsse mit beiden Seiten reden. Das habe er getan. Doch wie man Israel nicht auf eine Militärmacht reduzieren dürfe, dürfe man auch Hamas nicht einfach als Terrororganisation sehen: «Dialog funktioniert nicht, wenn man nur mit einer Seite redet.» Hans Killer sieht es auch so, dass ein neutrales Land mit beiden Parteien reden muss. Mit Müller ist er trotzdem nicht einverstanden: «In Israel kamen zu Recht Ungleichbehandlungsgefühle auf.»

«Nur Leben der Geiseln zählte»

Dramatische Tage erlebte Müller als Präsident der Aussenpolitischen Kommission gleich mehrfach, etwa in der Libyenkrise im Ringen um zwei Schweizer Geiseln. Natürlich gelte die Pressefreiheit, sagt Müller. Doch wie die Medien Bundespräsident Hans-Rudolf Merz nach seiner missglückten Libyenreise attackierten, habe der Verhandlungsposition der Schweiz geschadet: «Die Libyer wollten nicht mehr mit einem verhandeln, der zur ‹lame duck› geworden war.» Dass er selbst als einer wahrgenommen wurde, der Merz in die Hand arbeite, stört ihn nicht: «Das nahm ich in Kauf, in jener dramatischen Situation zählte für mich nur das Leben der Geiseln.»

Zurück zu Christine Egerszegi und ihren 20 Jahren Bundeshauserfahrung. Sie sagt: «Ich habe immer versucht, Leute mit ganz verschiedenen Meinungen auf ein Bänklein zu setzen. Bei der jetzigen AHV-Reform ist mir das gelungen. Mit Leuten, die ihrer Ideologie verhaftet sind und die nicht aus dem Schützengraben rauskommen, geht das nicht.» Ihre Eigenständigkeit zeigte sich jeweils auch in der Sozialgesetzgebung, wo sie schon mal als Mutter Courage bezeichnet wurde. Die Pflegefinanzierung hat sie zweimal massgeblich mitgeprägt.

Stab krumm oder gerade?

In einem Mehrparteiensystem gehe es nicht ohne Kompromisse: «Es braucht immer zwei, drei oder mehr Parteien für eine Lösung.» Wenn jemand seine Meinung vertrete, stelle er gewissermassen einen Stab hin, erklärt die scheidende Ständerätin mit einem Bild: «Erst wenn man einen zweiten Stab daneben stellt, sieht man, ob er gerade oder krumm ist.»

Die drei Parlamentarier bereiten in den Kommissionen noch die nächste Session vor, im Dezember sind sie aber nicht mehr dabei. Kommt Wehmut auf? Christine Egerszegi lacht: «Wir hatten eine so intensive Session, ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie wird noch kommen.»

Spürt Hans Killer schon Wehmut? Ja schon, sagt er: «Ich hatte grossen Respekt vor der ehrenvollen Aufgabe als Nationalrat. Sie verschaffte mir Zugang zu hohen Stellen, ich konnte etwas bewegen, das entfällt jetzt. Das Leben geht aber weiter.» Im Übrigen erlebte er das vor drei Jahren, als er als Mitglied der Geschäftsleitung einer Firma pensioniert wurde, schon einmal: «Jetzt kommt etwas Neues, viele Termine fallen weg, nach dem 50-Prozent-Pensum als Nationalrat habe ich plötzlich die Freiheit, einmal etwas spontan zu unternehmen. Das ist eine Bereicherung.» Zeit für Hobbys hatte er bisher nicht, er fürchtet aber nicht, in ein Loch zu fallen: «Ich mache gern Velotouren, turne ab und zu noch im Turnverein.»

Und was macht jetzt Christine Egerszegi? Sie freut sich, für ihre Familie mehr Zeit zu haben. Und fürs Musizieren. Mit dem Handörgeli aber leider nicht: «Ich schaffe es nie, das Handörgeli auseinanderzuziehen und gleichzeitig die Finger aufwärts- und abwärts gleiten zu lassen.»

Gemunkelt wird, sie werde neue Präsidentin der AHV-Kommission. Sie schweigt dazu. Sie werde weiter auf eidgenössischer Ebene tätig sein, wo, könne sie noch nicht sagen, weil die Wahl noch nicht erfolgt ist. Ansonsten wird man von der Grande Dame der Aargauer Politik aber sicher auch als Kabarettistin vermehrt hören.

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