Grenzgeschichten

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Über die Grenze hinweg ist nicht gut Pizza essen (von Justus Obermeyer, «Südkurier»-Redaktion)

Deutsche Kuriere müssen wegen Zollbedingungen Personal entlassen

Für den Bad Säckinger Pizzabäcker Singh Salinder kam das Einschreiben aus Bern Ende Januar wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Pizza, Pasta, Döner und andere zubereitete Lebensmittel, die in die Schweiz geliefert werden, müssten ab sofort als Handelsware angemeldet werden, teilte die Eidgenössische Zollverwaltung mit. «Wir sind uns bewusst, dass diese Regelung faktisch Lieferungen in die Schweiz verunmöglicht», so die Behörde. Denn die elektronische Zollanmeldung ist weder an Sonn- und Feiertagen noch in den Abendstunden möglich - also genau dann, wenn Pizzas bestellt werden.

Jahrzehntelang hatte der Schweizer Zoll bei Pizza-Lieferungen ein Auge zugedrückt. 60 Prozent seines Umsatzes mache er in der Schweiz, erklärte Salinder. Dass deutsche Pizzabäcker zunehmend auch in der Schweiz mit ihren günstigen Preisen warben, verschärfte die dortige Wettbewerbssituation und sorgte bei Schweizer Pizzabäckern für Beschwerden bei der Zollverwaltung, die Anfang Februar die Regeln härter auslegte.

Mit einschneidenden Folgen für die deutschen Pizzabäcker: Fünf Kurierfahrer musste Salinder entlassen, drei seiner fünf Autos wurden verkauft. Die strenge Auslegung der Regelung rief auf deutscher Seite die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee (IHK) auf den Plan. Wurde das faktische Pizza-Einfuhrverbot der Schweizer anfänglich noch belächelt und die Hoffnung geäussert, rasch eine praktikable Lösung für die deutschen Lieferanten zu erreichen, stellte sich das Problem dann doch als hartnäckig heraus.

Auch ein halbes Jahr nach dem zollamtlichen Einschreiben aus Bern bleibt die Grenze für Lebensmittellieferanten verschlossen. «Es gab mehrere Gespräche mit der obersten Zollbehörde in Bern, zuletzt am 10. Juni», erklärt Uwe Böhm, IHK-Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsfelds Internationales. «Uns wurde zugesagt, dass nach Möglichkeiten gesucht wird, wie auch ausserhalb der Öffnungszeiten des Zolls der Warenverkehr abgewickelt werden kann.» Wie diese Möglichkeiten aussehen könnten – ob mit Voranmeldungen, nachträglichen Abrechnungen oder Pauschalen – ist bislang völlig unklar.

«Eine Lösung wurde uns für Herbst in Aussicht gestellt», so Böhm. Er weist aber darauf hin, dass der Schweizer Zoll lediglich geltendes Recht anwendet. Die Schweizer Seite habe eingeräumt, dass die Ankündigung der Massnahme unglücklich verlaufen sei. «Spiegelbildlich gilt übrigens dasselbe: Schweizer Lieferanten müssen ihre Waren beim deutschen Zoll anmelden», erklärt Böhm. Ein Test der «Südkurier»-Redaktion blieb erfolglos: Ein Schweizer Pizzakurier lehnte eine Lieferung nach Deutschland kategorisch ab. Als Grund nannte er allerdings nicht die Zollformalitäten: «Die deutschen Kunden sind unser Preisniveau nicht gewohnt.» (von Justus Obermeyer)

Schweizer Pizza-Kuriere freuen sich (von Nadine Böni, az)

Die deutsche Konkurrenz kann kaum legal in die Schweiz liefern:

Einen deutschen Pizza-Kurier hat Roberto Ciardo, Chef der Trattoria Pizzeria La Roccia in Laufenburg, schon lange nicht mehr gesehen. Mit gutem Grund: Seit Ende Januar müssen Pizza, Pasta, Sushi, Kebab oder andere zubereitete Lebensmittel bei einer Lieferung in die Schweiz am Zoll als Handelsware angemeldet werden. Da dies weder an Sonn- und Feiertagen noch in den Abendstunden – also dann, wenn die meisten Pizzas bestellt werden – möglich ist, heisst das für die deutschen Lieferanten: legale Pizza-Lieferungen in die Schweiz sind unmöglich. Die Schweizer Kunden bekommen das im Portemonnaie zu spüren. Kostet ein Menü mit Grünem Salat, Pizza Margherita, Tiramisu und grossem Coca Cola bei Ciardo rund 32 Franken, ist dasselbe Menü bei einem deutschen Kurier für umgerechnet 24 Franken erhältlich. Bei anderen Schweizer Kurieren fallen die Preise ähnlich und der Unterschied zu deutschen Kurieren gleich gross aus – wenn nicht grösser.

Entsprechend viele Kunden aus der Schweiz nutzten in der Vergangenheit das deutsche Angebot. Eine Statistik führen zwar weder der Schweizer Zoll noch die Schweizer Grenzwache. Es waren aber immerhin so viele Lieferungen, dass bei der Zollkreisdirektion Basel «vereinzelte Reklamationen» aus der Nordwestschweiz eingegangen seien, wie Patrick Gantenbein, Mediensprecher Grenzwache und Zoll Basel erklärt.

Nun können sich die Schweizer Pizza-Lieferanten freuen. Denn Zollbestimmungen hin oder her – viele Schweizer möchten nicht auf die nach Hause gelieferte Pizza verzichten und bestellen sie nun bei ihnen. Seit Februar hat Roberto Ciardo einen laufenden Anstieg der Bestellungen bemerkt. Einen Trend, den auch Mehmet Toptas vom Kurier-Dienst «Fricktaler Pizza Express» bestätigen kann: Vor allem aus Stein seien seither viele Bestellungen von Neukunden eingetroffen.
Die Freude der Schweizer Kuriere dürfte andauern, obwohl in Deutschland auf eine rasche Lösung gedrängt wird. Pizzas gelten als Handelswaren. «Die Prüfung möglicher Vereinfachung bei der Verzollung solcher Waren muss im Gesamtkontext aller Nachbarstaaten und des gesamten Detailhandels erfolgen. Eine kurzfristige Lösung ist unter diesen Umständen nicht möglich», so Gantenbein.

Dass die Schweizer Pizza-Kuriere die Situation ausnutzen und die Preise in die Höhe treiben, weil die billigere Konkurrenz aus dem Ausland fehlt, glaubt Toptas nicht: «Das könnte sich keiner leisten. Dafür gibt es zu viel Konkurrenz – auch in der Schweiz.» (von Nadine Böni)