Aargau
Frauen wehren sich lautstark gegen national-konservative Männer

Die 20. offene Frauentagung fand unter dem Motto «Erwartungen?! Selbstbestimmt – fremdbestimmt – unbestimmt» statt. Ständerätin Anita Fetz sprach im Grossratssaal in Aarau vor vielen Frauen Klartext.

Corinne Rufli
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Ständerätin Anita Fetz spricht zu den Frauen im vollbesetzten Grossratssaal in Aarau.
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Podiumsdiskussion mit Laura de Weck, Anita Fetz, Barbara Artmann und Moderatorin Andrea Vetsch
Podiumsdiskussion im Grossratssaal mit 200 Frauen
Frauentagung in Aarau
Impressionen der Frauentagung in Aarau
Laura de Weck, Anita Fetz und Barbara Artmann bei der Podiumsdiskussion
Impressionen der Frauentagung
Diskutieren und sich vernetzen gehören zur Frauentagung

Ständerätin Anita Fetz spricht zu den Frauen im vollbesetzten Grossratssaal in Aarau.

«Ein gefährlicher Retro-Trend macht sich in unserer Gesellschaft bemerkbar, national-konservative Männer diktieren uns ihre Weltansichten», warnte Ständerätin Anita Fetz in ihrem Referat.

Sie zeigte auf, wie die «alten neuen Genderfallen» zuschnappen und Errungenschaften zunichtemachen. Der heutige Sexismus komme im modernen Kleid daher. Die Historikerin und Ökonomin forderte die knapp 200 Frauen im Grossratssaal in Aarau auf, sich lautstark gegen diese Entwicklung zu wehren.

Die 20. offene Frauentagung fand unter dem Motto «Erwartungen?! Selbstbestimmt – fremdbestimmt – unbestimmt» statt. Der traditionsreiche Anlass setzt auf aktuelle Diskussionen und vernetzt Frauen miteinander.

Sexismus ist im Vormarsch

«Die Freiheit nehm ich mir. Rollenerwartungen haben wir doch längst hinter uns, oder?» hiess der Titel von Anita Fetz’ Vortrag. Die Baslerin führte aus, dass sich Sexismus in Medien und Werbung immer mehr ausbreite. «Die mit Photoshop erzeugten Frauenkörper kreieren eine Schein-Wirklichkeit, an der sich viele Frauen messen.»

In der Medienbranche gebe es kaum Frauen in Chefpositionen. Sie fügt das Beispiel der «Annabelle»-Chefredaktorin Lisa Feldmann an, die geschasst wurde, weil sie sich für die Frauenquote starkgemacht hatte. «Ich bin entsetzt, dass diese engagierte Frau gehen musste, aber noch schlimmer ist, dass es keinen öffentlichen Aufschrei gab. Es wurde einfach hingenommen.»

Vermeintliche Freiheiten

Fetz prangerte die neoliberalen Ströme in unserer Gesellschaft an. Die immer grösser werdende Individualisierung werde den Menschen als Freiheit verkauft, Frauen könnten entscheiden, ob sie Mann, Karriere, Kinder oder alles wollen.

Mit den Problemen müssten sie aber alleine fertig werden. «Das Miteinander geht dabei verloren.» Doch genau daraus hole man sich die Power.

«Wer Freiheit will, muss sie sich auch nehmen. Wir können nicht warten, bis sich die Rahmenbedingungen verbessern», sagte die Politikerin am Schluss. Die Erwartungen seien so gross, man könne es nie allen recht machen. «Wenn man das begriffen hat, eröffnen sich viele Freiheiten.»

Sekretärin oder CEO?

An der Podiumsdiskussion nahmen neben Anita Fetz auch Barbara Artmann, Inhaberin und CEO der Künzli Swiss Schuh AG, und Laura de Weck, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin, teil.

Unter der Leitung der neuen «10vor10»-Moderatorin Andrea Vetsch diskutierten die Frauen aus Wirtschaft, Politik und Kultur.

Artmann erzählte, dass sie oft als Sekretärin statt als CEO wahrgenommen werde. «Mir wurde zu Beginn nicht zugetraut, dass ich die Übernahme von Künzli alleine bewerkstelligt habe, da musste doch ein Mann dahinter stehen.»

Laura de Weck sagte, dass sie bei Podiumsdiskussionen oft als junge Quotenfrau herhalten müsse, und ihr das nicht immer behage. Trotzdem sehe sie die Wichtigkeit, überhaupt eine Meinung äussern zu können.

«Ich hatte immer viele Freiheiten in meinem Beruf, mit Erwartungen wurde ich erst so richtig konfrontiert, als ich ein Kind bekam.»

Die einen erwarteten, dass sie gleich wieder arbeiten gehe, die anderen eine längere Babypause. «Frauen werden immer mit dem Kind in Verbindung gebracht.» Problematisch sei die Schweizer Krippensituation: zu teuer und viel zu wenig Plätze.

Nach dem Mittagessen, mit lebhaften Diskussionen, verteilten sich die Frauen auf zehn Workshops – zwischen selbstbestimmter Sexualität, Flamenco und der Kunst des Small Talks. Mit dem Schlussbouquet der Slam-Poetin Patti Basler wurden die Frauen – gestärkt durch eine vergessen geglaubte Frauensolidarität - wieder in die männerdominierte Welt entlassen.

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