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General Electric streicht bislang 2850 Stellen: Chronologie eines nicht enden wollenden Kahlschlags

General Electric streicht weitere 450 Arbeitsplätze im Aargau. Der Kahlschlag ist nicht die erste Hiobsbotschaft seit der Übernahme Alstoms durch den US-Stromkonzern. Eine Chronologie.

2950 Stellen: So viele Jobs wird General Electric gestrichen haben, wenn die 450 Alstom-Arbeitsplätze abgebaut sind, deren Wegfall am Montag verkündet wurde. 2015 hat die französische Firma Alstom die Energiesparte übernommen. Damals war die Firma mit 5500 Stellen, 4200 alleine in Baden, der grösste Arbeitgeber im Kanton Aargau. 

Mit diesem neusten Kahlschlag widerspricht der Stromkonzern aus Übersee früheren und wiederholten Versicherungen, dass er keine weiteren Sparmassnahmen vornehmen würde.

Die nachfolgende Chronik zeigt die Auswirkungen von Globalisierung und Digitalisierung im Strommarkt auf die Industrie.

1) Mai 2014 bis November 2015: die Übernahme

Im Mai 2014 kündigte der Industrieriese General Electric an, für die Übernahme des Turbinenherstellers Alstom 9,3 Milliarden Euro ausgeben zu wollen. Der Amerikaner behauptete sich im nächsten Jahr nach harten Verhandlungen gegen seinen deutschen Kontrahenten Siemens. Damals schon verbarg der CEO Jeffrey Immelt das Vorhaben nicht, den Hauptsitz in Baden zu schliessen und in das französische Belfort zu verlegen. Die Opposition von Gewerkschaften und Politiker wurde damit besänftigt, dass die Produktionsstandorte Birr und Oberentfelden kaum von der Verlegung betroffen sein würden.

Alstom darf verkaufen.

Alstom darf verkaufen

Der grösste Aargauer Arbeitgeber darf seine Energiesparte verkaufen. Der Regierungsrat Urs Hofmann erklärt unter welchen Bedingungen dem US-Konzern `General Electric` die Übernahme erlaubt wurde.

Diese Sorgen wurden allerdings nicht zerstreut, denn die Wettbewerbskommission der EU beschloss, dass Teile des Gasturbinengeschäfts an die italienische Firma Ansaldo Energia gehen würden - man fürchtete eine Verlegung der Produktion nach Genua. 

In der Schweiz ging die Angst vor dem Verlust von rund 600 Arbeitsplätze um. Die Stimmung am Hauptsitz war jedoch noch relativ unaufgeregt. Der CEO der neu formierten General Electric Power Services, in die Alstom eingebettet wurde, sprach sogar vom Beginn einer "historischen Reise". Unser Kommentator zeigte sich damals ebenfalls zuversichtlich. Der damalige Minister Johann Schneider-Ammann hatte im Juni 2015 noch gesagt, dass keine der 5500 Stellen in der Schweiz von der Alstom-Übernahme gefährdet seien. 

2) Januar 2016: erster Kahlschlag von 1300 Stellen

Nun also doch: Kaum zwei Monate später gibt General Electric am 13. Januar 2016 bekannt, in allen Aargauer Standorten (Baden, Birr, Turgi und Oberentfelden) bis zu 1300 Stellen abbauen zu wollen. Damals sagten Alstom- und General Electric-Manager, dass der Druck im Energie-Markt die Ursache für den Stellenabbau seien.

Alstom-Abbau: So reagieren Mitarbeiter, Politiker und Gewerkschafter

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Der französische Industriekonzern Alstom baut im Aargau bis zu 1300 Stellen ab. Das Herz des Unternehmens ist in Baden. Vor Ort machen sich die Angestellten Sorgen – und haben teilweise den massiven Stellenabbau über die Medien erfahren.

Der Abbau kam überraschend. Die Classe Politique zeigte sich enttäuscht und scheinbar hilflos. Alt-Bundesrat Joseph Deiss soll als Verwaltungsratspräsident von Alstom bis zuletzt erfolglos für die 1300 Stellen im Aargau gekämpft haben. Und musste sich dann verpflichten, in den Medien über die internen Verhandlungen nichts zu sagen.

Laut Recherchen der «SonntagsZeitung» mussten nicht 1300 Stellen abgebaut werden. 800 davon wurden durch natürliche Fluktuation und Frühpensionierungen gestrichen. 

Wieder versuchte das Unternehmen, die Lage zu beruhigen. Der Manager Philippe Cochet versicherte sogar im AZ-Interview: «Wir wollen im Aargau langfristig wachsen». Europaweit strich General Electric über 6000 Stellen. Die Firma behauptete aber, in Frankreich bis zu 1000 neue kreieren zu wollen. Französische Gewerkschaften zeigten sich skeptisch, während ihre aargauischen Kollegen gegen den Alstom-Abbau im Aargau auf die Barrikaden gingen.

3) Mai bis Juni 2016: zwischen Beruhigung und Sorgen

Lange war es ruhig vonseiten General Electric. Im Mai 2016 kamen dann widersprüchliche Nachrichten. Aus einer Telefonkonferenz in Deutschland wurde bekannt, dass General Electric durch die Digitalisierung zunehmend "cloud-basiert" arbeiten möchte und immer weniger an Standorte gebunden sein will. Erneut stieg die Angst vor einem weiteren Stellenabbau.

Am 5. Juni 2016 wurde offiziell kommuniziert, dass der Abbau-Plan im Aargau doch tiefer ausfällt: Nur 900 Stellen sollten gestrichen, dafür 170 neue geschaffe werden. im November kündigte der GE-Topmanager Paul McElhinney sogar an, es würde nochmals weniger Streichungen geben. Der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hoffmann erwartete das ebenfalls. Von Seiten der Stadt reagierte Stadtammann Geri Müller weniger positiv. Der Grüne warb nach wie vor für den Standort Baden.

Johann Schneider-Ammann: Bundesrat überrascht von Alstom-Kahlschlag

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Johann Schneider-Ammann war bei den Verhandlungen mit der amerikanischen Firma General Electrics involviert

4) Anfang 2017: Steuertricks und zweite Abbau-Runde

General Electric und Alstom gerieten im Januar 2017 erneut in die Medien, als der «Tages-Anzeiger» meldete, der Konzern hätte in der Schweiz durch Tricks bis zu 1,5 Milliarden Steuern einsparen können. Erst im Mai widersprach der Kanton den Vorwürfen.

Im frühen Sommer wurden weitere 100 Stellen in Birr gestrichen, ein weiterer Schock für den Standort Aargau.

5) Dezember 2017: dritter Kahlschlag

Recherchen der AZ deckten Ende Oktober auf, dass General Electric einen erneuten Kahlschlag um 1300 Stellen plant. Mitte November bestätigte der neue Chef des globalen Unternehmens, dass General Electric drastisch in der Energie-Branche sparen muss und allgemein seinen Börsensturz verhindern will. Schuld daran soll weiterhin der Energiemarkt sein. Der Markt habe sich in Richtung erneuerbaren Energie verschoben, was dem Gasturbinen-Geschäft schadete. 

Im Dezember kam es dann schlimmer als erwartet: Nicht 1300, sondern 1400 Stellen will General Electric im Aargau abbauen, wie der Chef von General Electric Power gegenüber der AZ bestätigte.

Der General-Electric-Hauptsitz in Baden.

Der General-Electric-Hauptsitz in Baden.

Unsere Kommentare zum dritten Kahlschlag:

 Inzwischen scheinen Politiker lokal wie auch kantonal resigniert zu sein: 

Zuvor hatte Bundesrat Johann Schneider-Ammann erfolglos versucht, den Standort Aargau zu verteidigen.

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 6) Januar 2018: 12'000 Stellen fallen weltweit weg

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7) Juni 2018: Oberentfelden verliert grössten Arbeitgeber

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