Bei Energievorlagen stimmt der Kanton Aargau traditionellerweise anders als die Schweiz. Das gilt besonders bei Atomausstiegsinitiativen oder auch bei einem Atom-Moratorium. Jetzt wissen wir: Auch dem ersten Umsetzungsschritt zur Energiestrategie 2050 stehen die Aargauerinnen und Aargauer in einer knappen Mehrheit ablehnend gegenüber. Das dürfte die aus dem Aargau stammende Energieministerin und Bundespräsidentin Doris Leuthard schmerzen.

Konkret stimmten die Bezirke Baden, Aarau und Rheinfelden zu, alle anderen lehnten ab. Innerhalb des Kantons gibt es grosse Unterschiede. Mit 66 Prozent am massivsten Nein sagte der Bezirk Zurzach, Standort der AKW Beznau I, II und Leibstadt. Demgegenüber sagte der Bezirk Aarau mit 54 Prozent am klarsten Ja. Also sogar deutlicher als der Bezirk Rheinfelden, der Basel – wo die Vorlage massiv gutgeheissen wurde – am nächsten liegt.

Auch innerhalb der Bezirke sind die Differenzen gross. Leibstadt, Standortgemeinde des grössten und jüngsten Schweizer AKW, erteilte der Energievorlage eine wuchtige 82-Prozent-Abfuhr. Nur die Zurzibieter Gemeinden Mellikon und Kaiserstuhl stimmten zu. Demgegenüber stehen Baden und Ennetbaden mit je 65 Prozent Ja-Anteil der Vorlage am positivsten gegenüber.

Jonas Fricker kommentiert die Ablehnung der Eneregiestrategie im Aargau

Jonas Fricker kommentiert die Ablehnung der Eneregiestrategie im Aargau

  

Attiger; nicht Welten entfernt

Obwohl der Aargau knapp abgelehnt hat, kann der Aargauer Energiedirektor und Landammann Stephan Attiger mit dem Ergebnis leben: «Das Aargauer Nein ist ja auch nur knapp und nicht Welten vom nationalen Ergebnis entfernt.» Die Regierung hatte die Vorlage zur Annahme empfohlen. Wie erklärt sich Attiger das Aargauer Nein? Er verweist darauf, dass sich auch manche Parteien und Verbände uneinig waren: «So gesehen und weil der Kanton Aargau der Kernenergie gegenüber immer positiver eingestellt war als die Schweiz, ist das Ergebnis keine Überraschung. Ich habe sogar fast damit gerechnet.» Verständlich ist für ihn, dass das Zurzibiet, wo drei AKW stehen und diese ein wichtiger Teil der regionalen Wirtschaft sind, abgelehnt hat: «Je näher die Menschen an einem Kernkraftwerk leben, desto grösser ist ihr Vertrauen in diese Technik.» Skepsis habe sich gewiss auch daraus ergeben, «dass etliche Fragen zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 noch offen und fertig zu denken sind». Attiger erwartet jetzt vom Bund, dass er die nächsten Vorlagen zügig vorlegt, damit diese Fragen schnellstmöglich geklärt werden. Welche meint er damit? Zentral sei die Definition des anzustrebenden Eigenversorgungsgrades beim Strom. Wenn es nach Attiger ginge, müsste dieser dereinst wenigstens zwei Drittel betragen.

Das Abstimmungsergebnis sei ein guter Tag für die Wasserkraft, die mittels einer Übergangslösung jetzt auch Subventionen bekommt. Attiger: «Das ist aber richtigerweise zeitlich klar beschränkt, bis wir ein neues Strommarktdesign haben.» Damit meint Attiger ein System, bei dem der Strompreis unter Berücksichtigung der Eigenversorgung und des Investitionsschutzes für die Produktionsfirmen vom Markt bestimmt wird.

Bruderer: ein starkes Zeichen

Ständerätin Pascale Bruderer (SP) hat sich als Präsidentin von Cleantech Aargau vehement für die Vorlage eingesetzt. Über das gesamtschweizerische Ja ist sie hocherfreut: «Das ist ein starkes Zeichen. Im Aargau habe ich ein knappes Nein erwartet. Die gut 48 Prozent Ja-Stimmen zeigen, dass der Aargau trotz Betroffenheit als AKW-Standortkanton unterwegs ist in die Energiezukunft und das gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Potenzial für Cleantech erkennt.» Jetzt seien die Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass der Aargau «die Riesenchance der Energiewende packen kann und ein Taktgeber in Energiefragen bleibt». Dass grosse Firmen wie ABB, Forschung, ausserordentlich viele KMU sowie die Landwirtschaft mitmachen, zeigt Bruderer, «dass auch der Aargau diese Chancen nutzen will, dass seine Bevölkerung bereits auf diesem Weg ist». Der Wandel habe sich abgezeichnet: «Diesen Zukunftsweg gehen wir jetzt Schritt für Schritt weiter.»

Knecht: sehr enttäuscht

Ganz anders tönt es bei SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht (SVP), dessen Wohngemeinde Leibstadt der Vorlage eine Abfuhr erteilt hat. Seine Partei hatte im Winter die Unterschriften gesammelt, um eine Volksabstimmung zu erreichen. Knecht: «Anfangs wurden wir belächelt, dann aber schmolz der Vorsprung der Befürworter. Ich hätte ein knapperes Resultat erwartet und natürlich ein Nein erhofft.» Dank Referendum sei wenigstens über die Energiestrategie 2050, über deren Nachteile, die bald fehlende Versorgungssicherheit und die enormen Kosten diskutiert worden. Knecht: «Die Befürworter haben zu den Kosten sehr kühne Aussagen gemacht. Wir werden sie daran messen, aber auch auf erfolgte Zusicherungen pochen, wonach das Benzin bis 2035 nicht mehr belastet wird und dass die Subventionen tatsächlich auslaufen.»

Ja zum Energiegesetz: Die Reaktionen der Gegner

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Reaktionen von Felix Müri (Nationalrat SVP/LU), Irene Aegerter (Komitee Energiegesetz - so nicht) und Elias Meier (Präsident Freie Landschaft Schweiz).