Am frühen Mittwochmorgen ist der Gewaltstraftäter Karl J. aus der Klinik der Psychiatrischen Dienste Aargau in Windisch entflohen. Er befand sich in einem stationären Massnahmevollzug in der Klinik.

Die Kantonspolizei Aargau wurde um 5.10 Uhr über die Flucht von zwei Männern orientiert. Bei der Fahndung gelang es, einen Flüchtigen festzunehmen. Der 37-Jährige wurde in einem Nachbarkanton aufgegriffen.

Die Suche nach dem 52-jährigen Karl J. dauert dagegen an. Die Polizei hat bisher keine Anhaltspunkte über dessen Verbleib.

Personen, die Angaben über den Aufenthaltsort des Flüchtigen machen können, werden gebeten, sich bei der Kantonspolizei Aargau (Notrufnummer 117) oder jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.

Bruder im Wahn erschossen

Karl J. erschoss am 13. August 2013 in Büsserach SO einen seiner beiden Brüder, als diese bei ihm zu Besuch waren, mit einer Schrotflinte. Der Schuss traf das Opfer im Bauch, es erlag noch am selben Tag seinen Verletzungen. Auslöser für die Schussabgabe war ein Erbstreit mit seinen beiden Brüdern und einer Schwester. Dieser Konflikt drehte sich um die Aufteilung des Elternhauses, in dem sie aufgewachsen waren und das sie nach dem Tod der Mutter geerbt hatten. Zum Zeitpunkt der Tat wohnte Karl J. dort.

Das Amtsgerichts Dorneck-Thierstein erachtete ihn im Juli 2015 für die vorsätzliche Tötung als schuldunfähig und ordnete deshalb eine stationäre Massnahme an. Schuldunfähig deshalb, weil er gemäss psychiatrischem Gutachten unter einer paranoiden Schizophrenie leidet und seinen Bruder im Wahn erschoss. Karl J. focht das Urteil an, er wollte ins Gefängnis. Das Solothurner Obergericht bestätigte das Urteil jedoch ebenso wie das Bundesgericht im März 2017.

Vor dem Obergericht im Dezember 2016 plädierte die Anwältin von Karl J. auf Notwehr. Er selbst sagte, dass er sich bedrängt gefühlt habe von seinen Brüdern. Deshalb habe er geschossen. «Weil er mich angegriffen hat. Er hätte mich wohl zum Krüppel geschlagen», sagte er. «Im Prinzip» greife er niemanden an, doch hier habe er sich bedroht gefühlt: «Ich sah nur noch eines.»

Laut Gutachter, der vor Obergericht aussagte, zeigte sich die paranoide Schizophrenie in einem komplexen Wahnsystem. J. lebe wie in einer «Doppelten Buchhaltung»: Im Alltag könne er sehr gut funktionieren. Doch sobald er in eine brenzlige Situation gerate, trete seine Krankheit zum Vorschein. Die Wahrscheinlichkeit einer erneuten schweren Gewalttat liege «mindestens im mittleren Bereich».

Sein bisher auf seinen Bruder bezogenes Wahnsystem könne sich auf andere ausweiten. Er müsse «auf jeden Fall» in einem geschlossenen Rahmen therapiert werden. Das könne kaum ohne Medikamente geschehen. Damals befand sich J. noch im Gefängnis Thorberg im Kanton Bern, weil er sich nicht einer stationären Massnahme unterziehen lassen wollte. 

Bundesgericht bestätigt Urteil

Auch vor Bundesgericht, nun ohne Rechtsbeistand, argumentierte J., er habe in Notwehr gehandelt. Er sei auch nicht schuldunfähig. Seine Argumente konnten die Richter allerdings nicht nachvollziehen. "Seine diesbezüglichen Ausführungen sind grösstenteils schwer verständlich, gehen an der Sache vorbei oder betreffen nicht die Frage der Notwehr. So zweifelt der Beschwerdeführer an, dass das Opfer wie im Untersuchungsbericht vermerkt schlechte Leberwerte hatte, was für die Frage der Notwehr offensichtlich unerheblich ist", hielten die Richter aus Lausanne fest. 

J. beantragte zudem eine Haaranalyse von sich und seinen Geschwistern sowie "einen hundertprozentigen Beweis, dass der Tote auch wirklich Ernst" sei. Seiner amtlichen Verteidigung vom Obergerichtsprozess warf er vor, ihn ungenügend verteidigt zu haben, weil sie den Hausarzt des Opfers nicht kontaktiert habe. Sein Bruder habe nämlich an einem Herzfehler gelitten – im Gutachten sei dies jedoch nicht erwähnt worden. Anzeichen für eine ungenügende Verteidigung konnte das Bundesgericht allerdings nicht feststellen. 

Genugtuungszahlungen

Das Obergericht hatte Karl J. ausserdem zu Genugtuungszahlungen verpflichtet: 60'000 Franken an die Lebensgefährtin seines erschossenen Bruders, 10'000 Franken an deren Sohn sowie 15'000 beziehungsweise 5000 Franken an die anderen Geschwister. J. focht vor Bundesgericht auch diesen Entscheid an - vergeblich. Es bestätigte die Zahlungen. 

Mordprozess Büsserach

8. Dezember 2016: Karl J. vor dem Solothurner Obergericht

Karl J. soll seinen Bruder auf dem Gewissen haben. Ein Erbschaftsstreit, der mit einem Mord endete. 

49-Jähriger erschiesst wegen Erbstreit seinen Bruder.

TeleM1-Bericht vom 14. August 2013: 49-Jähriger erschiesst wegen Erbstreit seinen Bruder.