In den letzten 16 Jahren sass Josef Meier oft für Sitzungen im Verwaltungsratssaal der Neuen Aargauer Bank. Der letzte Termin für den abtretenden Verwaltungsratspräsidenten der NAB im holzverkleideten Saal ist keine Sitzung zur Strategie der Bank, sondern ein Interview mit der AZ.

Sie waren jahrzehntelang im Bankenbereich tätig – wollten Sie als Kind schon Bankdirektor werden?

Josef Meier: Nein, eigentlich wollte ich ursprünglich Bäcker werden, ich bin in einer Bäckerfamilie aufgewachsen. Lange plante ich, die Bäckerei meiner Eltern zu übernehmen. Schliesslich entschied ich mich dagegen, denn wenn meine Eltern privat Differenzen hatten, dann wegen des Geschäfts – das wollte ich meiner künftigen Ehefrau nicht antun. Eines ist mir geblieben: Ich bin immer so früh wie ein Bäcker auf den Beinen.

Wie hat danach Ihre Bankenkarriere begonnen?

Ich habe bei der Kreditanstalt am Werdmühleplatz in Zürich ein Stage als Assistent gemacht. So kam ich ins Kreditgeschäft im Firmen- und Privatkundenbereich.

Diese Woche hat die UBS bekannt gegeben, dass sie auf Sparkonti keinen Zins mehr geben wird. Hätten Sie sich das damals vorstellen können?

Nein, diese Entwicklung hat damals wohl niemand vorausgesehen. Heute ist es so, dass alle Banken ihren Kunden eigentlich die Negativzinsen der Nationalbank weitergeben müssten. Die NAB tut dies nicht bei Privatkunden. Negativzinsen werden erst ab einer Liquidität von drei Millionen Franken ein Thema.

War es früher einfacher als heute, erfolgreich eine Bank zu führen?

Es gab immer wieder schwierige Zeiten, zum Beispiel die Immobilienkrise Ende der 90er-Jahre oder die Finanzkrise im Jahr 2008. Heute gibt mir die zunehmende Regulierungsdichte zu denken – und die Digitalisierung wird die Bankenwelt künftig auf den Kopf stellen.

Immer mehr Menschen zahlen mit dem Handy, erledigen ihre Bankgeschäfte online – braucht es bald gar keine Bankschalter mehr?

Bargeld verliert an Bedeutung, weil man lieber mit Karten oder Apps wie Twint zahlt. Wir registrieren rückläufige Zahlen bei Transaktionen am Schalter und am Bancomaten. Das ist der langfristige Trend. Als Regionalbank betreiben wir im Kanton 26 Geschäftsstellen mit persönlicher Beratung. Uns ist und bleibt es wichtig, der Kundschaft lokal vor Ort eine persönliche Beratung anzubieten.

Kann die NAB selber bestimmen, wie viele Filialen sie betreibt, oder wird das im Hauptquartier der Muttergesellschaft Credit Suisse in Zürich entschieden?

Wir sind eine eigenständige Bank mit einer eigenen Strategie, einer eigenen Kredit- und Anlagepolitik. Wir werden über Ziele geführt und nicht über Diktate. Die Credit Suisse hat ein grosses Interesse, dass es der NAB im Aargau gut geht. Der Verwaltungsrat kann zusammen mit der Geschäftsleitung am besten entscheiden, was nötig ist, damit es gut läuft.

Dennoch ist die CS einziger Aktionär und damit Besitzer der NAB.

Ja, das stimmt, aber wir haben viele Freiheiten. Wenn sie wiederkehrend Erfolg haben, wie das bei der NAB der Fall ist, gibt es keine Probleme bei Gesprächen mit der Muttergesellschaft. Wir führen kontroverse Diskussionen im Verwaltungsrat, in dem sowohl Vertreter der CS wie auch unabhängige Mitglieder das Wort haben.

Wie erleben Sie das Verhältnis zwischen der AKB und der NAB?

Die AKB ist natürlich eine Konkurrentin für uns im Aargau. Wir agieren beide in einem attraktiven Marktgebiet: Der Aargau ist als Wohnkanton sehr beliebt und die Wirtschaft ist robust. Der hohe Wettbewerb hält uns fit. Die NAB ist im Aargau die grösste Regionalbank, anderswo ist das meistens die Kantonalbank.

Die NAB gehört der CS, die AKB dem Kanton – sind Sie froh, dass es bei Ihnen keinen politischen Einfluss, zum Beispiel mit Lohndeckeln, gibt?

Es ist ein Vorteil, dass die Neue Aargauer Bank kein Staatsinstitut ist und nicht politisch kontrolliert wird. Was die Saläre angeht: Wir bezahlen unsere Angestellten nach Leistung und nach dem Erfolg der Bank. Wir sind eine attraktive Arbeitgeberin und bieten unseren Mitarbeitenden konkurrenzfähige Saläre an.

Zuletzt gab es Diskussionen über das Salär von CS-Chef Tidjane Thiam. Das Ergebnis der Bank war schlecht, seine Bezüge stiegen trotzdem. Haben Sie Verständnis für die Kritik?

Ich kann mich nur zu den Entschädigungen bei der NAB und den Salären im Aargau äussern. Aus meiner Sicht werden hier faire Löhne bezahlt.

Ein anderes Thema, das auch im Aargau kontrovers diskutiert wird, sind Frauenquoten in Führungsgremien – wie stehen Sie dazu?

Die NAB betreibt seit Jahren Frauenförderung aus Überzeugung. Gestern wurde an der Generalversammlung mit Corinne Mühlebach wieder eine Frau in den Verwaltungsrat der NAB gewählt. Zuvor gehörten dem Gremium Doris Leuthard, Jasmin Staiblin und Dagmar Kamber an. Mit Karin Madliger ist auch in der erweiterten Geschäftsleitung eine Frau vertreten.

Das ergibt einen Frauenanteil von 10 Prozent im Verwaltungsrat, in der Geschäftsleitung sitzt keine Frau.

Mit Corinne Mühlebach haben wir im Verwaltungsrat eine erfolgreiche Unternehmerin, die an der Fachhochschule Marketing und Innovation doziert. Themen, die für unsere Bank sehr wichtig sind. Quoten sind bei uns kein Thema, wir fördern die Frauen auf allen Stufen.

Haben Sie jemals überlegt, in die Politik einzusteigen? Sie kennen die Wirtschaft, sind sehr gut vernetzt, haben Führungserfahrung ...

Nein, ich wäre kein guter Politiker, dafür bin ich zu direkt. Und ich mag rasche Entscheidungen. Ich hätte Mühe, die langwierigen Beratungen in allen politischen Gremien abzuwarten. Bei der NAB können wir uns für einen Weg entscheiden, dann wird er eingeschlagen.

Sie waren bei der NAB auch Erfinder der Auszeichnung «Aargauer des Jahres». Wie kam es dazu?

Das war nicht allein meine Idee, sie entstand in einem Ausschuss des Verwaltungsrats. Wir haben die Preisverleihung mit der Wahl «Aargauer/in des Jahres» als Ersatz für die wegfallende öffentliche Generalversammlung ins Leben gerufen. Wir sind als Bank im Aargau zu Hause und wollen mit dem NAB-Award unseren Kundinnen und Kunden danken.

Bestandteil des NAB-Awards ist auch der Charity-Verein, der Spenden an Institutionen vergibt. War das von Anfang an zusammen geplant?

Ja, denn wir sind der Überzeugung, dass man nicht nur feiern, sondern auch Gutes tun soll. Bisher wurden 40 Institutionen ausgezeichnet und mit über 600'000 Franken unterstützt. Das zeigt, wie vielfältig sich Menschen im Aargau für wohltätige Zwecke einsetzen.

Sie präsidieren die NAB-Kulturstiftung – welchen persönlichen Bezug zur Kultur haben Sie?

Ich war lange Präsident des Aargauischen Kunstvereins. Meine Frau und ich befassen uns sehr stark mit Kunst und sind auch Sammler. Die Kulturstiftung ist deshalb für mich eine Herzensangelegenheit. Wir unterstützen Kulturprojekte mit bis zu 350'000 Franken pro Jahr.

Christoph Blocher sammelt Bilder von Albert Anker und Ferdinand Hodler – was sammeln Sie?

Ich finde die Bilder dieser Schweizer Künstler wunderbar, aber meine Frau und ich sammeln Fotografien. Damit haben wir schon in jungen Jahren angefangen. Wir sammeln Bilder aus der Düsseldorfer Fotoschule, aber auch Werke von Aargauer Künstlern wie Ursula Rutishauser, Ruth-Maria Obrist, Hugo Suter, Beat Zoderer, Stephan Gritsch und vielen weiteren.

Die NAB unterstützt nicht nur die Kultur, sondern auch den FC Aarau. Haben Sie Hoffnung, dass Sie bald ein Spiel im neuen Stadion sehen?

Der Verein hätte das neue Stadion auf jeden Fall verdient. Der langwierige Prozess um das Stadion ist sehr mühsam. Es freut mich sehr, dass es dem FC Aarau sportlich wieder gut läuft.

Haben Sie zu Beginn der Saison, als der FC Aarau am Tabellenende lag, das Sponsoring infrage gestellt?

Wir tauschen uns mit den Verantwortlichen bei unseren Sponsorings regelmässig aus und haben damals nach dem Abstieg auch den Sponsoringvertrag angepasst. Das ist ein normaler Vorgang. Grundsätzlich engagieren wir uns langfristig und wir mischen uns nicht ein. Das gilt zum Beispiel auch für das Kunsthaus. Es käme uns als Sponsors nie in den Sinn, den Verantwortlichen zu sagen, welche Ausstellung sie machen sollen.

Ihr Nachfolger als Verwaltungsratspräsident ist Peter Bühlmann, der bis vor zwei Jahren CEO der NAB war. Welche Tipps geben Sie ihm?

Peter Bühlmann braucht von mir keine Tipps. Er war zwei Jahre lang Vizepräsident im Verwaltungsrat und kennt die Bank aus seiner Zeit als CEO bestens. Ich werde mich auch nicht einmischen, wenn ich in Zukunft einmal mit einer Entscheidung nicht einverstanden sein sollte.