Am Berufungsprozess am Obergericht Aargau richtete sich die Aufmerksamkeit auf den Vierfachmörder Thomas N. und die Frage: ordentliche oder lebenslange Verwahrung?

Moderator Oliver Steffen wollte zum Start des Talk Täglich von Opferanwalt Markus Leimbacher aber wissen: Wie geht es den Angehörigen der Opfer?

Der Lebenspartner von Carla Schauer habe eine zweimonatige Auszeit in den USA nehmen können, so Leimbacher. Er sei auf einem guten Wege, das grausame Ereignis zu verarbeiten. Ähnlich ergehe es dem Bruder von Carla Schauer, er habe erfolgreich eine Psychotherapie abgeschlossen. Bei ihren Eltern sehe es anders aus. Sie könnten das Geschehene nicht verarbeiten, es gehe ihnen nicht gut.

Von den Angehörigen war am Donnerstag niemand am Prozess dabei. Das sei verständlich, so Leimbacher, denn es ging um technisch-juristische Fragen und nicht mehr um die eigentliche Tat.

Am 21. Dezember jährt sich die Tat zum dritten Mal. Bei Leimbacher löst dies eine Erinnerung aus. Nämlich, an jenem Morgen damals sei er aufgewacht und habe auf einem Onlineportal plötzlich das Foto einer Frau gesehen habe, die er kannte: Carla Schauer. Der Prozess vor Obergericht sei für ihn nicht mehr so schwierig gewesen, anders der erste Prozess im März.

Markus Melzl, ehemaliger Kriminalkommissär, hätte es begrüsst, wenn Thomas N. am Berufungsprozess anwesend gewesen wäre, "damit er sich der Situation nochmals stellen muss". Der Mörder hatte sich aber vom Gericht auf eigenen Wunsch dispensieren lassen. Der Grund: Es ging vor Obergericht nicht um das Strafmass, sondern um technische Aspekte und Massnahmen.

Das Urteil kam kurz vor Mittag und lautete: ordentliche Verwahrung. Weggestrichen wurde die Therapie.

Moderator Steffen kommt auf den zentralen Punkt zu sprechen. Kann es eigentlich eine lebenslange Verwahrung geben? Für Andreas Frei, Leitender Arzt Fachstelle Forensik an der Psychiatrie Baselland, ist die Annahme der lebenslangen Verwahrung durch das Volk ein Unglück. Der Entscheid sei aus dem Zeitgeist heraus zu verstehen. Die ordentliche Verwahrung sei das einzig richtige Urteil.

Lebenslang verwahrt kann jemand nur werden, wenn er nicht therapierbar ist. Das Bundesgericht hat bislang sämtliche derartigen Entscheide aufgehoben. "Ich gebe zu, dass es schwierig ist, eine Veränderung bei Thomas N. festzustellen. Doch zu einer Aussage, dass er nicht therapierbar ist, kann man nicht kommen», so Frei. Zu diesem Schluss kamen auch zwei Gutachter. Einige Momente später sagt Frei: "Ich halte das Konstrukt der lebenslänglichen Verwahrung für falsch."

Die Reaktionen zum Urteil des Aargauer Obergerichts:

Für die Angehörigen sei entscheidend, dass Thomas N. nie mehr das Gefängnis verlasse. "Eine letzte Sicherheit dafür gibt es nie, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross", so Leimbacher. Den Angehörigen sei es letztlich egal, auf welche Art die Haft ablaufe. Sie hätten bereits das Urteil des Bezirksgerichts akzeptieren können und es als gut befunden.

Der Starpsychiater Frank Urbaniok hatte im Vorfeld der Gerichtsverhandlung die Gutachter-Kollegen kritisiert: «Man kann nicht sagen, Thomas N. sei therapierbar.»  Das hatte selbst an der Verhandlung Erwähnung gefunden. Psychiater Andreas Frei wieder kritisiert Urbaniok. Sich im Vorfeld des Anlasses bei maximaler Medienpräsenz ungerechtfertigt ins Geschehen einzugreifen, könne er nicht gutheissen. "Alles nur fürs Ego?", so Steffen. "Das haben Sie gesagt", entgegnet Frei.

«Verkorkste Existenz»

Psychiater Frei nennt Thomas N. eine "verkorkste Existenz" mit einer "zwanghaften und narzisstischen Störung". Und er sei offensichtlich gefährlich. Offen sei: Ist Thomas N. sadistisch veranlagt – habe er also Lust am Töten gehabt – oder hat es sich um eine Verdeckungstat gehandelt? Vieles sei offen, deshalb sei eine Therapie zu versuchen. Diese aber hat das Obergericht gestrichen.

Anwalt Leimbacher glaubt: Mit dem Gang ans Obergericht und seiner Absenz dort, habe sich Thomas N. heute um eine Chance gebracht. Nämlich: Zu beweisen, dass es ihm mit einer Therapie ernst ist. Eine solche hat er angestrebt.

Was wird jetzt mit Thomas N. geschehen? Frei: "Er wird in Genuss der psychiatrischen Grundversorgung des Gefängnisses kommen und in einer Spezialabteilung untergebracht." Thomas N. sitzt in der Strafanstalt Pöschwies (ZH) ein.

«Wir haben keine Erfahrung»

Die Gäste diskutieren, ob Thomas N. je wieder frei kommt, was allerdings niemand glaubt. Die Hürden gerade in seinem Falle seien hoch. Doch man müsse aufpassen.

Das Problem im Umgang mit Thomas N. ist gemäss Psychiater Frei: "Wir haben keine Erfahrung mit einem solchen Täter." Es bestehe die Gefahr, dass er seiner Umgebung etwas vorspielen wird, seine manipulative Seite sei nicht zu unterschätzen. Auch Leimbacher glaubt: "Er probiert die Leute um die Finger zu wickeln."

Die Sendung abschliessend sagt Leimbacher: "Ich wünsche den Angehörigen, dass das Urteil auf dem heutigen Stand rechtskräftig wird, dass sie damit abschliessen können. Und dass sie einen Weg finden, mit dieser ganz schwierigen Situation umzugehen." (jk)

Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» mit Markus Leimbacher, Andreas Frei und Markus Melzl in voller Länge:

Keine Verwahrung für den Vierfachmörder von Rupperswil