Es drehte sich alles um ihn, doch er war nicht da. Vierfachmörder Thomas N., 35, liess sich von der zweitinstanzlichen Verhandlung zum Fall Rupperswil dispensieren. Die Strafprozessordnung schreibt vor, dass dafür «wichtige Gründe» vorliegen müssen. Vor der Verhandlung wurden diese geheim gehalten.

Prozessbeobachter gingen davon aus, dass er sich wohl psychisch nicht in der Lage sah, nochmals einen Medienrummel auszuhalten. Bei der Verhandlung vor dem Lenzburger Bezirksgericht im März hatten sogar internationale Fernsehsender wie RTL Reporter nach Schafisheim AG geschickt, wo der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in einem Polizeigebäude durchgeführt worden war.

Hundert Zuschauer sassen dem Mann gegenüber, der das grausamste Verbrechen der vergangenen Jahre in der Schweiz verübt hatte. Vier Tage lang waren alle Blicke auf ihn gerichtet, jede Regung wurde notiert.

Dass ihm dies nun erspart blieb, erreichte Verteidigerin Renate Senn mit einer banalen Begründung. Auf ihren Klienten sei es heute nicht angekommen, sagte sie. Rechtsfragen und Gutachter seien im Zentrum gestanden, er selber hätte dazu gar nichts beitragen können. Das Urteil werde er über die Medien erfahren. Sie sagte: «Dass mein Klient nicht da ist, dient auch einem schlanken und kostengünstigen Verfahrensablauf.»

Am frühen Morgen vor dem Aargauer Obergericht in Aarau – Staatsanwältin Barbara Loppacher trifft ein:

Heute fällt Entscheid über Verwahrung von Vierfachmörder

Das Video zeigt das Eintreffen der Staatsanwältin Barbara Loppacher vor den wartenden Medienvertretern beim Obergericht. Die Anwältin des verurteilten Vierfachmörders, Renate Senn, sieht man kurz im Innern der Eingangshalle.

Staatsanwältin Barbara Loppacher sah das anders: «Es ist rätselhaft, was hier die wichtigen Gründe sein sollen. Das entspricht nicht der Strafprozessordnung.» Sie konnte den mutmasslichen Verstoss aber locker nehmen.

Denn sie hatte nicht um eine zweite Verhandlung gebeten: «Ich wäre mit dem Urteil zufrieden gewesen, es war ein gutes Urteil.» Doch nun kam es für sie noch besser. Das Gericht änderte es in einem Punkt und erfüllte damit eine ihrer Forderungen: Es hob die ambulante Massnahme auf, die Psychotherapie im Gefängnis. Die Voraussetzungen dafür seien nicht erfüllt, weil die Therapie das Rückfallrisiko nicht senken würde.

Verteidigerin Renate Senn hatte gepokert und verloren. Nur weil sie Berufung eingelegt hatte, kam es zur Verhandlung vor Obergericht. Mit ihrem einzigen Antrag, die ordentliche Verwahrung aufzuheben, hatte sie keine Chance. Weil das Gericht auf einen Antrag der Anschlussberufung der Staatsanwältin einging, endete die Verteidigungsstrategie mit einem Eigentor. Vierfachmörder Thomas N. verlor jene Therapie, die er sich gemäss seiner Verteidigerin gewünscht hätte.

Richter Six denkt um

Die Voraussetzungen für eine lebenslängliche Verwahrung, welche die Staatsanwältin zudem verlangt hatte, sah das Obergericht ebenfalls als nicht erfüllt an. Richter Jann Six erklärte: «Eine lebenslängliche Verwahrung ist nur dann möglich, wenn der Täter auf Lebzeiten nicht therapierbar ist.»

Dies habe das Bundesgericht mehrmals bestätigt. Six weiss das aus eigener Erfahrung: 2012 hatte er für Aufsehen gesorgt, als er im Fall Lucie die schärfste Massnahme des Schweizer Strafrechts für den Mörder des Au-pair-Mädchens angeordnet hatte. 2013 hob das Bundesgericht den Entscheid auf.

Die Reaktionen zum Urteil des Aargauer Obergerichts:

Richter Six machte mit Thomas N. kurzen Prozess. Um 8 Uhr eröffnete er die Verhandlung. Um 11.45 verkündete er bereits das Urteil. Für die Beratung mit seinen zwei Kollegen reichte ihm eine halbe Stunde. Obwohl das Programm dicht war, kam in Aarau keine Spannung auf wie damals in Schafisheim. Als die Gutachter Schachtelsätze aneinanderreihten, fielen einige Zuschauer in einen Sekundenschlaf.

Beleidigte Gutachter

Für ein wenig Aufregung sorgte allerdings der zweite Abwesende an diesem Tag: Psychiater Frank Urbaniok. In einem Fachaufsatz und einem Interview mit dieser Zeitung hatte er die beiden Gutachten kritisiert. Man könne nicht sagen, Thomas N. sei therapierbar. Mit der Persönlichkeitsstörung und der Pädophilie lasse sich das Delikt nicht erklären.

Oberrichter Six sprach die beiden Gutachter Josef Sachs und Elmar Habermeyer auf die Kritik ihres Berufskollegen an. Sachs hielt fest, es sei ein Irrtum zu glauben, ein Delikt wie dieses sei auf eine Ursache zurückzuführen. Entscheide seien per se willkürlich und nicht vorhersehbar: «Wir wissen zurzeit nicht, was sich im Kopf von Thomas N. abgespielt hat.» Möglicherweise wisse er es nicht einmal selber.

Elmar Habermeyer sagte, er habe über 30 Bundesordner mit Akten studiert. Ausserdem habe er 13 Stunden mit Thomas N. verbracht. Aus diesen Informationen habe er sein 240-seitiges Gutachten verfasst: «Ich finde es ausgesprochen schwierig, wenn dann von aussen die Gutachten bewertet werden.» Das führe seine ganze Arbeit ad absurdum. «Wenn es wirklich so einfach wäre, bräuchte es mich als Gutachter ja nicht.»

Verteidigerin Senn kritisierte, dass Urbaniok seinen Fachaufsatz der Staatsanwältin geschickt hatte. Das sei «eine Beeinflussung sondergleichen», die nichts «mit einem fairen Prozess» zu tun habe.

Staatsanwältin Loppacher lobte Urbanioks Initiative. Er sei ein «ausgewiesener Experte». Für sie ist die grösste Arbeit im Fall Rupperswil nun erledigt. Nach einem Interviewmarathon konnte sie gestern aufatmen. Seit 2015 habe sie Weihnachten immer mit diesem Fall im Hinterkopf verbracht. «Das werden jetzt die ersten Weihnachten sein, die ich geniessen kann.»