Sicherheitsdiskussion

Rätselraten um kleine Aluminium-Einschüsse im AKW Beznau – und Leuthard zweifelt

byebyebeznau, Hearing zum Zustand des AKW Bernau auf Einladung von Greenpeace Schweiz, Trafo, Baden, 27. Oktober 2016. Dr. Ulf Ilg, Consultat, ehemals EnBW Kernkraft.

Wie sicher ist der Reaktordruckbehälter von Beznau 1? Experte Ulf Ilg gibt am Greenpeace-Hering im Trafo Baden Auskunft.

byebyebeznau, Hearing zum Zustand des AKW Bernau auf Einladung von Greenpeace Schweiz, Trafo, Baden, 27. Oktober 2016. Dr. Ulf Ilg, Consultat, ehemals EnBW Kernkraft.

Experten spekulieren am Hearing zu Beznau 1 über den Zustand des umstrittenen Reaktordruckbehälters. Und Grünen-Nationalrat Bastien Girod sagt, warum sich die Axpo über ein Ja zur Atomausstiegs-Initiative freuen dürfte.

Im Badener Trafo läuft aktuell der Hollywood-Streifen Bridget Jones’ Baby. «Beziehungsstatus: Mehr als kompliziert», warnt das Filmplakat draussen beim Haupteingang. Wer es kompliziert mag, war am Donnerstagabend beim gleichenorts von Greenpeace durchgeführten «Hearing zum Zustand von Beznau 1» jedoch ebenfalls gut bedient.

Vier Fachleute waren zu diesem erschienen - die Material-Expertin Ilse Tweer, die Reaktorsicherheits-Expertin Simone Mohr, Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich und der Material-Experte Ulf Ilg. Die grosse Frage im Raum: Wie sicher ist der Reaktordruckbehälter des seit dem Sommer 2015 abgeschalteten AKW Beznau 1?

Gleich Eingangs kritisierte Mohr die Informationspolitik der Beznau-Betreiberin Axpo. Aus Belgien - wo 2012 Unregelmässigkeiten am Material von zwei Reaktordruckbehältern festgestellt worden waren, was dann zu den Untersuchungen des Beznauer Behälters führte - habe man weit mehr Informationen erhalten, so die Maschinenbau-Ingenieurin des deutschen Öko-Instituts. «In der Schweiz gab es lediglich drei Axpo-Mediengespräche mit technisch nicht unbedingt ausreichendem Inhalt.»

Unregelmässigkeiten im Reaktordruckbehälter von Beznau I.

Unregelmässigkeiten im Reaktordruckbehälter von Beznau I.

Die grosse Frage im Raum, so viel war damit bereits klar, konnte im Trafo nicht abschliessend beantwortet werden. Gemeinsam mit einer internationalen Expertengruppe soll dies die Atomaufsichtsbehörde Ensi in den kommenden Monaten tun. Der Sicherheitsnachweis, so Axpo-Sprecher Rainer Meier, werde dort in den nächsten Tagen eingereicht. Er sei «gespannt, ob es Gründe gibt, sich Sorgen zu machen, oder ob die Einschlüsse den weiteren sicheren Betrieb nicht gefährden».

Diese Einschlüsse im Stahl des Reaktordruckbehälters bestehen laut der Axpo aus Aluminiumoxid. Unter anderem, um dies nachzuweisen, hatte sie eine Replika des Druckbehälters mit den Produktionsmethoden von 1965 nachbauen lassen. Dass man im Produktionsprozess eines Behälters Aluminium zufüge, sei keine Verunreinigung, sagte Prasser dazu, «sondern eine zielgerichtete Dosierung, weil man den Sauerstoff weghaben will». In den USA seien mindestens 20 nach dem Beznauer Verfahren hergestellte Gusswerke im Einsatz, fügte Ilg an.

byebyebeznau, Hearing zum Zustand des AKW Bernau auf Einladung von Greenpeace Schweiz, Trafo, Baden, 27. Oktober 2016.

Hearing im Trafo zum Zustand AKW Beznau.

byebyebeznau, Hearing zum Zustand des AKW Bernau auf Einladung von Greenpeace Schweiz, Trafo, Baden, 27. Oktober 2016.

Eine Garantie für die Zuverlässigkeit des Reaktordruckbehälters ist dies natürlich noch nicht. Was an der Grenzfläche zwischen Stahl und Aluminium passiere, könne man nicht sehen, so Tweer. Und laut Mohr muss man davon ausgehen, «dass an diesen Stellen die Materialeigenschaften anders sind».

Sie plädierte deshalb dafür, den Weiterbetrieb an eine zusätzliche Sicherheitsmarge zu koppeln. Der allfälligen Zwischenlösung, die Inbetriebnahme an eine befristete Laufzeit zu koppeln, erteilte derweil Ilg eine Absage. Wenn der Sicherheitsnachweis gelinge, müsse feststehen, dass der Reaktor für immer sicher sei, so der Experte. «Wenn der Zustand erreicht ist, wo die Wissenschafter sagen, er sei zum Beispiel ab 2023 plötzlich nicht mehr so gut, muss er sofort ausser Betrieb.»

«Die Politik übersteuert das Ensi»

Um Sicherheitsmargen ging es dann auch in der anschliessenden politischen Diskussionsrunde. Das Ensi selber habe für über 40-jährige Anlagen eine solche gefordert, betonte Bastien Girod. Und damit, so der Grüne Nationalrat, «wäre klar, dass Beznau 1 nicht mehr ans Netz gehen könnte.» Allerdings habe der Ständerat die Marge aus der Vorlage gestrichen - «es soll mir also niemand sagen, er vertraue dem Ensi, denn dieses wurde von der Politik übersteuert.» Genau dieses Vertrauen hatte dem Ensi zuvor SVP-Grossrat Martin Keller ausgesprochen. Er schlafe gut im nahe gelegenen Nussbaumen, auch seit die Probleme beim Reaktor-Druckbehälter bekannt geworden seien, betonte er.

Beznau 1 ist heute mit 47 Jahren das älteste AKW der Welt. Dass ein Werk, das für 40 Jahre geplant war, jetzt wie von der Axpo vorgesehen 60 Jahre laufen soll, ist für den ETH-Experten Prasser aufgrund des technischen Fortschritts allerdings nichts Aussergewöhnliches. Insgesamt wurden in Beznau 2,5 Milliarden Franken in die Nachrüstung investiert. Der Wert, der die Häufigkeit eines möglichen Kernschadens angibt, war laut Axpo-Sprecher Meier für Beznau denn auch im Jahr der Inbetriebnahme 1969 am höchsten.

«Das Märchen von der alten Maschine, die immer unsicherer wird, das können sie vergessen», beschwor er das Publikum. Ob die Axpo den Kampf für Beznau weiterführen kann, wird sich am 27. November entscheiden, dem Abstimmungstermin für die Atomausstiegs-Initiative der Grünen. Laut Meier haben AKW «eine wirtschaftliche Chance, wenn sie gerüstet sind, noch zehn Jahre zu laufen».

Denn weil in den nächsten Jahren viele Kraftwerke vom Netz gehen und im Moment nicht in neue investiert wird, könnte der tiefe Strompreis wieder steigen. Girod sieht dies etwas anders: «Schlussendlich wäre mit einem Ja zur Initiative auch der Axpo gedient, weil man dann das Kapitel endlich abschliessen und in die Zukunft marschieren könnte.» Und diese soll natürlich grün sein. Die Initiative fordere deshalb nicht nur den Atomausstieg, sie forciere auch den Ausbau der Erneuerbaren Energien, so Nils Epprecht von der Schweizerischen Energie-Stiftung.

Unregelmässigkeiten AKW Beznau – das sagt der Chef

Unregelmässigkeiten AKW Beznau – das sagt der Chef

Wegen weiteren Unregelmässigkeiten in den Stahlwänden des AKW Beznau 1 bleibt dieses sicher bis Ende Jahr abgeschaltet. Interview mit Mike Dost, Leiter des Kernkraftwerks Beznau. (Tele M1, 3.5.2016)

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