Ständeratswahlen
Sachpolitiker statt Polteri: Der Nachname ist sein Wahlprogramm

Nach vier Jahren will SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht ins «Stöckli» – dort habe es schon genug Könige. «Poltern würde überhaupt nicht meinem Naturell entsprechen», sagt er.

Fabian Hägler
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Hansjörg Knecht

Hansjörg Knecht

EMANUEL FREUDIGER

«Bitte warten Sie einen kurzen Moment, ich muss rasch aus dem Saal», sagt Hansjörg Knecht, als die az ihn im Bundeshaus am Handy erreicht. Ein paar Augenblicke später meldet sich Knecht wieder: «Jetzt bin ich im Bundesratszimmer», um gleich darauf zu erklären: «Das Zimmer dürfen auch wir Parlamentarier benutzen, wenn keine Bundesräte drin sind.»

Bis vor kurzem kannten ihn nur die Polit-Insider in Bern – doch Anfang Jahr stand Knecht ganz oben auf einer Liste der SVP Schweiz mit sieben Bundesratskandidaten. Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» bestätigte Parteipräsident Toni Brunner, dass der Mühlenbesitzer aus Leibstadt «tatsächlich im Kreis möglicher SVP-Bundesratskandidaten» sei.

Serie Ständeratswahlen 2015

In einer vierteiligen Serie stellt die az diese Woche die aussichtsreichsten Ständeratskandidatinnen und -kandidaten vor. Heute: Hansjörg Knecht. Bisher erschienen: Ruth Humbel, Philipp Müller.

Bundesrats-Kandidatur als Gag?

Seither ist es ruhig um einen möglichen Bundesrat Knecht – war die Short List mit seinem Namen also nur ein Wahlkampfgag?

Ähnlich aussichtslos wie Ständeratskandidaturen von Politikern aus kleinen Parteien, die sich davon mehr Publizität im Nationalratswahlkampf versprechen?

«Nein», widerspricht Hansjörg Knecht, «meine Kantonalpartei hatte mich der Findungskommission gemeldet, insofern war dies kein Gag.» Es beweise vielmehr, dass seine fundierte Arbeit anerkannt werde. «Derzeit konzentriere ich mich aber voll auf die Ständeratswahl.»

Die Aussichten auf einen Sitz in der kleinen Kammer schätzt Knecht als absolut intakt ein. «Das Rennen ist sehr offen und spannend, alle Kandidaten haben ihre Chancen.» Er könne dabei sicher auf die Unterstützung der SVP-Wähler, von KMU- und wirtschaftsfreundlichen Kreisen sowie Bauern zählen, gibt sich der SVP-Mann zuversichtlich.

Das politische Profil von Hansjörg Knecht

Das politische Profil von Hansjörg Knecht

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Hansjörg Knecht

Der 55-jährige Unternehmer ist verheiratet und wohnt in Leibstadt. Dort sass der Mühlenbesitzer von 1990 bis 1997 im Gemeinderat, zudem war er zwischen 1996 und 2012 im Grossen Rat. Vor vier Jahren wurde Knecht in den Nationalrat gewählt, dort ist er Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie.

Lob und Kritik von Bauern

Der kantonale Bauernverband hatte Knecht an der Generalversammlung im April als einzigem Ständeratskandidaten eine Plattform geboten. Angekündigt wurde Knechts Auftritt unter dem Titel «Warum mich die Bauern in den Ständerat wählen sollen».

Dies löste Kritik von der grünen Bäuerin Gertrud Häseli aus: «Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber», kommentierte sie. Als Müllerei-Unternehmer stehe Knecht auf der Abnehmerseite und vertrete nicht unbedingt bäuerliche Interessen, sondern sei primär an günstigen Preisen interessiert.

Tatsächlich ist Knecht kein Freund der heutigen Landwirtschaftspolitik. «Mit den Landschaftsqualitätsprojekten und der unvermindert weitergehenden Ökologisierung wird sich die Landwirtschaft früher oder später der Lächerlichkeit preisgeben», schrieb er in einem Gastbeitrag in der «Bauernzeitung».

Es könne doch nicht sein, dass ein Beitrag von 100 Franken pro Jahr ausgerichtet werde, wenn 5 bis 20 Hühner, Enten oder Gänse auf dem Hof frei herumlaufen oder kein benzinbetriebener Laubbläser eingesetzt werde.

Klartext von Knecht – ein so prägnantes Statement ist bei ihm aber selten. Der 55-jährige Unternehmer ist quasi der Gegenentwurf zu Ulrich Giezendanner, der vor vier Jahren die Wahl in den Ständerat gegen Pascale Bruderer (SP) und Christine Egerszegi (FDP) verpasste.

Anders als Giezendanner ist Knecht kein «Polteri», sondern präsentiert sich als Sachpolitiker. «Poltern würde überhaupt nicht meinem Naturell entsprechen», sagt Knecht.

Heute werde im Nationalrat zu oft nur Stroh gedroschen, gewisse Politiker würden eine Show abziehen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. «Ich bedauere diese Entwicklung, denn letztlich zählen Arbeit und Resultate», gibt er sich nüchtern. Die Folgerung ist klar: «Im Ständerat sind die Beratungen sachlicher und effizienter, das würde mir besser passen.»

Umgänglich, aber eher farblos

Auch seine Partei malt fleissig an diesem Knecht-Bild. Dieser sei ein konzilianter, mehrheitsfähiger Konsenspolitiker, vertrete parteipolitisch jedoch eine klare Linie, sagt SVP-Präsident Toni Brunner.

Und seine Kantonalpartei hielt in einer Mitteilung kürzlich fest: «Er sucht nicht das Rampenlicht, sondern konzentriert sich auf die Arbeit in Parlament und Kommissionen.» Ob dies reicht, um gegen Pascale Bruderer (SP), Ruth Humbel (CVP) und Philipp Müller (FDP) am 18. Oktober einen Sitz im Ständerat zu erobern?

Wer bei Bundesparlamentariern nachfragt, bekommt oft dasselbe zu hören. Knecht wird als umgänglich und anständig beschrieben, allerdings auch als eher farbloser, unbekannter Hinterbänkler. Dass die SVP gerade Knecht als Ständerat nominiert hat, löst oft Erstaunen aus.

Hans Grunder (BDP) sitzt mit Knecht in der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. «Er ist in der Kommission eher still und unscheinbar», sagt Grunder. Knecht sei sicher kein Polteri, wenn ihm ein Thema wichtig sei, könne er aber schon aus sich herauskommen. «Tendenziell ist Hansjörg Knecht eher zurückhaltend, aber wenn man auf ihn zugeht, ergeben sich gute Diskussionen.»

Bastien Girod (Grüne) sagt über Hansjörg Knecht: «Wie alle SVP-Vertreter in der Kommission ist auch er nicht besonders kooperativ in den Diskussionen.» Oft bestehe das Konzept des atomfreundlichen Aargauers lediglich darin, Anträge zur Energiewende einfach zu streichen. «Ich würde von ihm mehr konstruktive Vorschläge erwarten, wie die künftigen Probleme gelöst werden sollen», sagt Girod.

«Ich habe aufgeholt»

Auf sein Hinterbänkler-Image angesprochen, sagt Knecht: «Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit, und bezüglich Bekanntheitsgrad habe ich seit meiner Nomination sicher aufgeholt gegenüber den anderen Kandidaten.» Gerade bei der Beratung der Energiestrategie habe er sich profiliert, hält Hansjörg Knecht fest. Natürlich habe ein Parteipräsident, der sich fast täglich zu einem Thema äussere, eine grössere Resonanz – «aber es ist wie im Fussball, da gewinnt auch nicht immer der Favorit».

Zumindest in einem Rating hat der SVP-Kandidat im Ständeratswahlkampf die Nase vorn: Laut einer Studie von Politologe Michael Hermann, die im «SonntagsBlick» erschien, ist Hansjörg Knecht der unabhängigste Bundesparlamentarier im Aargau.

«Die Auswertung bescheinigt Unternehmern grundsätzlich die grössere Unabhängigkeit als Berufsparlamentariern, die von Bezügen aus Bern leben», freut sich Parteipräsident Thomas Burgherr. Ausserdem vergibt Knecht keine Zutrittsbadges für Lobbyisten zum Bundeshaus.

Weniger gut steht Knecht im Einflussrating der Politiker da: Dort ist er laut «Blick» lediglich auf Platz 148 zu finden, während die bürgerliche Konkurrenz mit Philipp Müller (12) und Ruth Humbel (19) klar weiter vorne klassiert ist. Und auch im «Bilanz»-Rating der wirtschaftsfreundlichsten Nationalräte ist Knecht erst auf Position 139 zu finden.

Der Knecht des Volkes

Davon lässt sich Hansjörg Knecht, der seinen Nachnamen zum Wahlprogramm gemacht hat, nicht beirren. «Knecht wählen – Könige hat es genug», diesen Slogan verschickte der Kandidat schon am Dreikönigstag tausendfach per Flyer im ganzen Kanton. Seit kurzem prangt der eingängige Spruch auch auf Knechts Wahlplakaten.

Doch wer hat ihn eigentlich erfunden? «Der Slogan ist in meinem Team entstanden, aufgrund eines Vorschlages meines Wahlkampfleiters Werner Laube.» Ein solcher Slogan müsse natürlich zur Person passen – «und dieser passt perfekt zu mir». Er sei ein echter Chrampfer, ein Unternehmer, und überzeugt, «dass in einer Demokratie die Entscheide des Volkes am wichtigsten sind».