Kirchenmusik

Schnippen und stampfen für den Segen: Reformierte modernisieren Gottesdienst

Band statt Chor und Lieder zum Mittanzen: Eindrücke vom modernen reformierten Modellgottesdienst in Frick.

Band statt Chor und Lieder zum Mittanzen: Eindrücke vom modernen reformierten Modellgottesdienst in Frick.

Der Organist am Keyboard, auf der Bühne Band statt Chor: Die Reformierten wollen sich für neue Stile öffnen – ein Besuch im Modellgottesdienst in Frick, der Vorbild für andere Aargauer Kirchgemeinden ist.

«Mut tut gut», schreibt der Beamer auf die Leinwand, die unter der Kirchenorgel an der Empore installiert wurde. Vorne, im Chor, steht eine kleine Holzbühne, doch darauf wartet kein Chor auf seinen Einsatz, sondern eine Band auf das Anzählen des Schlagzeugers.

Der Organist sitzt am Keyboard, der Kirchenpflegepräsident spielt Bass und Pfarrer Siebenmann ist etwas nervös.

Er steht hinter einem Notenständer, hält ein Mikrofon in der Hand und wird gleich singen. Es ist sein erster «11vor11»-Gottesdienst in der evangelisch-reformierten Kirche Frick, seit er sein Amt hier am 1. Oktober antrat.

Sein Vorgänger hatte die Idee zu diesem, so sagt es Siebenmann, «modernen Gottesdienstgefäss», und der hatte sich zuvor bei einem Kollegen dazu inspirieren lassen.

2009 war in Frick Premiere, seither wird der «11vor11» immer beliebter. Und: jetzt auch zu einem Vorbild für andere reformierte Kirchgemeinden im Kanton Aargau.

Jazz, Rock und Ländler

Der Grund: Am Mittwoch findet im Grossratsgebäude in Aarau die 2. Synode dieses Jahres statt. Alle 180 Vertreterinnen und Vertreter der reformierten Landeskirche treffen sich, um über die Zukunft zu diskutieren.

Ein Schwerpunkt dabei: das Projekt «Musik in der Kirche». Es soll «in den Jahren 2015 bis 2018 besondere musikalische Impulse für das gottesdienstliche Feiern der Kirchgemeinden geben». Das Ziel: eine musikalische Öffnung.

Neben klassischer Kirchenmusik sollen neu auch Jazz und Rock, Pop und Gospel, Ländler und World-Musik im Gottesdienst einen festen Platz erhalten. 180 000 Franken sind vorgesehen, um besondere Musikangebote über Kirchgemeindegrenzen hinaus zu vernetzen und erfahrene Musiker zu vermitteln.

«Lebensnahe Predigt, anregender Sketch»

«Mut tut gut – Veränderungen wagen», so lautet das Motto an diesem Sonntag in Frick – passender könnte es nicht sein. Auf dem Flyer tut sich ein Regenbogen auf und in ihm das Programm: «moderne Lieder mit Band», «lebensnahe Predigt», «anregender Sketch».

Der Organist am Keyboard, der Kirchenpflegepräsident am Bass, der Pfarrer singt: «11vor11»-Gottesdienst in der reformierten Kirche Frick. Roland Schmid

Der Organist am Keyboard, der Kirchenpflegepräsident am Bass, der Pfarrer singt: «11vor11»-Gottesdienst in der reformierten Kirche Frick. Roland Schmid

Dann wird vorne angezählt, E-Piano und Gitarre setzen ein, der Beamer schreibt jetzt einen Liedtext auf die Leinwand: «Dankbar erkenn ich: du thronsch of dere Wält. Dini Grössi, Herr, esch d’Melodie i mim Härz.»

Der Song scheint bekannt zu sein. Beim Refrain singen die Menschen in den Bänken mit: «Der sengi das Lied. Dech bätt ich ah. Heilig besch, nor du elei. Du min Schöpfer ond Gott.»

Pfarrer Siebenmann hatte zwei Tage vorher am Telefon gesagt: «Keines der Lieder, die wir singen, finden Sie im Gesangbuch.» Das Gesangbuch sorgt an diesem Sonntag unter den Standfüssen des Beamers dafür, dass das Bild auf die richtige Höhe projiziert wird.

Dann ist das Lied zu Ende, Applaus folgt noch keiner, nur das Geraschel von Notenblättern, die gewechselt werden. Die Band singt: «Du dörfsch glaube, eifach glaube, denn de Glaube macht di starch ond er get der neui Chraft.»

Zwei Kinder turnen auf dem Kirchenboden herum, die Bänke sind gut besetzt, im Publikum gibt es Kapuzenjacken, Anzugjacken, Strickjacken. Pfarrer Siebenmann, jetzt mit Ansteckmikrofon, kommt ins Schiff spaziert, will wissen, wer heute hier die älteste und wer die jüngste Person ist. Das Ergebnis: eine Altersspanne von 4 bis 84. «So viel Generatione! Schön, sind er alli do!»

Kirche ist kein Selbstzweck

Die Lieder haben frohe Tonlagen und einfache Akkordfolgen. Die Texte sprechen von Gott und Jesus, sind fast alle in Mundart oder Englisch. Die Band animiert ihre Zuhörerschaft zum Aufstehen, Klatschen, Stampfen, Schnippen, Winken. Aktivgottesdienst, quasi.

Und auch Pfarrer Siebenmann, elegant gekleidet wie der Geschäftsführer eines Männermodegeschäfts, enge Jeans, schwarzer Anzug, Hemd, Krawatte und hohe Lederschuhe, bleibt nicht einfach vorne stehen.

Er läuft in der Kirche herum, wenn er spricht, fragt ins Publikum, liest kaum ab, zitiert sogar Dietrich Bonhoeffer: Die Kirche müsse sich verändern, sie sei kein Selbstzweck. Pfarrer Siebenmann sagt: «Entweder stimmen wir ein in den Jammergesang oder wir versuchen etwas anderes – ich bin für das Zweite!»

Kein Raunen in der Kirche in Frick, nur bejahendes Schweigen. Dann kommt das nächste Lied, ein gesungener Psalm: «Der Herr beschütze dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.»

Pfarrer Siebenmann spielt Gitarre, alle singen mit. Im Anschluss geht es nach nebenan ins Kirchgemeindehaus, zum gemeinsamen Risottoessen. «Mut tut gut», aber macht eben auch hungrig.

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