Ständeratswahl
So kämpfen Knecht, Müller und Humbel um die letzten Stimmen

In neun Tagen steht fest, wer neben Pascale Bruderer den Aargau im Ständerat vertreten wird. Hansjörg Knecht setzt auf ein Mailing in allen Briefkästen, Philipp Müller auf überparteiliche Unterstützung und Ruth Humbel auf eine Lichtaktion.

Fabian Hägler
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Testimonials von Persönlichkeiten, ein Sternmarsch mit Lichtern und ein Brief an mehr als 300 000 Haushalte – wer hat mit seiner Aktion letztlich Erfolg?

Testimonials von Persönlichkeiten, ein Sternmarsch mit Lichtern und ein Brief an mehr als 300 000 Haushalte – wer hat mit seiner Aktion letztlich Erfolg?

Chris Iseli

Gut eine Woche vor dem zweiten Wahlgang für den freien Ständeratssitz machen Ruth Humbel, Philipp Müller und Hansjörg Knecht noch einmal mobil. Spätestens gestern Donnerstag mussten alle Aargauerinnen und Aargauer die Wahlunterlagen für den 22. November im Briefkasten haben. Schon früher diese Woche fanden sie dort einen Flyer von SVP-Kandidat Hans-Jörg Knecht.

Dieser fühlt sich laut seinem Wahlkampfleiter Werner Laube von der az benachteiligt, die Philipp Müller zur Wahl empfohlen habe. «Das ist mit ein Grund, weshalb er sich in einem Briefmailing mit Plakat persönlich an seine Wählerschaft wendet», sagt Laube. So könne man Hansjörg Knecht sozusagen «in den Händen halten». «Wir finden das glaubwürdiger, als in Testimonial-Anzeigen andere für sich sprechen zu lassen», erklärt Knechts Wahlleiter.

Zudem werde im Brief die Herleitung des inzwischen berühmten Slogans «Knecht wählen, Könige hat es genug» deutlich gemacht. «Und wir zeigen die sympathische, menschliche Seite von Hansjörg Knecht auf.» Die vielen positiven Rückmeldungen und «verzweifelte Versuche der Konkurrenz, seinen Slogan mit Klischee-Argumenten zu verdrehen», sind für Laube deutliche Hinweise, dass der Slogan von Knecht bestens funktioniert.

Knecht: Mehr als 300 000 Flyer

Der Flyer des SVP-Kandidaten ist eigentlich ein mehrfach gefaltetes A3-Plakat. Knecht fordert die Wähler auf, das Plakat an «werbewirksamer Stelle» aufzuhängen. Das Briefmailing wurde laut Laube von drei Aargauer Druckereien produziert: Druckerei Meier, Würenlingen für den Bezirk Zurzach; Oeschger Druck, Bad Zurzach für den Bezirk Baden und Druckerei Kromer, Lenzburg, für die übrigen Bezirke. Im ganzen Kanton verteilte die Firma Promopost rund 304 000 Exemplare, finanziert wird die Aktion laut Laube durch die SVP Aargau. Neben den 300 000 Flyern seien weitere mobilisierende Briefe an andere Wählersegmente verschickt worden.

Laube schätzt die Wahlchancen von Hansjörg Knecht persönlich als gut ein. «Nicht wegen seiner Werbung, sondern ganz einfach, weil er als Politiker und Mensch überzeugt.» Gegen den SVP-Kandidaten konnte aus Laubes Sicht im Wahlkampf nichts Negatives ins Feld geführt werden. «Der lauteste Vorwurf war, Hansjörg Knecht sei zu ruhig. Das wiederum finde ich ein starkes Argument für seine Wahl und einen Beweis für seine Glaubwürdigkeit als Sachpolitiker», sagt er.

Müller: CVPler wirbt für ihn

Derweil ruft FDP-Aargau-Präsident Matthias Jauslin in einem Mail zur Wahl von Philipp Müller auf. «Es zählt jede Stimme, damit wir unseren traditionellen Sitz im Stöckli verteidigen können», schreibt Jauslin. Und er fordert die FDP-Sympathisanten auf, ihr Umfeld zu mobilisieren: im persönlichen Gespräch, mit Mobilisierungsmails oder indem sie Beiträge auf die Facebookseite von Philipp Müller stellen und diese danach teilen. Daneben setzt Müller auch auf die Unterstützung von bekannten Persönlichkeiten.

Bemerkenswert ist dabei ein Inserat, das im «Wohler Anzeiger» erschienen ist. Darin wirbt Hanspeter Weisshaupt, der für die CVP im Gemeinderat Wohlen sass, für die Wahl des FDP-Präsidenten. «Ich wähle Philipp Müller in den Ständerat, weil mich sein politischer Leistungsausweis überzeugt. Aber auch, weil damit Matthias Jauslin in den Nationalrat nachrutscht und das Freiamt wieder in Bern vertreten ist», heisst es in seinem Inserat. Auf Nachfrage der az sagt Weisshaupt, einst Direktor von Basel Tourismus, Leiter Region Nordschweiz der UBS und Euro-Delegierter beider Basel: «Ich finde es falsch, was die CVP gemacht hat, mit der Kandidatur von Ruth Humbel wird nur die Position von Hansjörg Knecht gestärkt.»

Weisshaupt ist der Meinung, Humbel hätte nach dem schlechten Abschneiden im ersten Wahlgang – sie erreichte mit 33 900 Stimmen weniger als die Hälfte der Stimmenzahl von Müller und Knecht – nicht mehr antreten sollen. «Nun unterstütze ich Philipp Müller, weil ich seine Wahlchancen deutlich höher einschätze», sagt er.

Matthias Jauslin, der wie Weisshaupt in Wohlen wohnt, freut sich über die Unterstützung. «Hanspeter Weisshaupt hat mir am 19. Oktober nach der Wahl zu meinem Resultat gratuliert», erinnert sich Jauslin. Er habe Weisshaupt spontan gefragt, ob dieser bereit wäre, die FDP im zweiten Ständerats-Wahlgang zu unterstützen. «Hanspeter Weisshaupt hat zugesagt und dies bestätigt, nachdem die Kandidatur von Ruth Humbel bekannt wurde», sagt Jauslin.

Dies sei für ihn ein sehr erfreulicher Umstand und das Beispiel zeige, dass Philipp Müller über die Parteigrenzen hinaus Unterstützung geniesse. Jauslin ergänzt, es freue ihn natürlich auch persönlich, «dass Hanspeter Weisshaupt sich wünschen würde, dass ich als Wohler in den Nationalrat nachrutsche». Jauslin ist auf der FDP-Liste auf den ersten Ersatzplatz gewählt worden.

Humbel: Sternmarsch nach Aarau

Marianne Binder, die bei einer Wahl von Ruth Humbel für die CVP in den Nationalrat nachrutschen würde, sagt dazu: «Es ist immer falsch, jemanden zu wählen, um einen anderen Kandidaten zu verhindern.» Die CVP trete mit Ruth Humbel im zweiten Wahlgang an, weil sie sich intakte Chancen ausrechne. «Mit dieser Kandidatur zeigen wir das nötige Selbstbewusstsein, und dies ist wichtig für unsere Partei», sagt Binder.

Humbel, langjährige Spitzen-Orientierungsläuferin, setzt auf Testimonials von bekannten Persönlichkeiten. Daneben findet am Sonntag noch ein spezieller Anlass statt: Unter dem Motto «Zeit für eine gute Mitte-Politik, Zeit für Ruth Humbel in den Ständerat» wird ein Sternmarsch durchgeführt. Dieser endet um 17 Uhr auf dem Bahnhofplatz in Aarau, die Teilnehmer werden aufgefordert, «mit schönen Lichtern wie Kerzen, Fackeln und Stirnlampen» ihre Unterstützung für Ruth Humbel zu demonstrieren. Über den Online-Dienst Doodle kann man sich für den Sternmarsch anmelden. Der prominenteste Name unter den Teilnehmern ist bisher Bauernverbands-Geschäftsführer und CVP-Grossrat Ralf Bucher.

Doch noch eine Debatte mit Müller und Humbel

Vor zehn Tagen kritisierte FDP-Grossrätin Sabina Freiermuth noch, Hansjörg Knecht und Ruth Humbel würden die Diskussion mit Philipp Müller verweigern. Zuvor waren zwei geplante
Podien geplatzt, weil Knecht lieber in Radiodebatten auftreten und die eigene Wählerschaft mobilisieren und Humbel nur an einem Dreier-Podium teilnehmen wollte. Nun kommt doch noch eine Zweier-Debatte mit Müller und Humbel zustande: Am kommenden Montag, 16. November (20 Uhr, Schützen Rheinfelden), veranstalten die zwei Bezirksparteien der CVP und FDP gemeinsam ein Podium zu den Ständeratswahlen. Humbel erklärt, wie dieses nun doch zustande kam: «Am letzten Donnerstag an der Sitzung der staatspolitischen Kommission hat mich Philipp Müller auf dieses Podium angesprochen. Ich konnte ihm mit meiner Agenda beweisen, dass ich das Podium eingetragen habe. Darauf hat er mit dem Präsidenten der FDP Rheinfelden telefoniert und der hat ihm bestätigt, dass ich nie abgesagt habe. In der Folge scheint die Organisation des Podiums wieder aktiviert worden zu sein.»