Taiwan
Wie die vielleicht mächtigste Firma der Welt Taiwan vor einer Invasion bewahren könnte

Die Spannungen zwischen China und Taiwan erreichen einen neuen Höchststand. Doch eine einzelne Firma könnte Taiwan (noch) vor einer Invasion bewahren.

Dennis Frasch, watson.ch
Drucken
Kann dieses Unternehmen Taiwan vor einer Invasion bewahren?

Kann dieses Unternehmen Taiwan vor einer Invasion bewahren?

Keystone

Der Besuch Nancy Pelosis’ in Taiwan sorgte in China für helle Aufregung. Die Visite wurde als Affront gegen die Ein-China-Politik verstanden, die Taiwan als untrennbaren Teil Chinas ansieht. Als Reaktion startete das chinesische Militär Manöver mit Schiessübungen in sechs Meeresgebieten, die Taiwan umringen. Das grösste militärische Muskelspiel seit 1995.

Es ist augenscheinlich, dass sowohl China als auch den USA sehr viel an Taiwan liegt. Aus militärstrategischer Sicht dürfte dies mit der Lage der Insel auf der «First Island Chain» zu tun haben. Eine Inselkette vor der Küste Chinas, die ausschliesslich aus Alliierten der USA besteht.

Taiwan ist aber auch aus einem anderen Grund eine der wichtigsten Inseln der Welt. Denn sie ist Heimat des vielleicht wichtigsten Unternehmens der Welt – TSMC, oder: die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company.

Wer also ist TSMC, wieso sind sie so wichtig und: Könnten sie Taiwan gar vor einer Invasion bewahren?

Wer ist TSMC?

TSMC stellt im Auftrag anderer Unternehmen Halbleiter (Englisch: Semiconductors) her. Halbleiter sind die Hauptbestandteile von Mikrochips. Man findet sie in so ziemlich allen technischen Geräten. Von Smartphones, Computern und Autos bis zu Kampfjets und Raketenabwehrsystemen, wie sie jetzt in der Ukraine zum Einsatz kommen. Wäre die moderne Gesellschaft ein Mensch, die Halbleiter wären seine Synapsen.

Zurück nach Taiwan: Die kleine Insel mit rund 23 Millionen Einwohnern dominiert die weltweite Halbleiterproduktion. Rund 66 Prozent aller Halbleiter stammen aus Taiwan. Und 56 Prozent von TSMC allein. Einzig Samsung kann mit einem Anteil von 16 Prozent konkurrieren.

quelle: trendforce grafik: infogram/watson

quelle: trendforce grafik: infogram/watson

Kommt hinzu: In den späten 90er-Jahren waren es noch mehr als 20 Unternehmen, die die damals modernsten 180-Nanometer-Fabriken betrieben. Zur Einordnung: Je kleiner die Chips, desto weniger Energie verbrauchen oder desto leistungsfähiger sind sie. Den Wettbewerb, möglichst viele Transistoren auf einen Quadratmillimeter Silizium zu quetschen, haben nur TSMC und Samsung überlebt.

Mittlerweile ist man bei fünf Nanometer (nm) angekommen, wobei man sich dabei nicht mehr auf ein tatsächliches physikalisches Merkmal bezieht. «10 nm» oder «5 nm» sind nur noch Marketingbegriffe, um neue Generationen an Halbleiterchips zu benennen.

quelle: trendforce grafik: infogram/watson

quelle: trendforce grafik: infogram/watson

Die meisten Geräte kommen zwar noch mit weniger als 10 nm aus. Es ist die Speerspitze der Technologie, wie Quantencomputer oder auch der von der Schweiz gekaufte F-35 Kampfjet, die auf die neusten Generationen angewiesen sind. Und hier wird es nochmals einsamer um TSMC: 2020 fielen 84 Prozent des weltweiten Umsatzes für die Halbleiterproduktion unter 10 Nanometer in die Taschen des Taiwanesischen Unternehmens. 14 Prozent gingen an Samsung.

Zusammengefasst heisst das: TSMC ist ein Big Player. Ende 2021 war die Firma über 600 Milliarden Dollar wert an der Börse. Damit belegt TSMC in der Rangliste der weltweit wertvollsten Unternehmen Platz neun. Noch vor Facebook-Mutterkonzern Meta auf dem zehnten Platz.

Nun könnte man sich fragen, was das alles mit China und den USA zu tun hat – was direkt zu Punkt Nummer zwei führt.

Wieso ist das alles wichtig?

Halbleiter könnte man als das Öl des 21. Jahrhunderts beschreiben. Sie sind so elementar für das Funktionieren der modernen Gesellschaft, dass sie nicht mehr nur ein Produkt sind, sondern auch ein geopolitisches Druckmittel. Bereits wird von einem «Silicon Shield» gesprochen, das Taiwan vor Angriffen schützt.

Was passiert, wenn der Fluss an Halbleitern ins Stocken gerät, lässt sich bereits jetzt beobachten: Die wegen Pandemie und Krieg auf den Kopf gestellten Lieferketten sorgen für eine akute Halbleiterknappheit. Wartezeiten von zwei Jahren für Neuwagen oder Verbraucherelektronik sind mittlerweile das neue Normal.

Würde die Halbleiterproduktion von TSMC versiegen – entweder weil die Fabriken Opfer von Angriffen werden oder die Taiwanesen sie selbst sabotieren – die Welt stünde vor einem massiven Problem.

Kann man die Produktion nicht einfach nach Europa oder in die USA verlagern?

Nein. Beziehungsweise: Doch. Aber TSMC ist seiner Konkurrenz so weit voraus, es würde mindestens zehn Jahre dauern, bis die Lücke geschlossen werden könnte.

Samsung kann zwar technologisch mithalten, nicht aber im Volumen. Zudem entwickelt und verkauft das Unternehmen auch eigens designte Chips. Eine Kooperation mit Samsung dürfte dementsprechend eine enge Zusammenarbeit in anderen Bereichen erfordern. Für TSMC-Kunden wie Apple, Tesla oder die Waffenbranche undenkbar.

Die Politik hat das Problem unlängst erkannt und versucht nun fast schon panisch, diese Lücke zu schliessen. In den nächsten Jahren sollen in der EU, den USA und China hunderte Milliarden Dollar in den Aufbau eigener Produktionskapazitäten fliessen.

Allein die USA will mit dem «Chip Act» 52 Milliarden Dollar in neue Fabriken von Samsung, Intel und auch TSMC stecken. Die TSMC-Fabrik in Arizona wird die erste sein, die das Unternehmen ausserhalb von Taiwan baut und die neuen 5-nm-Chips produzieren wird. Sie soll 2024 den Betrieb aufnehmen.

Bis dahin wird TSMC in Taiwan jedoch bereits das 3-Nanometer-Verfahren eingeführt haben. An der Entwicklung von 2-Nanometer-Chips hat man bereits begonnen. Und während die USA 52 Milliarden Dollar in die Hand nimmt, sind es aufseiten TSMCs allein in den nächsten drei Jahren 100 Milliarden Dollar für Forschung und den Aufbau neuer Fabriken.

Jan-Peter Kleinhans, Experte für Technologie und Geopolitik beim Berliner Thinktank «Stiftung neue Verantwortung», sieht auch die Pläne der EU äusserst kritisch. Im Rahmen des Projekts «Digitaler Kompass 2030» verfolgt die Europäische Kommission das Ziel, eine hochmoderne Halbleiterfertigung in der EU zu etablieren.

Kleinhans nennt die Pläne «bestenfalls übertrieben optimistisch und schlimmstenfalls naiv». Die Milliarden an Euros wären besser investiert in Unternehmen, die Chips entwickeln und nicht produzieren. «Sobald Europas Fähigkeiten im Chipdesign wiederhergestellt sind, wird die Region in einer viel besseren Position sein, um darüber nachzudenken, wie sie am besten in ihre Fertigungskapazitäten investieren kann.»

In China sieht es nicht besser aus. Es ist für rund 60 Prozent der globalen Nachfrage an Halbleitern verantwortlich. Lediglich 20 Prozent davon können chinesische Firmen decken.

Der grösste chinesische Chiphersteller, SMIC, ist zudem Ziel verschiedener Sanktionen. Das bremst die Ausbaupläne Pekings erheblich. Die USA setzten das Unternehmen auf eine schwarze Liste. Das hatte zur Folge, dass SMIC keine amerikanische Technologie mehr erhält. Des Weiteren berichtete Reuters letztes Jahr, dass die Trump-Administration das niederländische Unternehmen ASML dazu drängte, SMIC wichtige Lieferungen zu verwehren. ASML stellt spezifische Anlagen her, die für die Produktion der modernsten Chips verwendet werden.

Zusammengefasst: Der technologische Vorsprung TSMC’ ist auch mit Milliardeninvestitionen voraussichtlich nicht vor 2030 aufzuholen.

Kann TSMC Taiwan vor einem Krieg retten?

Was das für Chinas Absichten bedeutet, Taiwan dereinst einzunehmen, ist jedoch unklar. Peter Harris, Professor für Politikwissenschaften an der Colorado State University, veröffentlichte 2021 die «Broken Nest Strategy». Darin schlug er vor, Taiwan könne glaubhaft damit drohen, die Infrastruktur des Branchenführers TSMC bei einer Invasion zu zerstören. Dies würde China vor die Wahl stellen: Entweder Taiwan einverleiben, oder wirtschaftlichen Fortschritt aufrechterhalten.

Die Anstrengungen Chinas und der USA, weniger abhängig zu werden, senden gleichwohl ein klares Signal: Die Kosten einer Invasion Taiwans sollen gesenkt werden. China wird eines Tages an den Punkt kommen, wo es die Kosten einer Invasion für verkraftbar hält.

Wie der Analyst John Lee vom Mercator Institute for China Studies zudem festhält, muss China bei einer Invasion in jedem Fall damit rechnen, TSMCs Fabriken und Know-how nicht übernehmen zu können. Denn auch TSMC ist abhängig von einer globalen Wertschöpfungskette, die von amerikanischen, europäischen und japanischen Unternehmen dominiert wird.

TSMC wird eine Invasion Chinas deswegen kaum verhindern können. Die Rolle der Firma lässt sich eher mit einer Hindernisbahn vergleichen: Das Ziel erreicht man nach wie vor, der Weg dorthin ist jedoch erheblich erschwert.