Rheinfelden

Verhandlung in zwei aussergewöhnlichen Akten

Der Angeklagte wird mit der Ambulanz abtransportiert. (AHU)

Der Angeklagte wird mit der Ambulanz abtransportiert. (AHU)

Ein 31-jähriger Afghane, der der sexuellen Handlungen mit Kindern und der sexuellen Nötigung angeklagt wurde, brach vor dem Bezirksgericht Rheinfelden zusammen. Die Verhandlung wurde nach einem Unterbruch ohne Angeklagten trotzdem durchgeführt.

Um 8 Uhr am Freitagmorgen begann die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Rheinfelden. Gleich zu Beginn wurde der 31-jährige Angeklagte zu seiner Person befragt. «Warum haben Sie vor 3,5 Jahren Ihr Heimatland verlassen», fragte Gerichtspräsidentin Regula Lützelschaub. Die Antwort des Afghanen wurde von einer Dolmetscherin übersetzt: «Es geht mir sehr schlecht!» Kaum hatte er das gesagt, fiel er vom Stuhl und blieb regungslos liegen. Die anwesenden Kantonspolizisten kümmerten sich sofort um den Bewusstlosen und die Gerichtspräsidentin liess nach einem Arzt rufen. Gleichzeitig mussten die Journalisten den Saal verlassen.

Nachdem der Arzt, dessen Praxis sich gleich auf der anderen Strassenseite befindet, angekommen war, wurde kurz darauf nach einer Ambulanz verlangt. «Er hatte wohl einen epileptischen Anfall», sagte einer der Bezirksrichter. Er sei sich ziemlich sicher, dass der Angeklagte die Ohnmacht nicht vorgespielt hatte. «Er stürzte vornüber und konnte sich nicht mit den Armen schützen. Es gab ja einen ziemlichen Knall», erklärte der Bezirksrichter.

Nicht da bei der Verhandlung

Der Angeklagte hatte bereits beim ersten Ansatz der Verhandlung am 22. August 2012 überrascht. Er hatte nämlich mit Abwesenheit geglänzt. Er war nicht bei Gericht aufgetaucht, sondern abgetaucht und hatte sich ins Ausland abgesetzt. Als er am 15. Oktober wieder in die Schweiz zurückkehrte, wurde er von der Polizei verhaftet und in U-Haft gesetzt. Am Freitag war der zweite Verhandlungsversuch angesetzt.

Zur Überraschung vieler setzte das Bezirksgericht, nach Absprache mit der Staatsanwältin und dem amtlichen Verteidiger, die Verhandlung nach dem Unterbruch trotzdem fort. «Auf die Befragung des Angeklagten wird verzichtet», sagte Lützelschaub. Also folgten sogleich die Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

Angeklagter bricht im Gericht zusammen

Angeklagter bricht im Gericht zusammen

Sexuelle Handlungen gestanden

Angeklagt war der Afghane der sexuellen Handlungen mit Kindern und der sexuellen Nötigung. Ihm wurde vorgeworfen, im März 2010 einen damals 14-jährigen Jungen im Genitalbereich massiert zu haben und ihn gezwungen zu haben, bei ihm dasselbe zu tun. Letztlich rieb der Angeklagte sein Glied am Gesäss des Opfers, wobei er ejakulierte. «Der Angeklagte handelte skrupellos und suchte nur die Befriedigung seiner sexuellen Triebe», sagte die Staatsanwältin. Sie forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren plus eine Busse von 1500 Franken.

Der Verteidiger argumentierte, sein Mandant habe den Jungen keineswegs zu den sexuellen Handlungen gezwungen. Der 14-Jährige habe sogar die Initiative ergriffen. Der 31-Jährige hatte aber die sexuellen Handlungen mit dem Jungen – nach der fünften Einvernahme – gestanden. Zudem habe sein Mandant nicht erkennen können, dass der Knabe noch nicht 16 gewesen sei, da er bereits einen Oberlippenbart trug. Das Opfer habe dem Angeklagten auch gesagt, dass er bereits aus dem Schutzalter sei.

Nur teilweise schuldig gesprochen

Das Bezirksgericht zog sich für über eine Stunde zur Urteilsfindung zurück. Letztlich sprach es den afghanischen Asylbewerber nur zum Teil schuldig. Der sexuellen Nötigung wurde er freigesprochen, da nicht erwiesen sei, dass der Angeklagte Gewalt oder Drohungen gegenüber dem Minderjährigen angewandt habe. Er wurde aber der sexuellen Handlung mit Kindern schuldig gesprochen. Der indisponierte Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten und zehn Tagen bedingt verurteilt. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. Die 58 Tage, die er in Untersuchungshaft verbrachte, werden ihm angerechnet. Er werde, sobald er das Spital verlassen könne, sofort aus der Sicherheitshaft entlassen, schloss die Gerichtspräsidentin.

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