«Es ist schon fast warm bei uns. Minus 13 Grad, am Morgen hat das Thermometer noch minus 24 Grad angezeigt.» Annette Fischer-Piel im 8000 Kilometer entfernten British Columbia plaudert munter, erzählt über die Skype-Verbindung, was gerade angesagt ist. Im Westen Kanadas ist es jetzt Mittag, bei uns neun Uhr abends, die Müdigkeit des langen Arbeitstages schleicht sich langsam in die Glieder.

Vor sechs Jahren haben Kurt und Annette Fischer-Piel (44 und 42) mit ihren beiden Kindern Päuli (11) und Kristin (9) der Schweiz den Rücken gekehrt, haben ihr Einfamilienhaus in Staufen verkauft und mit dem Erlös in Kanada ein zwei Hektaren grosses Stück Land mit einem stattlichen Haus darauf gekauft. Die Schweiz war Fischers zu eng geworden.

Das Zuhause der Familie Fischer im kleinen Weiler 150 Mile House in British Columbia.

Das Zuhause der Familie Fischer im kleinen Weiler 150 Mile House in British Columbia.

Familie Fischer hat sich bei der Auswanderung von einem Kamerateam des Schweizer Fernsehens begleiten lassen. Im Scheinwerferlicht der Kameras haben sie all ihre Habseligkeiten in Kisten, Koffer und Container gestopft. Ihr Ziel: der kleine Weiler 150 Mile House an der Hauptverkehrsachse von Vancouver nach Alaska. 2014 wurde die Geschichte der Auswanderer-Familie Fischer-Piel aus Staufen in der Fernsehsendung «Auf und davon» gezeigt.

B & B für Besucher geplant

Kurt und Annette Fischer-Piel hatten das Unterfangen sorgfältig geplant, waren auf vieles vorbereitet gewesen – auch auf Unerwartetes. Bei ihrem letzten Heimurlaub vor einem Jahr haben sie der AZ über das neue Leben in Kanada berichtet.

Was die beiden jedoch nicht auf dem Radar hatten: Die Ausstrahlung im Fernsehen hatte Fischers Leben öffentlich gemacht. Die Konsequenz davon: «Drei- bis fünfmal pro Woche stehen plötzlich fremde Leute vor der Tür», sagt Annette Fischer. Das sei vor allem in den Sommermonaten der Fall. Für Fischers sind diese zwar gut gemeinten, zumeist aber überfallartigen Besuche nicht immer ganz einfach zu prästieren, manchmal wird es ihnen schlichtweg zu viel.

Auch in der neuen Heimat hat die Familie einen Arbeitsalltag zu bewältigen und muss ihren Lebensunterhalt verdienen. «Ja, wir haben das öffentliche Interesse total unterschätzt», gesteht Annette Fischer. Sie hatten damit gerechnet, dass dieses mit dem Ende der Fernsehserie verebben würde. Weshalb hat Familie Fischer beim Auswandern die Fernsehkameras auf sich richten lassen? «Wir haben es vor allem der Kinder wegen gemacht. Für sie wollten wir unseren Umzug vollständig dokumentieren. Das selber machen zu wollen, wäre unmöglich gewesen», erklärt Annette Fischer. Fischers planen nun, eine kleines Bed & Breakfast zu eröffnen. Zimmermann Kurt Fischer baut dazu in einem Nebengebäude eine Wohnung ein, mit einer Wohnküche, einem Schlafzimmer und Nasszelle.

Mona Vetsch zu Besuch

Seit zehn Jahren begleitet das Schweizer Fernsehen SRF 1 in der Sendung «Auf und davon» fernwehgeplagte Schweizer auf ihrem Weg in eine neue Heimat. Kanada ist bei den «Auf und davon»-Auswanderern die beliebteste Destination.

Nebst Fischers haben auch der Kultauswanderer Hermann Schönbächler aus Biel und Familie Volk aus dem Zürcher Weinland ihr Glück in Kanada gesucht. Wie geht es ihnen heute? Haben sich ihre Lebensträume erfüllt? SRF-Moderatorin Mona Vetsch, begleitet von einem Kamerateam, ist dieser Frage nachgegangen, hat im vergangenen Jahr bei ihnen an die Tür geklopft. Auch bei Fischers in 150 Mile House: «Mona ist mit einem vierköpfigen Kamerateam gekommen. Wir haben uns über das Wiedersehen mit ihr sehr gefreut. Sie ist eine bodenständige unkomplizierte Person und äusserst angenehme Gesprächspartnerin», erinnert sich Annette Fischer an Vetschs Besuch im letzten Jahr.

Drei Tage lang haben die Fernsehleute mit Kurt und Annette Fischer und den beiden Kindern verbracht. Wie viel Zeit ihnen letztlich in der rund drei Stunden dauernden Jubiläumssendung am kommenden Samstag gewidmet ist, weiss Annette Fischer nicht. Sie verrät jedoch, dass es in 150 Mile House viel Gesprächsstoff gegeben habe.

Fischers haben bisher nicht nur eitel Freude erlebt: Der 7. Juli 2017 hat sich fest in ihr Gedächtnis eingebrannt. In der Region waren Waldbrände ausgebrochen, die immer näher kamen. Das Dorf musste evakuiert werden. Zwar musste die Familie ihr Haus nicht Hals über Kopf verlassen, hatte einen Moment Zeit, das Notwendigste einzupacken. Annette Fischer zieht einen Vergleich: «So muss es den Leuten auf der ‹Titanic› wohl ergangen sein. Noch spielt die Musik, doch du siehst das Ende kommen.» Im Gegensatz zum Luxusdampfer, der gesunken ist, hat sich für Fischers glücklicherweise alles zum Guten gewendet.