Lenzburg
Martin Killias sorgt sich um den Denkmalschutz in der Altstadt – zu Unrecht, finden Unternehmer

Mehrere Unternehmer ärgern sich über Strafrechtsprofessor Martin Killias’ Kritik zum Umgang mit historischen Bauten. Sie erklären, weshalb Killias' Vorstellungen von Denkmalschutz praxisfern sind.

Ruth Steiner
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Urs F. Meier (l.) zeigt Martin Killias am Beispiel seiner rekonstruierten Laube, dass in Lenzburg nicht nur ausgehöhlt wird. Doch die Häuser müssten den heutigen Ansprüchen genügen, damit sie vermietet werden können, sagt er.

Urs F. Meier (l.) zeigt Martin Killias am Beispiel seiner rekonstruierten Laube, dass in Lenzburg nicht nur ausgehöhlt wird. Doch die Häuser müssten den heutigen Ansprüchen genügen, damit sie vermietet werden können, sagt er.

Chris Iseli

Strafrechtsprofessor und SP-Einwohnerrat Martin Killias sorgt sich um die Entwicklung der Lenzburger Altstadt. Der Besitzer einer Liegenschaft in der Rathausgasse bemängelt, dass die historische Innenstadt zu sehr ausgehöhlt werde und verlangt schärfere Richtlinien für die Sanierung alter Häuser. Sein Engagement in dieser Sache wirft in Lenzburg hohe Wellen und hat mittlerweile gar ausserkantonale Aufmerksamkeit erlangt. Vor einigen Wochen hat sich der Tages-Anzeiger mit dem Thema beschäftigt.

Doch nicht alle Lenzburger teilen Killias’ Haltung in dieser Sache. Zu ihnen gehören Ruedi Baumann, dipl. Architekt ETH/SIA, und Unternehmer Urs F. Meier. Meier sagt, es gebe auch andere Beispiele, als die von Killias angeführten. Urs F. Meier hat seine Liegenschaft mit dem Wohnatelier beim KV-Schulhaus kürzlich teilsaniert und Martin Killias zu einem Augenschein vor Ort eingeladen (siehe Box unten).

Ruedi Baumann ist auf dem Platz Lenzburg seit 40 Jahren als Architekt tätig. Er ist verärgert über Killias’ Aktivismus und sagt: «Der Besitz einer einzigen kleinen Liegenschaft und der Umgang damit rechtfertigen noch lange keine derart überproportionale Missbilligung der Akteure auf dem Altstadt-Baumarkt.»

Substanzerhalt prüfen

Der Erhalt eines historischen Hauses sei nicht in jedem Fall sinnvoll, sagt Baumann. «Jeder Altstadtbau, egal ob privat oder öffentlich, hat eine eigene unverwechselbare Geschichte: Dem einen wird im Verlaufe der Jahre der nötige Unterhalt zuteil, dem andern nicht.» Wo das Geld fehle, werde der Erhalt der Häuser vernachlässigt. «Wo das Parterre und vielleicht noch der erste Stock als Ladenlokal rentieren, die Wohnungen darüber aber nicht, wird nicht mehr investiert.»

Im zwanzigsten Jahrhundert sei in Lenzburg praktisch kein Geld in den Substanzerhalt der historischen Nutzbauten investiert worden, weiss der Architekt. Als dann in den späten Achtziger- und Neunzigerjahren wieder eine Investitionswelle anrollte, habe man feststellen müssen, dass an vielen Orten sehr billig gebaut worden und viel Substanz bereits unwiederbringlich zerstört war.

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Architekt hält Ruedi Baumann fest: «Wirtschaftlich gute und schlechte Zeiten finden ihren direkten Niederschlag im Gebäudeunterhalt. Geht es den Menschen gut, profitieren auch die Bauten davon – und umgekehrt.» Reiche das Geld hingegen nicht, dann werde gezwungenermassen verkauft. «Das Haus wird zum Handelsobjekt.»

In den Augen von Architekt Baumann wird es damit zu einem neuen Problemfall. Der Gestehungspreis sei in der Regel nämlich zu hoch und die nötigen Investitionen müssten bereits wieder dem Budgetziel geopfert werden, begründet er.
Auch was den Substanzerhalt im Innern des Gebäudes anbetrifft, hat Architekt Baumann eine klare Meinung: Historische Bausubstanz zu retten, mache nur Sinn, wenn dies konstruktiv möglich und wirtschaftlich vertretbar sei. «Wenn das nicht realisierbar ist, bleibt als Alternative nur das Museum.» Bauman geht noch weiter und fragt etwas provokativ: «Lenzburg als mittelländisches Ballenberg? Wie soll dies finanziert werden?»

Gleiche Spiesse für alle
Ebenso unverständlich ist es für den Architekten, dass bei den «Hüüsli-Besitzern», wie die Liegenschaftsbesitzer in der Altstadt im Volksmund genannt werden, plötzlich andere Massstäbe gelten sollen, als etwa bei der denkmalgeschützten Stadtmauer am Sandweg, wo jahrzehntelang um die Bebauung gerungen wurde. Für die schlussendlich entstandene Überbauung Sandweg-Eisengasse erhielt Lenzburg 2014 immerhin den Aargauer Heimatschutzpreis zugesprochen.
Architekt Ruedi Baumann findet, alle historischen Aargauer Kleinstädte hätten einen Kritiker wie Martin Killias, der zudem den Zürcher Heimatschutz präsidiert, verdient. Killias’ Wahl sei jedoch vor Jahren auf Lenzburg gefallen. Und mit Blick zurück in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als mit Fritz Stuber ein anderer Experte aus Zürich in der Lenzburger Stadtentwicklung Spuren hinterliess, bemerkt Ruedi Baumann leicht zynisch: «Es ist nicht das erste Mal, dass ein Zürcher die ungelenken Aargauer zu schulmeistern versucht.» Und wenn schon, dann solle Killias zuerst einmal alle Bauherren in die Pflicht nehmen und ihnen ins Gewissen reden.

Lob für die Laube

Urs F. Meier ärgert sich jedes Mal, wenn vom «Aushöhlen der Stadt» die Rede ist. Meier ist Besitzer eines historischen Hauses in der Aavorstadt, wo er von 1971 bis 2005 selber gewohnt hat. Heute vermietet er den Geschäftsraum im Erd- und die Wohnungen im Obergeschoss. «Die Häuser müssen bewohnt werden können», sagt Meier. Heute hätten die Leute andere Vorstellungen von Komfort als vor 50 Jahren. Der Innendekorateur, der 40 Jahre ein Geschäft führte, hat schon von Berufs wegen viel Verständnis für Altes. Doch die Zeiten hätten sich geändert: «Heute wollen die Mieter zum Beispiel mehr als eine Steckdose im Zimmer», sagt er.

An seinem Haus hat er vor kurzem im obersten Stock eine Laube rekonstruiert, die er dem Kritiker Martin Killias zeigen will. Spuren am Dach zeigen, dass sich hier früher schon mal ein Balkon befunden hat. Für seine Mieter hat Meier sich entschieden, wieder einen Balkon anbauen zu lassen. Über die weisse Holzbrüstung ragt ein dunkler Metallrahmen, der das Geländer erhöht. «Dir ist wohl schon das Geländer zu hoch», sagt Urs F. Meier zu Martin Killias. «Die Materialisierung ist in Ordnung», sagt dieser.

Sollen alte Häuser den heutigen Vorstellungen von Komfort angepasst oder in einem möglichst ursprünglichen Zustand bewahrt werden? Der Strafrechtsprofessor stellt das Problem in den ihm vertrauten Begriffen dar: «Der Gedanke, dass man an seinem Gebäude machen kann, was man will, entspricht dem Eigentumsbegriff des römischen Rechts. Nach dem germanischen Rechtsverständnis sollte beim Bauen in der Altstadt aber ein gemeinsames Ziel im Vordergrund stehen, nämlich die Erhaltung der historischen Substanz.» Denn diese gehört nicht Privaten.

Killias erwähnt die mittelalterlichen Wandmalereien, die kürzlich in Aarau im Gebäude des Restaurant Krone zum Vorschein kamen. «In Lenzburg wären diese zerstört worden.» Er betont, dass das Erhalten nicht mehr Geld kosten müsse. «Mit einer einfachen Gipswand könnte diese Malereien konserviert werden.» Für Killias spielt es keine Rolle, dass die Malereien so nicht mehr gesehen werden können. Oder dass erhaltene Strukturen im Gebäudeinnern von Passanten gar nie wahrgenommen werden. Was zählt, ist die Bewahrung der Vergangenheit. (JGL)

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