Niederlenz
Musik Produktiv ist in neuen Händen

Die Pleite des bekannten Musiktempels in Niederlenz kostete 36 Jobs. Nun übernimmt Konkurrent Musix AG den einst grössten Musikinstrumenten-Händler im Kanton. Die neuen Betreiber setzen sowohl auf Kundennähe wie auch auf den Onlinehandel.

Pascal Meier
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Danny Gündel: «Wir sind überzeugt, gegen die deutsche Konkurrenz bestehen zu können.»

Danny Gündel: «Wir sind überzeugt, gegen die deutsche Konkurrenz bestehen zu können.»

Pascal Meier

Viele grosse Namen der Schweizer Musikszene waren da: Patent Ochsner, Adrian Stern, Baschi. Bei Musik Produktiv in Niederlenz gab es alles, was das Musiker-Herz höherschlagen lässt. Mit einem breiten Sortiment auf 3000 Quadratmetern und guten Preisen sorgte der Markteintritt des Musikinstrumenten-Händlers 1997 für ein mittleres Erdbeben in der Branche. Etablierte kleinere Händler hatten immer mehr Mühe mitzuhalten, einige mussten schliessen. Musik Produktiv veränderte die Musikinstrumenten-Branche wie es Media Markt bei der Unterhaltungselektronik getan hat.

Ende Februar 2014 jedoch brach alles zusammen. Über der MP Schweiz AG, wie Musik Produktiv seit August 2013 heisst, kreiste der Pleitegeier. Der Musiktempel musste schliessen und ist seither in Nachlassstundung; das heisst, man sucht mit den Gläubigern eine Lösung. Eine solche scheint jetzt in Griffweite: In diesen Tagen soll der Nachlassvertrag mit den Gläubigern unter Dach und Fach kommen. Die Geschädigten müssen sich viel Geld ans Bein streichen, darunter Kunden, die Waren bezahlt, aber nie geliefert bekamen; Lieferanten, die Waren geliefert, aber nie bezahlt bekamen sowie Angestellte, die auf ihre Löhne warten. 36 Mitarbeiter wurden damals im Februar freigestellt.

In der Zwischenzeit ist in den Räumlichkeiten von Musik Produktiv an der Wildeggerstrasse 5 wieder Leben eingekehrt. Die Konkurrentin Musix AG hat im Nachlassverfahren das Lager und die Inneneinrichtung des Musikhauses gekauft und ist in Niederlenz eingezogen. Mit dem Geld kann ein Teil der Forderungen beglichen werden – eine Voraussetzung für die Einigung mit den Gläubigern.

Die Ausstellung von Musix ist zwar kleiner als zu den besten Zeiten von Musik Produktiv, das Angebot aber trotzdem breit. «Unser Haupt-Verkaufskanal ist das Internet», erklärt Danny Gündel, einer der fünf Angestellten, die Musix von
MP Schweiz übernommen hat. Trotzdem sind in der Gitarren-Abteilung immer noch stattliche 200 Instrumente ausgestellt. «Nebst dem Internet ist eine Ausstellung wichtig für die Kundenbindung und Beratung.» Wie bei Musik Produktiv seien die Mitarbeiter keine gelernten Verkäufer, sondern eingefleischte Musiker. Gündel, selbst gelernter Gitarrenbauer, wird hier wieder eine Gitarrenwerkstatt führen.

Musix vereinigt damit das Beste aus zwei Welten: den direkten Kundenkontakt und die schnelle Verfügbarkeit von Musikinstrumenten. Diese werden zwischen den acht Filialen ausgetauscht und sind sofort im Laden oder per Post verfügbar. «Wir sind überzeugt, damit auch gegen die deutsche Konkurrenz bestehen zu können», sagt Danny Gündel. Grosse Musikhäuser im Nachbarland seien online stark, böten jedoch nur wenig Möglichkeiten, Instrumente auszuprobieren.

Die deutsche Konkurrenz ist denn auch einer der Gründe, warum Musik Produktiv bzw. MP Schweiz Pleite ging. Diese bietet Preise unter der Schmerzgrenze Schweizer Musikhäuser. So blieb Musik Produktiv oft nur die undankbare Kundschaft: Jene, die sich im Laden beraten lässt und online in Deutschland bestellt.

Das Genick gebrochen hat Musik Produktiv im Sommer 2013 ein Streit mit dem gleichnamigen Mutterhaus im deutschen Ibbenbüren. Das ergaben az-Recherchen. Es kam zur Trennung. Der Niederlenzer Musik Produktiv, der Lizenzgebühren nach Deutschland bezahlte, wagte unter dem neuen Firmennamen MP Schweiz AG den Alleingang. Ein Fehlstart: Das deutsche Mutterhaus rückte die bisherige Internet-Adresse des Niederlenzer Online-Shops nicht heraus und leitete diesen wichtigen Verkaufskanal auf den eigenen Online-Shop in Deutschland um. Dort wird mit dem Hinweis «Versandkostenfrei in die Schweiz ab 250 CHF» um Schweizer Kunden geworben. In Niederlenz hat man dadurch viele Kunden verloren. Ähnliche Probleme gab es bei der Facebook-Seite des Niederlenzer Musik Produktiv: Über 8000 Kunden erhielten keine News mehr.

Der Bruch mit dem deutschen Mutterhaus und der Namenswechsel waren damit das Todesurteil für den Niederlenzer Musik Produktiv, der wegen der Konkurrenz aus dem Euro-Raum bereits stark geschwächt war. Viele Musiker verloren mit der Pleite auch einen lieb gewonnenen Treffpunkt. Beliebt war vor allem der grosse Musikflohmarkt im Frühjahr, zu dem Profi- und Amateurmusiker aus der ganzen Schweiz nach Niederlenz reisten. Gut möglich, dass der Flohmarkt wieder auflebt. «Für uns ist dieses Thema nicht vom Tisch», sagt Danny Gündel. «Im Moment hat aber der Aufbau unserer neuen Filiale oberste Priorität.»