Der Unfall hatte landesweit für Aufsehen gesorgt: In der Nacht auf den 2. November 2014 fuhr der Beschuldigte kurz nach ein Uhr mit seinem Mazda von Seon nach Schafisheim. Es herrschte dichter Nebel, die Fahrbahn war feucht. Trotz unübersichtlicher Rechtskurve und ausgezogener Sicherheitslinie überholte der Beschuldigte zwei vor ihm fahrende Autos und beschleunigte dabei auf mindestens 133 km/h. Als er sich auf der Gegenfahrbahn befand, kollidierte er mit einem korrekt entgegenkommenden Personenwagen. Bei der heftigen Kollision kamen zwei Menschen ums Leben, drei Personen, darunter der Unfallverursacher, wurden schwer verletzt.

Am 2. November 2014 waren zwischen Seon und Schafisheim zwei Menschen gestorben und zwei weitere schwer verletzt worden. Die Schuldsprüche des Bezirksgerichts Lenzburg wegen mehrfacher eventualvorsätzlicher Tötung, mehrfacher eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung und qualifiziert grober Verkehrsregelverletzung wurden nun vom Obergericht Aargau bestätigt.

11 Jahre für Raser: Zu hart?

13. August 2016: 11 Jahre für Raser: Zu hart?

Der „Todesraser von Seon“, welcher durch ein Überholmanöver zwei Menschen getötet hatte, wurde zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt.

Bezirksgericht erhöht Strafmass

Der Unfallverursacher habe sich durch sein rücksichtsloses Vorgehen der eventualvorsätzlichen Tötung und der eventualvorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht und sei zu einer Haftstrafe von acht Jahren zu verurteilen, forderte der Staatsanwalt. Denn der Beschuldigte habe mit Vorsatz Verkehrsregeln gebrochen, er habe eine Kollision und die Gefährdung von Menschenleben in Kauf genommen, habe eine Art russisches Roulette gespielt.

Am Bezirksgericht Lenzburg wurde der Fall am 11. August 2016 verhandelt. Dabei fällte das Gericht ein überraschendes Urteil: Es folgte der Anklage in sämtlichen Punkten und verurteilte den Beschuldigten nicht bloss zu acht Jahren, wie es der Staatsanwalt gefordert hatte, sondern verfügte eine Haftstrafe von elf Jahren.

In der Begründung sagte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach, es handle sich um ein Kapitalverbrechen, das Verschulden des Unfallverursachers wiege schwer; er habe durch seine Handlungsweise die möglichen tödlichen Folgen bewusst in Kauf genommen. Die Verteidigung, die auf fahrlässige Tötung und und schwere Körperverletzung plädiert hatte und eine bedingte Gefängnisstrafe von 24 Monaten als angemessen erachtet hätte, legte daraufhin beim Obergericht Berufung ein.

11 Jahre für Todesraser von Seon

12. August 2016: 11 Jahre für Todesraser von Seon

Zwei Unbeteiligte tötete der 32-Jährige 2014 mit seinem fahrlässigen Überholmanöver. Das Urteil des Bezirksgerichts Lenzburg fällt nun noch härter aus, als gefordert.

Kein direkter Vorsatz

Das Obergericht hat nun die Schuldsprüche des Bezirksgerichts Lenzburg vollumfänglich bestätigt. Hingegen hiess das Gericht die Berufung in Bezug auf die verhängte Freiheitsstrafe von 11 Jahren teilweise gut. Das Obergericht kam zum Schluss, dass eine Freiheitsstrafe von acht Jahren angemessen ist.

Das Obergericht argumentiert, das Tatverschulden werde dadurch relativiert, dass der Beschuldigte nicht mit direktem Vorsatz gehandelt habe und auch nicht wusste, wie viele Personen sich im entgegenkommenden Auto befanden. Der Beschuldigte habe auch nicht die direkte Absicht gehabt, jemanden zu verletzen oder zu töten. Entsprechend geringer wiege deshalb das Tatverschulden gegenüber einem Täter, der direktvorsätzlich zwei Personen töte und zwei Personen schwer verletze.

Leicht strafmildernd wirkt sich gemäss Obergericht aus, dass der Beschuldigte bei der Frontalkollision selbst schwere Verletzungen erlitten hat, mehrmals operiert werden musste und für mehr als ein Jahr nicht arbeitsfähig war. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft. Er ist sozial eingebettet und geht im Rahmen von Wiedereingliederungsmassnahmen der IV einer Beschäftigung mit einem Pensum von 100 Prozent nach.

Nach Horror-Unfall in Seon: Trauer in Seengen

2. November 2014: Nach Horror-Unfall in Seon: Trauer in Seengen

Insgesamt handle es sich um ein mittelschweres Tatverschulden. Der ordentliche Strafrahmen dafür beträgt 5 bis 20 Jahre Freiheitsstrafe. Im vorliegenden Fall sei deshalb die Freiheitsstrafe von acht Jahren angemessen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und kann innert 30 Tagen beim Bundesgericht angefochten werden.