Birrwil
Warum der Chefkameramann beim «Bestatter» zwischendurch Blut schwitzt

Der Seetaler Brian D. Goff ist als Chefkameramann das Auge der SRF-Erfolgsserie «Der Bestatter». Gegenüber der az sagt er, auf was man beim Dreh achten muss und wie er es zu Erfolg gebracht hat.

Katja Schlegel
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Kameramann Brian D. Goff auf dem Friedhof Rosengarten in Aarau – einem der vielen Drehorte für den «Bestatter». Mario Heller

Kameramann Brian D. Goff auf dem Friedhof Rosengarten in Aarau – einem der vielen Drehorte für den «Bestatter». Mario Heller

Mario Heller

Die erste Tote war eine Schaufensterpuppe. Auf der Staffelegg war sie in einem Gummiboot über eine Felswand in die Tiefe gestürzt. Festgehalten mit der Super-8-Kamera von Brian D. Goff. Der Schulbub, gefesselt von Indiana Jones’ Abenteuern, vor dessen innerem Auge selbst die Aare, dieses träge Gedümpel, zum Amazonas wurde.

Heute Abend stirbt wieder jemand vor Goffs Linse. Nicht am Fusse der Felswand auf der Staffelegg, sondern im Boxkeller. Brian Goff (47) ist Chefkameramann bei der SRF-Erfolgsserie «Der Bestatter». Er verpasst der Serie ihr Aussehen, er komponiert das Bild, er verpasst ihm die Stimmung, das richtige Licht. Er ist das Auge des «Bestatters».

Elf Minuten für den Kaffeefleck

Seit fünf Jahren arbeitet Goff für den «Bestatter», von Mai bis Oktober, jedes Jahr. Die Arbeit beginnt mit dem Lesen des Drehbuches, dem Besichtigen der Drehorte, dem ersten Besprechen der Bilder, der Theorie, «dem mühsamen Teil», wie Goff sagt, weil er viel lieber spontan arbeitet, frisch von der Leber weg. Er entscheidet, wenn die Schauspieler vor Ort sind, die Szene passiert.

Die Drehtage an sich sind schnell vorbei, nur gerade elf stehen der Crew pro Folge zur Verfügung, das sind 66 Tage für sechs Folgen. 66 Tage, in denen die Crew zur Familie wird, 66 Tage, in denen jeder Zeitplan über den Haufen geworfen wird; da ein Filterwechsel von 30 Sekunden, da elf Minuten für den Hemdenwechsel wegen eines Kaffeeflecks, da ein bis zwei Minuten für einen Objektivwechsel, da ein Regenguss und schon hat man eine Stunde Verspätung. Ist erst einmal alles im Kasten, beginnt die Bildbearbeitung. Und schon ist es wieder Herbst. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Verschnaufen. Aber für Brian Goff ist es das Grösste. Das ist es, wovon er schon als Bub geträumt hat.

«Die haben mir geglaubt»

Brian Goff ist Aarauer, hier wurde er als Sohn einer Schweizerin und eines Amerikaners geboren. Die ersten Jahre aber lebte die Familie auf den Bahamas und in Las Vegas, noch immer spricht Goff mit englischem Akzent. Mit zehn Jahren kehrte er in die Schweiz zurück, mit zwölf sah er «Krieg der Sterne» und wusste, dass er Kameramann werden wollte. Und nach «Jäger des verlorenen Schatzes» drehte er seinen ersten Film. Das war 1981.

«Der Bestatter» – «Blutrausch» (Folge 4 der 5. Staffel) Gibt die Hoffnung nicht auf: Sarah Hostettler als Irene Blumer (M.), Samuel Streiff als Reto Doerig (hinten).
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Der Bestatter macht sich Vorwürfe: Mike Müller als Luc Conrad und Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli.
Handfeste Ermittlungen im Boxring: Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli (vorne), Samuel Streiff als Reto Doerig (hinten, l.) und Joey Zimmermann als Vlady (hinten, r.).
Kirminaltechnische Ermittlungen am Tatort mit dem abgestürzten Boxer: Mike Müller als Luc Conrad und Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli.
Banker auf der Flucht: Nils Althaus als Sascha, Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli.
Kriminaltechnische Ermittlungen bei der Linde von Linn, dem wohl berühmtesten Baum im Kanton Aargau.
Haben sie ihre Tochter endgültig verloren? Sarah Hostettler als Irene Blumer, Ralph Gassmann als Tobias Hefti.
Die Freundin des Ermordeten: Carol Schiler als Lara (vorne).
Kräftezehrende Ermittlungen: Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli, Samuel Streiff als Reto Doerig.
Konfrontation im Boxkeller: Krunoslav Sebrek als Markus, Joey Zimmermann als Vlady.
Mit seinem Wissen kann er eine Zusammenarbeit erzwingen: Roeland Wiesnekker als Sebastian Lötscher, Ralph Gassmann als Tobias Hefti.
«Der Bestatter»: Lancierungsbild zur 5. Staffel mit Mike Müller als Bestatter Luc Conrad und Roeland Wiesnekker als Gegenspieler Sebastian Lötscher.

«Der Bestatter» – «Blutrausch» (Folge 4 der 5. Staffel) Gibt die Hoffnung nicht auf: Sarah Hostettler als Irene Blumer (M.), Samuel Streiff als Reto Doerig (hinten).

SRF/Sava Hlavacek

Goff hatte der Ehrgeiz gepackt. Als Jungfilmer nahm er an Wettbewerben teil und rutschte so immer mehr in die Filmwelt hinein. Trotzdem ist er Quereinsteiger. Goff ist gelernter Maschinenzeichner, eine Filmschule hat er abgesagt – dem Studium in Los Angeles kam eine Stellenanzeige von Tele Basel für einen Kameramann zuvor. «Ich bin da hin und habe gesagt, ich könne das. Sie haben mir geglaubt.» Und so wurde Goff Kameramann, stand inzwischen bei Filmen wie «Silberkiesel – Hunkeler tritt ab», «Zwischen Himmel und Erde» «Vitus», «Cargo» oder «Der letzte Weynfeldt» oder bei der Serie «Tag und Nacht» hinter der Kamera.

«Der Bestatter» – Die 5. Staffel Luc Conrad (Mike Müller) und Sebastien (Roeland Wiesnekker) sind erbitterte Widersacher in der fünften Staffel von «Der Bestatter».
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Auch in 5. Staffel jagt Luc Conrad wieder quer durch den Aargau, um Verbrechen aufzuklären.
Mit dabei beim «Bestatter» sind natürlich auch wieder Fabio Testi (Reto Stalder)...
...und Kommissarin Anna-Maria Giovanoli (Barbara Terpoorten).
Anna-Maria steht in der 5. Staffel sogar im Boxring.
Wieder zu sehen ist auch Erika: Nach ihrer Pensionierung ging sie auf Weltreise, kehrt aber früher als erwartet zurück – ein Glück für Luc, weil in seinem Bestattungsinstitut das Chaos ausgebrochen ist.
Sonderbarer Fund in der ersten Folge ("Kinderbegräbnis") im Aargauer Kunsthaus: Vor dem Gemälde "Kinderbegräbnis" von Albert Anker ist ein kleiner Sarg mit einem Babyskelett deponiert.
Dafür verantwortlich ist Sebastian (Roland Wiesnekker), wie die Zuschauer wissen, aber nicht die Aargauer Kantonspolizei und Luc Conrad. Die Hintergründe dafür erschliessen sich dem Zuschauer allerdings erst nach und nach.
Sebastian wird zu Lucs grossem Gegenspieler in der 5. Staffel. Und er kommt Kommissarin Anna-Maria gefährlich nahe.
Gedreht wurde eine Szene in der ersten Folge bei Ömer, dem Kult-Imbiss von Aarau. Das war buchstäblich die letzte Gelegenheit, weil der 82-jährige Ömer sich auf Ende 2016 vom Berufsleben zurückgezogen hat. Beim Dreh am 10. Juli 2016 störte das Schweizerkreuz die «Bestatter»-Crew. Die Fahne, ein Markenzeichen von Ömers Imbiss, wurde im letzten Moment abgehängt.
Für die SRF-Kultserie wurde an einigen berühmten Schauplätzen im Aargau gedreht. So wie hier bei der Linner Linde.
Luc Conrads Leichenwagen bei der Linner Linde.
Dreharbeiten bei der Linde von Linn, dem wohl berühmtesten Baum im Kanton Aargau.
Neuenhof ist zum ersten Mal Schauplatz der SRF-Serie "Der Bestatter".
Dreharbeiten auf dem Rüsler: Ein Auto kracht dabei ungewollt in eine Leitplanke. Der Rauch auf dem Bild ist aber lediglich ein Special-Effekt des Kamera-Teams
Das Unfall-Auto wird abgeschleppt.
Luc Conrad (Mike Müller) hinter den Kulissen. Hier beim «Bestatter»-Dreh im Murianer Klostergarten.
«Der Bestatter»: Hier im Murianer Klostergarten.

«Der Bestatter» – Die 5. Staffel Luc Conrad (Mike Müller) und Sebastien (Roeland Wiesnekker) sind erbitterte Widersacher in der fünften Staffel von «Der Bestatter».

SRF/Sava Hlavacek

Und dann kam das Angebot für den «Bestatter». Produzent Markus Fischer, mit dem Goff bereits in verschiedenen Produktionen gearbeitet hatte, fragte ihn an. «Die Idee hat mir von Anfang an gefallen», sagt Goff. Für den «Bestatter» ist er sogar wieder zurück in die alte Heimat gezogen, nach Birrwil. «Mir gefällt es im Aargau sehr gut, ich würde gerne mehr hier drehen.» Heute würden viele Szenen in Zürich gedreht, insbesondere Innenaufnahmen. «Der Aargau hat wunderschöne Kulissen, aber er hat auch eine verstopfte Autobahn. Drehen wir im Aargau, müssen wir jeden Tag eine Stunde fürs Im-Stau- Stehen einberechnen. Zeit, die wir nicht haben.»

Blut geschwitzt

Den Entscheid für den «Bestatter» hat Goff nie bereut: «Es gefällt mir wahnsinnig gut, die Konstellation hat so viel Potenzial.» Angetan hat es Goff auch das Team. «Selten habe ich so einen Pioniergeist erlebt, so viel Kreativität, so viel Mut, Neues auszuprobieren.» Mut, das bedeutet im Falle des «Bestatters», die verblichene Opernsängerin aus der ersten Folge wie eine Vampirbraut zu stylen. Pietätlos? Zu frech? «Wir haben Blut geschwitzt», sagt Goff und lacht. «In Europa hat man Angst, nicht anzukommen. Da heisst es immer: Das kannst du nicht machen, das goutiert der Zuschauer nicht.» Der Mut der Crew und des SRF wurde belohnt, die Zuschauerzahlen sind gewaltig, nie war eine Serie erfolgreicher.

«Was ich beim ‹Bestatter› machen kann, ist Gold wert», sagt Brian Goff. Auch wenn ihn einige seiner Berufskollegen deswegen belächeln – schliesslich sei es ja nur eine Fernsehserie und kein Kinofilm. «Das ist purer Neid», sagt Goff und lächelt. «Ich kann hier tun und lassen, was ich will.» Und er will mehr, er will mit dem «Bestatter» Verrücktes machen, Grenzen ausloten. Einen Leichen-Transport nach Italien oder New York zum Beispiel. «Oder etwas mit Zombies, Luc Conrads Albtraum», sagt er und lacht. Brian Goff hat Blut geleckt.

«Der Bestatter», Folge 4, «Schlagabtausch» heute Abend, 20.05 SRF 1