Flurnamen (6)

Ohne Taschentuch auf dem Rotzenbühl – dafür mit Reben «rätzelen»

Das «Rotzenbühl» bei Oberwil-Lieli hat möglicherweise einst einer Person mit Namen «Razo» gehört.

Das «Rotzenbühl» bei Oberwil-Lieli hat möglicherweise einst einer Person mit Namen «Razo» gehört.

In Oberwil-Lieli erinnert nur noch der Flurname an Trotte und Rebberge. Rotznamen sind verbreitet: AZ-Leser Andreas Hofmann möchte gerne wissen, was der Flurname «Rotzenbühl» in Oberwil-Lieli bedeutet.

Die gleiche Frage stellt auch Erwin Jansen und er merkt gleich an, dass der Name wohl kaum mit «rotzen», also Nasenschleim lösen, zu tun haben kann. Schon mal vorweg – ja, das Taschentuch darf man auf dem «Rotzenbühl» getrost in der Tasche lassen. Auch wenn die «Nassächer» gleich westlich davon liegen und die «Augenweid» nördlich davon. Die Augen dürfen trocken bleiben und das Taschentuch ungebraucht. Der Name «Rotzenbühl» hat rein gar nichts mit Schleim oder Nasensekret zu tun.

Rotznamen sind verbreitet

In der Schweiz sind die Rotz-Namen weit verbreitet. In der Gemeinden Bachs (ZH) gibt es beispielsweise ein Rotzengrund, in Ennetmoos (NW) einen Hinter und Vorder Rotzberg und in Muolen (SG) ein Rotzenwil. Schauen wir uns das Beispiel «Rotzengrund» der Gemeinde Bachs näher an. Der Name ist erstmals im 14. Jahrhundert belegt und zeigt 1328 die Form «Razengrunde». Namen mit Genitiv-Endungen «-en» verweisen oftmals auf einen Personennamen im ersten Wortteil hin. Es geht also um einen Personennamen Razo, der zu althochdeutsch «rat» zu stellen ist und damit einen Ratsangehörigen meint. Der Name «Rotzengrund» bedeutet also die Senke oder Ebene einer Person namens Razo.

Nach dem gleichen Muster dürfte der Name «Rotzenbühl» in Oberwil-Lieli zu deuten sein. Historische Namensformen dürften ebenfalls die Formen «Razenbüel» zeigen. Aufschluss darüber würde der Gang ins Staatsarchiv geben. Bis der entsprechende Namenbeleg gefunden wird, bleibt es ein Mythos. Ob wohl daher die Einfamilienhäuser, die den ehemaligen Bauernhof «Im Rotzenbühl» ersetzen, am Mythenweg 9/11 liegen?

Rätsel also gelöst? Noch nicht ganz. Erwin Jansen möchte es genau wissen und fragt zurecht noch nach der Bedeutung des Flurnamens «Rätzelen», der ebenfalls in der Gemeinde Oberwil-Lieli liegt. Gibt es zwischen «Rotzen» und «Rätzelen» einen Zusammenhang? Die Flur liegt westlich an einem Hang oberhalb der «Rebbergächer». Was genau bedeutet das seltsame Wort «Rätzelen»?

Wein aus Oberwil-Lieli

Das Schweizerdeutsche Wörterbuch weiss Rat. Das Wort bezeichnet eine Unregelmässigkeit auf einer Oberfläche. Das können Unebenheiten an Felsen oder Landstücken, aber auch an Holz oder Eisen sowie auf der Haut sein. Damit werden also Stellen in der Landschaft bezeichnet, die mit kleinen Höckern, mit Gesträuch oder Ähnlichem bewachsen sind. Den gleichen Namen finden wir auch in der Gemeinde Oberdorf (NW). Hier bezeichnet Rätzelen einen mit Felsbuckeln durchsetzten Grat. Bei dieser Deutung würde der Name «Rätzelen» in Oberwil-Lieli also ein unebenes Grundstück bezeichnen. Ist es möglich, dass für den Anbau von Reben das Gelände terrassiert worden ist und somit Unebenheiten aufweist?

Ein Blick auf die historische Siegfriedkarte aus dem 19. Jahrhundert zeigt, dass tatsächlich an der Stelle der heutigen «Rebbergächer» der Name «Im Rebberg» überliefert ist. Und gleich unterhalb davon liegen die «Trottenäcker». Nun scheint der Fall doch klarer zu werden. Eine Trotte ist eine Traubenpresse (auch Obstpresse) und verweist in Flurnamen auf eine (ehemalige) Trotte hin oder auf eine Flur, die dem Trottmeister zur Nutzung freigestellt wurde.

Auf der Kartenausgabe aus dem Jahr 1882 sind sowohl die Trotte als auch die einstigen Rebflächen noch eingezeichnet. Somit kann davon ausgegangen werden, dass es sich tatsächlich um einen Rebenanbau handelte. Der Eintrag im Schweizerdeutschen Wörterbuch geht noch weiter. Das Verb «rätzele» bedeutet ebenfalls «abratzen», und meint damit den Vorgang, wenn die Traubenbeeren abgerupft werden, oder aber verweist auf den Geruch der Weintrauben, der «rätzelet», wenn die Trauben zu stark gekeltert worden sind.

Der Flurname «Rätzelen» geht also entweder auf das Ablesen der Traubenbeeren im ehemaligen Rebberg zurück oder auf den starken Geruch, der wohl aus der Trotte in diesem Gebiet stammte.

Einen direkten Zusammenhang zwischen dem «Rotzenbühl» und dem Flurnamen «Rätzelen» gibt es also nicht, auch wenn es gut vorstellbar ist, dass die Person namens «Razo» von seinem Hof zu diesem Rebberg marschiert ist und ein Schluck frischen Traubensaft aus der Trotte getrunken haben mag. 

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