Tödliche Stromschläge

Solaranlagen sind eine Gefahr für die Feuerwehrmänner

Brand eines Hauses mit Photovoltaik-Anlage im deutschen Ostfriesland im Februar 2010.

Brand eines Hauses mit Photovoltaik-Anlage im deutschen Ostfriesland im Februar 2010.

Die steigende Zahl von Solaranlagen zwingt die Feuerwehren zum Handeln. Sicherheitsbestimmungen im Brandfall sollen sogar in die Grundausbildung einfliessen. Denn: Photovoltaik-Anlagen sind nie komplett spannungslos.

Neue Bauweisen fordern die Feuerwehren. So haben sie sich seit einigen Jahren mit der stetig steigenden Zahl von Solaranlagen auseinanderzusetzen. Das Problem dabei: Bei einem Brandfall bergen sie für die Einsatzkräfte schwer kalkulierbare Gefahren, da sich etwa Photovoltaik-Anlagen nicht einfach abstellen lassen und sie so auch während eines Löscheinsatzes unter Spannung stehen. Beim Kontakt mit beschädigten Kollektoren kann es sogar zu einem tödlichen Stromschlag kommen. Und: In der Schweiz ist bislang kein Fall bekannt, der den Verantwortlichen Hinweise auf ein Erfolgsrezept geben würde.

Anders in Deutschland. Es war vor rund einem Jahr, als eine Meldung aus dem Ostfriesland für Staunen und sogar Befremden sorgte. Als die örtlichen Einsatzkräfte zu einem Zimmerbrand in einem Haus ausgerückt waren, rief der Einsatzleiter seine Mannschaft nach dem Eintreffen zurück. Grund: Als er die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach entdeckte, wollte er die Sicherheit seiner Männer nicht gefährden. Schon bald stand das Gebäude in Vollbrand. Als klar war, dass von der Anlage keine Gefahr mehr ausging und die Feuerwehr weitermachte, war das Haus komplett zerstört.

Solaranlagen eine zusätzliche Gefahr

Ein Haus in Flammen und die Feuerwehr schaut einfach zu? «Das wird bei uns sicher nicht geschehen», erklärt Urs Ribi, Abteilungsleiter Feuerwehrwesen bei der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV). Mit den Solaranlagen sei zwar eine «zusätzliche Gefahr» für die Angehörigen der Feuerwehr da, die Sicherheit aller stehe klar im Vordergrund. Aber: «Wir müssen uns damit auseinandersetzen und die Leute für den Einsatz sensibilisieren», so Ribi.

«Wir sind vorbereitet und ausgerüstet. Wir haben das Thema bereits vor Jahren aufgegriffen», sagt Joe Habermacher, Präsident des Aargauischen Feuerwehrverbandes (AFV) und Kommandant der Feuerwehr Reinach-Leimbach. Die Problematik mit den Solaranlagen sei «spannend» und eine «interessante Herausforderung». «Und dieser Herausforderung stellen wir uns», so der AFV-Präsident.

Dem Zufall überlassen wollen die Verantwortlichen dabei nichts. Es gibt Information und Schulungen, um der potenziellen Gefahr auf den Hausdächern richtig begegnen zu können. Die «Schweizerische Feuerwehr-Zeitung» widmete dem Thema unlängst einen fünfseitigen Bericht.

Der Kommandant der Feuerwehr Gränichen, René Lüscher, amtet für AGV und AFV als Instruktor. Insbesondere die Feuerwehrelektriker der Feuerwehren sind für mögliche Einsätze an Gebäuden mit Photovoltaik-Anlagen von grosser Bedeutung: Sie müssen Anlagentypen erkennen und wissen, welche Gefahr von ihnen ausgehen könnte. «Ab 2012 gibt es flächendeckend Schulungen der Feuerwehrelektriker», prophezeit René Lüscher. Wie zu erfahren war, soll der richtige Umgang im Ernstfall künftig sogar in die Grundausbildung einfliessen. «Ziel ist, dass alle Angehörigen der Feuerwehr dieses Wissen haben», so Urs Ribi von der Aargauischen Gebäudeversicherung.

Ein ganzer Gefahrenkatalog

Welche Gefahren drohen könnten, zeigt auch der «Newsletter Feuerwehrwesen» der AGV aus dem letzten Jahr eindrücklich auf. Wichtig ist aber: Von einer unbeschädigten Anlage geht grundsätzliche keine Gefahr aus. Anders im Brandfall: Während in den solarthermischen Anlagen ein bis zu 150 Grad heisses Gemisch zur Wärmegewinnung fliesst, müssen die Einsatzkräfte bei einer Photovoltaik-Anlage einen ganzen Gefahrenkatalog beachten.

Solange Licht auf die Module fällt, droht ein Stromschlag. Sogar in der Nacht könnten die aufgestellten Scheinwerfer der Einsatzkräfte eine gefährliche Spannung aufbauen. Neuere Photovoltaik-Anlagen verfügen zwar über einen Schalter, um die Module vom Wechselrichter zu trennen. Der Teil oberhalb des Wechselrichters, der Gleichstrombereich, bleibt bei Lichteinfall aber unter Spannung. Tests, mit Schaum eine Photovoltaik-Anlage zu beschäumen und abzudecken, scheiterten - nach wenigen Minuten war die Ausgangsspannung wieder erreicht. Fazit: Es gibt derzeit keine Möglichkeit, im oberen Bereich eine Spannungsfreiheit zu erreichen.

das ist noch nicht alles: herabhängende und unisolierte Kabel könnten die Feuerwehrleute beim Löschen im Haus gefährden, toxische Gase könnten sich bilden. Auch die zusätzliche Dachlast der Anlagen ist nicht unproblematisch (rund zehn Kilogramm pro Quadratmeter). Die Module könnten im Brandfall wie ein Schneebrett herunterrutschen. «Ich sehe diesen Aspekt, den mechanischen Teil, als Hauptgefahrenquelle», so Urs Ribi von der AGV.

«Die Ausbildung der Feuerwehren ist das Wichtigste», sagt der Abteilungsleiter Feuerwehrwesen weiter. Ein solcher Einsatz, wenn er denn einmal kommt, sei «sehr speziell», man dürfe aber nichts dramatisieren. Für die Ausbildung von grosser Bedeutung ist aber auch die Kenntnis über Vorhandensein, Aufstellorte, Aufbau und Anlagentechnik der Anlagen. Da es kein Register über die Anlagen gibt, gehört es zur Vorbereitung der Feuerwehren, sich darüber zu informieren und für grosse Anlagen Einsatzpläne zu erstellen.

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