Lenzburg
Notfall-Bereitschaft: Was, wenn das Leitungswasser plötzlich verseucht ist?

Rolf Bohler, Stabschef des Regionalen Führungsorgans (RFO) Lenzburg, erklärt, wie Notfalltreffpunkte funktionieren.

Ruth Steiner
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Rolf Bohler, Stabschef RFO Lenzburg, beim Notfalltreffpunkt im Lenzhard-Campus.

Rolf Bohler, Stabschef RFO Lenzburg, beim Notfalltreffpunkt im Lenzhard-Campus.

Britta Gut

Täglich drehen wir den Wasserhahn auf und trinken bedenkenlos Wasser, das aus der Leitung fliesst. Doch was, wenn das Trinkwasser plötzlich durch Chemikalien kontaminiert ist und nicht mehr konsumiert werden darf? Die Vorstellung, dass das dereinst passieren könnte, ist für Rolf Bohler zwar verheerend, der Stabschef des Regionalen Führungsorgans (RFO) Lenzburg wäre jedoch für einen Einsatz gewappnet und wüsste, welche Hebel bei einer derartigen Katastrophe in Bewegung gesetzt werden müssten.

«Im erwähnten Fall müsste am dritten Tag Trinkwasser zur Verfügung gestellt werden.»

Tritt dieser Ernstfall tatsächlich ein, kann die Bevölkerung sich an den Notfalltreffpunkten mit frischem Trinkwasser versorgen. Seit dem vergangenen Oktober sind im ganzen Kanton derartige Anlaufstellen definiert. Dorthin muss man sich in Notlagen wenden; wenn – je nach Ereignis – Alarmsirenen oder eine Meldung am Radio dazu auffordern.

«Mit der Inbetriebnahme von Notfalltreffpunkten hat der Kanton für die Bevölkerung zentrale Anlaufstellen geschaffen, primär für den Fall von Grossereignissen und Katastrophen», erklärt Rolf Bohler.

Erfahrung mit halbscharfer Übung gemacht

Grundsätzlich sind diese Treffpunkte der Ort, wo Hilfe geboten wird. Auch in Situationen, wenn Stromversorgung und Telefonnetze ausfallen und das Radio stumm bleibt. Dass das System funktioniert, hat man kürzlich in Lenzburg feststellen können: Als die Stromnetze ausfielen, wurde das Alarmsystem umgehend aktiviert. Zum Glück konnte jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder Entwarnung gegeben werden. Das war sozusagen eine halbscharfe Übung.

Seit knapp zehn Jahren ist Rolf Bohler Teil der Lenzburger RFO-Mannschaft, seit acht Jahren in der Funktion als Stabschef. Mit der Stabsarbeit ist er durch seine militärische Erfahrung vertraut. Zudem kann er im RFO sein berufliches Wissen einbringen. Der 56-jährige Staufner ist Chef Integrale Sicherheit der Gruppe Verteidigung im Departement von Bundesrätin Viola Amherd. Die Aufgaben sind vielfältig: Personen, Infrastruktur, Material, Umwelt, aber auch heikle Daten, alles muss vorschriftsgemäss geschützt und gesichert werden.

«Die permanente Risikobetrachtung unter gleichzeitiger Einhaltung der Vorgaben ist ebenso herausfordernd wie spannend», sagt er.

Vor acht Jahren hat Bohler aus der Privatwirtschaft in die Bundesverwaltung gewechselt. Nein, mit der Verwaltung habe er keine Mühe, auch zu Beginn nicht gehabt, antwortet er auf die entsprechende Frage. Der Grund liegt darin, dass Rolf Bohler durch seine Miliztätigkeit als Oberst im Luftwaffenstab bereits wusste, was ihn in «Bern» erwartet. Seine militärische Karriere hat er durch seine berufliche Anstellung im Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) bis zum 60. Altersjahr verlängert.

Die Pandemie hat Rolf Bohler ins Homeoffice gezwungen. Jetzt arbeite er an vier Tagen daheim in Staufen, einen Tag sei er unterwegs. «Bestimmte Abklärungen vor Ort sind wichtig, ja sogar unerlässlich, um eine gute und vorschriftskonforme Lösung zu finden», sagt er.

Gemeinde hat mindestens einen Notfalltreffpunkt

Muss ein Notfalltreffpunkt im Ernstfall aktiviert werden, muss das RFO den Aufbau des Betriebes koordinieren. «In den ersten Stunden ist die Feuerwehr vor Ort verantwortlich, später übernimmt der Zivilschutz die Aufgabe», sagt Bohler. Wo befinden sich die Notfalltreffpunkte? «Grundsätzlich hat es in jedem Ort einen deutlich markierten beschilderten Notfalltreffpunkt», erklärt Bohler.

Die Treffpunkte sind an zentralen Stellen zu finden: An Gemeindehäusern, Schulhäusern, Mehrzweckhallen, öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen oder Restaurants. Je nach Einwohnerzahl gibt es auch mehrere, wie beispielsweise in Lenzburg. Dort hat es drei Anlaufstellen, je eine in den Schulanlagen Angelrain und Lenzhard sowie in der Berufsschule Neuhof. Die Bevölkerung im Kanton Aargau wurde im vergangenen Herbst mit einem Flyer über das Verhalten im Ernstfall orientiert. Weitere Informationen dazu finden sich unter www.notfalltreffpunkt.ch.

Geplante Fusion RFO und ZSO Lenzburg und Seetal

«Damit das Zusammenspiel von RFO und ZSO im Ernstfall funktioniert, müssen die beiden Organisationen gemeinsam regelmässig Übungen durchführen», sagt Bohler. Eine solcher Trainingslauf ist für den Herbst geplant: Dann soll das RFO Lenzburg das RFO Seetal beüben. Der Anlass gibt den beiden Organisationen zugleich die Möglichkeit, sich etwas zu «beschnuppern». Verläuft nämlich alles nach Plan, werden das RFO Lenzburg und Seetal mit den entsprechenden Zivilschutzorganisationen (ZSO) der beiden Regionen per 1. Januar 2022 zu einer Organisation mit 24 Gemeinden zusammengeführt. Die betroffenen Gemeinden werden an den kommenden Gemeindeversammlungen über einen Beitritt abstimmen. Anschliessend werden die Ämter neu verteilt. Rolf Bohler wird sich in der neuen Organisation RFO Lenzburg-Seetal ebenfalls einbringen.