Interview

Urs Hofmann und das Jahr als Landammann: «Der Fall Roth hat mich persönlich belastet»

Urs Hofmann, Regierungsrat und Landammann 2019.

Urs Hofmann, Regierungsrat und Landammann 2019.

Landammann Urs Hofmann schaut auf ein ereignisreiches Jahr ­zurück. Wir haben ihm sechs Bilder vorgelegt, zu denen er spontan etwas sagen sollte, und daraus ein Gespräch entwickelt.

Der Anfang vom Ende: Regierungsrätin Franziska Roth werden im Grossen Rat in einer fraktionsübergreifenden Erklärung die Leviten gelesen.

Der Anfang vom Ende: Regierungsrätin Franziska Roth werden im Grossen Rat in einer fraktionsübergreifenden Erklärung die Leviten gelesen.

1. Der Fall von Regierungsrätin Franziska Roth

Urs Hofmann: Es ist natürlich DAS Thema, welches mich als Landammann und die Gesamtregierung dieses Jahr beschäftigt hat. Das war keine einfache Zeit weder für Frau Roth noch für uns. Das Schicksal von Frau Roth hat mich auch persönlich belastet. Wir hatten zwischenmenschlich immer ein gutes Verhältnis mit Frau Roth. Aber wir sahen die Probleme in ihrem Departement und ihr Verhältnis zur Partei, das zunehmend schlechter wurde. Die Sorge im zweiten Quartal war gross, dass es zu einem Zustand kommt, der Regierungsrat und Verwaltung in Mitleidenschaft zieht. Darum war es eine Erleichterung, als Frau Roth schliesslich ihr Amt niedergelegt hat.

Der Regierungsrat hat zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen und eine externe Untersuchung in Auftrag gegeben, die Roths Rücktritt beschleunigt hat. War das Ihre Idee?

Das haben wir gemeinsam im Regierungsrat entwickelt. Auch Frau Roth war involviert und hat einer solchen Untersuchung zugestimmt. Natürlich wussten wir, dass es je nach Inhalt des Berichts nicht einfach würde. Frau Roth hat den Bericht dann zur Stellungnahme bekommen und bekanntlich den Rücktritt bekannt gegeben, bevor sie sich zum Berichtsentwurf geäussert hat.

Man kann daraus schliessen, dass der Bericht so vernichtend war, dass Roth keinen anderen Ausweg sah.

Dazu will ich mich nicht äussern. Tatsache ist, dass Frau Roth ihren Entscheid in jener Phase getroffen hat. Es ist schwierig zu interpretieren, was den Ausschlag gab, da wir mit Frau Roth seit ihrem Rücktritt keinen Kontakt mehr hatten.

Der Bericht wurde ja gar nicht mehr vorgelegt, geschweige denn veröffentlicht. Wer kennt den Inhalt eigentlich?

Frau Roth bekam den Entwurf des Berichts zur Stellungnahme und er wurde mir als Landammann übergeben.

Soll die Öffentlichkeit nicht erfahren, was schief lief?

Der Regierungsrat ist überzeugt, dass Frau Roths Persönlichkeitsrechte höher einzustufen sind als das öffentliche Interesse an diesem Bericht.

Das heisst: Im Bericht ging es vor allem um Frau Roth selber und weniger um Organisation und Struktur des Departements.

Ja, der Bericht befasste sich vor allem mit der Arbeit von Regierungsrätin Roth und es ging nicht in erster Linie um organisatorische oder strukturelle Probleme im Departement, die eine Veröffentlichung des Berichts gerechtfertigt hätten.

Wird der Untersuchungsbericht einst für Historiker freigegeben?

Das war bisher kein Thema.

Sie waren als Landammann Krisenmanager im Fall Roth. Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?

Nein. Wir haben die Entwicklung mit Frau Roth rechtzeitig besprochen und schon Anfang Jahr eine erste Massnahme getroffen, indem wir die Federführung des Beteiligungsmanagements für das Kantonsspital Aarau ins Finanzdepartement verlegt haben. Gleichzeitig haben wir den Bericht in Auftrag gegeben, der dann auch zeitgerecht im Entwurf vorgelegt wurde. Ich bin überzeugt, dass dieses Vorgehen richtig war. Ebenso überzeugt bin ich, dass Frau Roth mit ihrem Rücktritt den richtigen Entscheid getroffen hat, im Interesse des Kantons und auch für sich selbst.

Landammann Urs Hofmann beim Eidgenössischen Turnfest 2019 in Aarau.

Landammann Urs Hofmann beim Eidgenössischen Turnfest 2019 in Aarau.

2. Eidgenössisches Turnfest

Urs Hofmann: Ein schöner Tag. Es bewegte mich schon, als ich mit dem offenen Oldtimer durch meine eigene Stadt fahren durfte, wo mir Hunderte Leute zuwinkten, die ich persönlich kenne.

Fast wie ein König.

Ja, das ist eine spezielle Art der Begegnung. In der eigenen Stadt ist das etwas ganz Besonderes. Es erinnert mich an meine Zeit als Aarauer Stadtrat. Da gab es eine solche Gelegenheit jedes Jahr: der Maienzug. Gerne erinnere ich mich auch an das Jubiläum 200 Jahre Helvetik, als ich als Grossrat im Umzug mitgelaufen bin und der Gesamtbundesrat dabei war.

Sie scheinen repräsentative Aufgaben zu mögen.

Ja, vor allem dort, wo man mit den Menschen direkt in Kontakt kommt und eine Idee, eine Botschaft mitgeben kann. Nicht einfach als Regierungsrat später kommen, etwas sagen und wieder früher verschwinden. Interessant ist der direkte Austausch mit den unterschiedlichsten Leuten.

Was mögen Sie weniger?

Die formalen 08/15-Veranstaltungen, wo man einfach hingehen muss, aber keine wirklichen Begegnungen stattfinden. Ich scheue aber auch das nicht, das gehört auch zu meinem Amt.

FCA-Spieler Gianluca Frontino.

FCA-Spieler Gianluca Frontino.

3. Das Barrage-Aus des FC Aarau

Urs Hofmann: So etwas habe ich noch nie erlebt! Das war eines der unwirklichsten Erlebnisse, die ich je hatte. Es kann ja immer anders herauskommen, als man denkt. Aber nach dem sensationellen 4:0-Sieg in Neuenburg war klar: Es kann nichts mehr schiefgehen, der FC Aarau steigt auf. Darum ist es für mich jedes Mal, wenn ich an diese Niederlage auf dem Brügglifeld denke, irgendwie doch nicht ganz wahr. Eine solche Chance noch zu verspielen …

Trotz Enttäuschung: Wäre der Aufstieg nicht zu früh gekommen?

Das ist eine falsche Grundhaltung. Solche Chancen muss man packen. Man weiss nie, wann sie wiederkommen. Vor 1981, da war ich 25, spielte Aarau während vieler Jahre in der damaligen Nationalliga B, zum Teil sogar gegen den Abstieg in die 1. Liga. Ich habe das genug lange erlebt. Der Anspruch heute ist ein anderer. Der FCA muss in der obersten Liga spielen.

Eine Voraussetzung dafür ist mit dem Ja des Aarauer Stimmvolks zu den Stadionvorlagen geschaffen. Sind Sie zuversichtlich, dass das Stadion in absehbarer Zeit gebaut wird?

Ja. Ich bin überzeugt, dass es jetzt wirklich realisiert wird.

Ein Stadiongegner hat sich inzwischen zurückgezogen. Trotzdem könnten Beschwerden den Stadionbau blockieren. Ist das legitim oder sind das schlechte Verlierer?

Das Beschwerderecht ist gedacht für jene, die mehr betroffen sind als jedermann. Wenn ein Stadiongegner überzeugt ist, dass ihm Unrecht widerfährt, weil er als Grundeigentümer unrechtmässig beeinträchtigt würde, zum Beispiel durch Schattenwurf oder andere Immissionen, dann ist es sein legitimes Recht, sich zu wehren. Wenn es aber um das Weiterführen des politischen Kampfes mit anderen Mitteln geht, dann ist jemand ein schlechter Verlierer.

Spielabbruch Luzern-GC.

Spielabbruch Luzern-GC.

4. Hooligan-Gewalt

Urs Hofmann: Solche Hooligan-Szenen sind für mich ein grosses Ärgernis und eine Perversion des Sports. Trotz aufwendiger Massnahmen kommt es leider immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Klubs, Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte sind gefordert. Leider gibt es jedoch kein Patentrezept.

Sie wollen als Präsident der Justiz- und Polizeidirektoren die Klubs mehr in die Pflicht nehmen. Bewegt sich da was?

Es gibt Klubs, die sind schon heute sehr engagiert. Andere sind zögerlich, weil sie es nicht mit den eigenen Fans verderben wollen. Aber wir dürfen Hooligan-Gewalt nicht als Teil des Fussballs akzeptieren. Die Klubs dürfen da nicht aus falsch verstandener Toleranz zuschauen.

Die Ammänner der Fusionsgemeinden Rheintal+ hier in Kaiserstuhl.

Die Ammänner der Fusionsgemeinden Rheintal+ hier in Kaiserstuhl.

5. Gemeindefusion Rheintal+

Urs Hofmann: Etwas Erfreuliches! Ein Beispiel für eine vorbildliche Gemeindefusion. Sehr umsichtig aufgegleist. Das ist der richtige Weg im Aargau: Aufzeigen, wie sich die Gemeinden verändern müssen, wenn sie handlungsfähig bleiben und nicht einfach Folklore sein sollen.

Kann man mit Gemeindefusionen das Milizsystem retten?

Wenn wir das Milizsystem erhalten wollen, braucht es Leute, die neben ihrem Beruf eine Aufgabe in der Gemeinde wahrnehmen wollen und können. Am besten mit einer professionellen Verwaltung, damit der Gemeinderat Zeit hat, politisch-strategisch zu arbeiten. Das Milizsystem kommt zum Kippen, wenn die Gemeinde zu gross wird, dann muss man Teil- oder Vollämter schaffen. Das ist zwar nicht mehr wirkliche Miliz, aber die adäquate Form. Wenn die Gemeinde zu klein ist und der Gemeinderat im Dorf zu viel selber machen muss, finden Sie keine guten Leute. Es kann nicht die Lösung sein, dass nur noch Pensionierte oder Leute, die keiner anderen Berufstätigkeit nachgehen, ein Gemeinderatsamt übernehmen können.

Ist die mehrheitlich bescheidene Entschädigung eine Hürde?

Wir haben gerade eben wieder rund 60 neue Gemeinderätinnen und Gemeinderäte in die Pflicht genommen. Das zeigt, wie viele Wechsel es gibt und dass es schwierig ist, das richtige Modell zu finden. Allein mit der Entschädigung lösen wir das Problem nicht.

Der Gesamtregierungsrat mit dem neu gewählten Jean-Pierre Gallati (r.). Einzige Frau: Staatsschreiberin Vincenza Trivigno.

Der Gesamtregierungsrat mit dem neu gewählten Jean-Pierre Gallati (r.). Einzige Frau: Staatsschreiberin Vincenza Trivigno.

    

6. Jean-Pierre Gallati statt Franziska Roth im Gesamtregierungsrat

Was stimmt nicht auf diesem Foto?

Urs Hofmann: Es fällt natürlich auf, dass es fünf Männer sind und die Staatsschreiberin die einzige Frau.

Wenn Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass auf dem Bild Jean-Pierre Gallati statt Franziska Roth posiert, was hätten Sie geantwortet?

Ich hätte vor einem Jahr nie gedacht, dass Frau Roth Ende 2019 nicht mehr Regierungsrätin ist. Das war damals nicht absehbar. Und dass Herr Gallati dann ihr Ersatz wird, wäre schon gar nicht meine Prognose gewesen.

Gallati war als SVP-Fraktionschef der grösste Kritiker der Regierung. Überrascht, dass er jetzt die Seiten wechselt?

Ich hätte tatsächlich nicht gedacht, dass Jean-Pierre Gallati Ambitionen auf ein Regierungsamt hat. Aber bevor er sich zur Kandidatur entschieden hat, hat er es sich sicher gut überlegt. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass er seinen Rollenwechsel auch meistern wird.

Was haben Sie für ein Verhältnis zu Gallati?

Ich hatte persönlich nie Probleme mit ihm oder ein irgendwie angespanntes Verhältnis.

Werden wir Sie auf dem Regierungsratsfoto in einem Jahr nach den Gesamterneuerungswahlen noch sehen?

(Schmunzelt) Wir Regierungsräte werden rechtzeitig bekanntgeben, wer nochmals antritt und wer nicht. Es ist wichtig, dass sich nicht jeder selber inszeniert, sondern wir zusammen offenlegen, wer weitermacht und wer nicht.

Wann genau erfährt die Öffentlichkeit im Wahljahr, ob Sie nochmals antreten oder zurücktreten?

Schon sehr bald, im Verlaufe des Januars.

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