Treibjagd

Waidmanns Heil: Wie die Treibjagd wirklich funktioniert

Am 27. November stimmt die Aargauer Bevölkerung darüber ab, ob die Treibjagd verboten werden soll. Eine Treibjagd in Wittnau mit Jagdleiter Hansueli Herzog zeigt, wie diese Jagdform in der Realität funktioniert, obwohl Herzog keinen Schuss abgibt.

Hansueli Herzog ist zufrieden. Die Hände in den Jackentaschen vergraben, steht er auf einer Wiese am Waldrand in der Nähe von Wittnau. In seinem Rücken geht die Sonne unter. Zu seinen Füssen liegen zwei Rehe, zwei Wildschweine und ein Fuchs, allesamt tot. Hansueli Herzog ist zufrieden mit der heutigen Treibjagd. Er selber jedoch hat keinen einzigen Schuss abgegeben.

Rund 30 Jäger und Treiber dabei

Der 59-Jährige ist Jagdleiter der Jagdgesellschaft Wittnau-Ost. Als sich die Jäger und die Treiber am Morgen vor der «Krone» in Wittnau versammeln, liegt eine dicke Nebeldecke über dem Fricktal. Rund dreissig Jäger und Treiber, ausnahmslos Männer, hören Herzog zu, wie er die Anwesenden instruiert. Hansueli Herzog muss laut sprechen, um das Gejaule der Hunde zu übertönen.

So viele wie heute seien selten dabei, sagt Herzog. Im Berufsleben sind sie Treuhänder, Bauern, Handwerker und Pensionierte. Der Älteste ist 85 Jahre alt. In den Augen von Peter Suter sind die Jäger «schiesswütige Lustmörder». Der Tierschützer ist der Vater der Initiative, welche die Treibjagd im Aargau verbieten will. Am 27. November stimmt die Bevölkerung zum zweiten Mal innert sechs Jahren über das Ansinnen ab. Für viele Jäger eine «Zwängerei».

Jagdrepo Tiere ausnehmen

Die Tiere werden ausgenommen

Hansueli Herzog erklärt, wie die Tiere ausgenommen werden.

Hansueli Herzog rumpelt in seinem Landrover über die unebene Feldstrasse. Wenn sein Handy klingelt, ertönt eine Jagdhorn-Melodie. Telefonisch vergewissert er sich, dass alle Jäger und Treiber auf ihrem Posten sind. Disziplin ist ihm wichtig. Langjährige Jagd- und Treiberkollegen bestätigen, dass Herzog ein besonders strenger Jagdleiter sei. Die Jäger sind alle platziert und auch Herzog postiert sich nun am Waldrand und lädt seinen Drilling, ein Gewehr mit drei Läufen, mit zwei Schrotpatronen für Rehe und einer Kugel für Wildschweine. Schrot wird aus Sicherheitsgründen verwendet, da dieses weniger weit fliegt. Für die zähen Wildschweine sind Kugeln allerdings unumgänglich.

Die Hunde scheuchen das Wild auf

Vor Herzog liegt eine abfallende Wiese, direkt neben ihm undurchdringliches Dickicht. Mit seinem Horn gibt er das Zeichen zum Start. Es dauert nicht lange, bis aus der Ferne Gebell ertönt. Kleine Stöber-Hunde scheuchen das Wild im Wald auf, und treiben es auf die Jäger zu. Dabei kommen sie nie nah genug an das Wild heran, um es zu verletzen. Herzog sitzt ruhig auf seinem einbeinigen Hocker. Spürt er das Jagdfieber? «Fiebrige Nervosität kenne ich bei der Jagd nicht. Viel wichtiger ist Konzentration und Beobachtung der Umwelt.»

Interview mit Hansueli Herzog

Interview mit Hansueli Herzog

Hansueli Herzog zieht nach der Jagd Bilanz.

Plötzlich raschelt es im Gebüsch. Sekunden später springen drei Rehe auf die Wiese und jagen den Hang hoch. Herzog hebt seine Waffe, zielt und lässt das Gewehr wieder sinken. In 100 Metern Entfernung sprinten die Rehe hintereinander über eine Krete. Herzog schaut ihnen lange nach. «Das Wild kam einfach zu schnell. Das Risiko eines Fehlschusses wäre zu hoch gewesen. Ich schiesse nur, wenn ich mir absolut sicher bin, dass ich treffe.»

Zwei Schüsse auf ein Wildschwein

Mittlerweile sind die orangegekleideten Treiber in Sichtweite. Sie durchkämmen einen überwucherten Hang, wo Wildschweine vermutet werden. Und tatsächlich. In einem Tempo, das man diesen Tieren kaum zutrauen würde, rennen sie aus dem Unterholz. Direkt vor die Flinte von Samuel Häusermann. Dieser schiesst einmal, zweimal. Die Wildschweine rennen weiter. Das angeschossene Wildschwein und ein Weiteres werden darauf von anderen Jägern geschossen.

Die Jäger beenden die Jagd mit einer Jagdhorn-Melodie

Die Jäger beenden die Jagd mit einer Jagdhorn-Melodie

Die Jäger beenden die Jagd mit einer Jagdhorn-Melodie.

Beim Mittagsaser zieht Herzog nach zwei Trieben am Morgen Bilanz: «Zwei Rehe und zwei Wildschweine sind eine gute Ausbeute. Das Wichtigste ist, dass das angeschossene Wildschwein nicht verletzt entkommen ist und im gleichen Trieb erlegt werden konnte.» Um ihr Soll zu erfüllen, müssen die Jäger in Wittnau bis Ende Jahr noch acht Rehe erlegen.

Am Feuer stärken sich die Jäger für den Nachmittag. Eintopf und selbst gebackener Kuchen werden herumgereicht. Einige trinken ein Glas Wein. «Bei der Treibjagd geht es auch um ein gemeinsames Erlebnis, das ist unbestritten», sagt Herzog.

Die Stille im Wald

Am Nachmittag steht noch ein Trieb auf dem Programm. Diesmal blickt Herzog direkt in den Wald. Schweigend beobachtet er seine Umgebung, achtet auf Geräusche und Bewegungen. Die Jagd schärft die Sinne. Seine Geduld wird belohnt. Ein einzelnes Reh hüpft durch die Bäume. Doch auch hier ist die Schussdistanz zu gross. Damit endet der Tag für Herzog ohne persönliche Beute.

Langsam muss die Sonne wieder dem Nebel und der Dämmerung weichen. Die erlegten Tiere liegen auf einem Beet aus Tannenzweigen. Auch ohne persönlichen Abschuss ist Hansueli Herzog zufrieden mit dem Tag: «Es war eine würdige Jagd.» Dann gibt er seinen Kollegen das Signal und sie beenden die Jagd mit einem «Halali» aus ihren Jagdhörnern.

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