Reinach
Mit den Wandteppichen fing alles an: «Lebenshilfe»-Weihnachtsausstellung feiert Jubiläum

Dieses Wochenende findet die 50. Weinachtsausstellung der Stiftung «Lebenshilfe» in Reinach statt. Entstanden ist sie aus der Not heraus.

Rahel Plüss
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Bereits bei der ersten Weihnachtsausstellung waren die Karten der «Lebenshilfe»-Druckerei ein Renner – sie haben an Beliebtheit nichts eingebüsst (Foto 2016).
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Weihnachtsausstellung Lebenshilfe
Legendär: Lebenshilfe-Knüpfteppiche.

Bereits bei der ersten Weihnachtsausstellung waren die Karten der «Lebenshilfe»-Druckerei ein Renner – sie haben an Beliebtheit nichts eingebüsst (Foto 2016).

zVg

Sie entstand aus der Not heraus, die Weihnachtsausstellung der Stiftung Lebenshilfe im Reinacher Saalbau – und wurde zum Dauerbrenner. Dieses Wochenende findet sie zum 50. Mal statt.

Es war im Jahr 1967, als der Reinacher Gemeinderat der «Lebenshilfe» im Bürgerasyl-Altbau Unterschlupf gewährte. Die ehemalige heilpädagogische Sonderschule Leimbach war in ihrem Dorf heimatlos geworden. Der Regierungsrat hatte beschlossen, dass nur noch eine Sonderschule im Tal weitergeführt wird (die «Schürmatt»). Die Pioniere jener Zeit – allen voran Schulbegründer und Lehrer Valentin Reichenbach (1929–2016) – dachten nicht ans Aufhören.

Aber der Institution fehlten nach dem Wegfall der kantonalen Beiträge die Mittel.
Die heilpädagogische Sonderschule geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Wie sehr das die Menschen weit über die Region hinaus bewegte, bezeugen Zeitungsartikel aus jener Zeit. «Sonderschule in Not», titelte der «Brückenbauer». Sogar in der Tagesschau wurde darüber berichtet. Und es wurde gesammelt. Die Wiener Sängerknaben veranstalteten Benefizkonzerte und der Zirkus Knie gab eine Vorstellung zugunsten der Reinacher Institution für «reduziert Bildungsfähige» oder «Schattenkinder», wie man damals sagte.

250

Menschen mit Unterstützungsbedarf werden von der Stiftung Lebenshilfe begleitet. Dies an den Standorten Reinach, Menziken und Aarau. In 8 dezentralen Wohneinheiten in Reinach und Menziken werden 105 Wohnplätze angeboten. In der Begleitarbeit und den Diensten sind 260 Angestellte tätig (175 Vollzeitäquivalent). Der Betriebsaufwand liegt 2017 bei 19 Millionen Franken. (az)

Guter Start: 36 000 Franken verdient

Zurück zur Weihnachtsausstellung. Doktor Valentin Reichenbach war ein visionärer Mensch. Schon früh erkannte und erforschte er, was heute als selbstverständlich gilt: Er war überzeugt, dass auch Menschen mit einer geistigen Behinderung lernen und sich weiterentwickeln können. Er setzte auf die «praktische rhythmische und musische Förderung». 1966 eröffnete er eine Werkstufe mit erstmaliger beruflicher Ausbildung, 1968 eine Sonderwerkstatt für erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung. Sie umfasste eine Knüpferei/Weberei und eine Druckerei. Hier entstand viel Schönes und Praktisches, was aber nie öffentlich gezeigt, geschweige verkauft wurde. Abermals war es der Reinacher Gemeinderat, genauer Ammann Kurt Heiz (der Onkel des amtierenden Ammanns Martin Heiz), der die Idee mit der Weihnachtsausstellung hatte.

Das Interesse am ersten Anlass im Saalbau war gross – die Kauflust offensichtlich auch. 36 000 Franken nahm die «Lebenshilfe» mit ihrer ersten Weihnachtsausstellung ein, die damals noch zehn Tage dauerte. Die wenigen Beteiligten gaben vollen Effort: Unter der Woche war die Ausstellung von 17 bis 22 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 10 bis 22 Uhr. Jeweils ein Lehrer hatte Aufsicht. Der Elternverein betrieb eine Kaffeestube.

Heute sind alle Werkstätten dabei

Gerechnet am damaligen Jahresumsatz von rund 100 000 Franken fuhr die Institution mit ihrer vorweihnachtlichen Aktion einen beträchtlichen Beitrag ein. Die gedruckten Karten gingen wie warme Weggli, rund 7000 Stück wurden verkauft. Und die legendären Knüpf- und Webteppiche, die noch bis Mitte 1990er-Jahre hergestellt wurden und wohl in den meisten Kirchgemeinde- und Gemeindehäusern der Region anzutreffen waren, brachten 20 000 Franken ein.

Heute ist die Weihnachtsausstellung der Stiftung Lebenshilfe um einiges grösser als damals. Zumindest vom Angebot her. Sämtliche Werkstätten wirken mit: Gartengruppe, Druckerei, Weberei und Töpferei, die Textil-, die Kerzen-, die Seifen- und die Lederwerkstatt sowie die Gruppen «Holz und Wort» sowie «Blatt und Duft». Und natürlich die Gastronomie. Sie ist für das leibliche Wohl besorgt. Heute beträgt der Umsatz am Ausstellungswochenende zwischen Freitag- und Sonntagabend rund 100 000 Franken. Die Karten kommen immer noch an. Inzwischen gibts aber auch Ledertaschen, Insektenhotels, Lampen, Töpferware, Körperpflegeprodukte oder Kerzen zu kaufen.

Verkaufsausstellung: Freitag, 1. Dez., 19–22 Uhr; Samstag, 2. Dez., 10–17 Uhr; Sonntag, 3. Dez., 10–16 Uhr. Vernissage: Freitag, 1. Dez., 19.15 Uhr. Saalbau Reinach.