Klingnau

4000 Franken Kosten pro Patient: Krankenkasse prüft Strafanzeige wegen Betrugs gegen Skandalarzt Dr. Shah

Rechnungen des umstrittenen Hausarztes Hareshchandra Shah sind bei Krankenkassen aufgefallen: Die Beträge pro Patient sind im Durchschnitt sehr hoch. Eine Krankenkasse behält sich eine Anzeige wegen Betrugs vor.

Das Bundesgericht hat vor zwei Wochen definitiv bestätigt, dass dem Hausarzt Hareshchandra Shah (83) aus Klingnau die Berufsausübungsbewilligung entzogen wird. Recherchen dieser Zeitung zeigten zudem, dass er in Deutschland mehrfach wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und wegen eines erfundenen Einbruchs verurteilt worden ist, bevor er seine Aargauer Praxis eröffnete. Das hat Folgen: Auch Krankenkassen nehmen den Hausarzt und seine Abrechnungen genauer unter die Lupe.

Die CSS ist eine dieser Krankenkassen. Sie hat im Kanton Aargau einen Marktanteil von rund 20 Prozent. «Er ist uns nicht gleich aufgefallen», sagt Dieter Siegrist, Ressortleiter Bekämpfung Versicherungsmissbrauch. Der Grund: Hausärzte in der Region um Klingnau rechnen bei der Krankenkasse jährlich Beträge von 80'000 bis 100'000 Franken ab. Bei Shah waren es deutlich weniger, zwischen 2014 und 2018 waren es 7000 bis 20'000 und in der Summe rund 70'000 Franken. «Das ist für uns vergleichsweise wenig für einen Hausarzt», sagt Siegrist.  

Kosten weit über dem Durchschnitt

Auffällig bei Shah sei nun aber Folgendes: Er hatte mit 6 bis 13 zwar nur wenige CSS-Kunden. «Die durchschnittlich 4000 Franken Kosten pro Patient liegen aber weit über dem Durchschnitt.» Die CSS hatte die Prüfung der hohen Rechnungen Shahs auch schon an den Branchenverband Santésuisse delegiert. Dieser stellte zumindest für 2014 fest, dass die verrechneten Kosten bei Shah massiv höher lagen als bei vergleichbaren Ärzten. Es kam zu einem Vergleich mit einer Rückzahlungsforderung.

«Die Verrechnungspraxis von Herrn Shah hat sich aber offenbar nicht gebessert», führt Siegrist weiter aus. Und nicht nur das. «Sie wurde noch unwirtschaftlicher.» Will heissen: Die Rechnungen fielen im Vergleich zu anderen Ärzten noch höher aus. «Wir werden noch im Detail prüfen, ob wir eine Strafanzeige wegen Betrugs einreichen», macht Siegrist deutlich. «Solche Gelder wieder zurückzuerhalten ist sehr aufwendig und sehr anspruchsvoll.»

Krankenkassen haben dafür verschiedenste Spezialisten, von Ermittlern, Juristen oder Forensikern. «Wir schauen uns die Rechnungen bei Verdacht sehr detailliert an und machen auch umfangreiche Datenauswertungen. Zudem sprechen wir mit unsern Kunden und Patienten, um den Sachverhalt aufzudecken.» Die CSS werde etwa zum Urteil des Bezirksgerichts Zurzach Akteneinsicht beantragen. Dieses hatte Shah im März 2016 zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, weil er Drogensüchtigen illegal Betäubungsmittel verkauft hatte.

Konkrete Zahlen zu Shah nennt auch die Helsana. «Von 2016 bis 2018 verrechnete er 157 Rechnungen von 18 Kunden», sagt Mediensprecher Stefan Heini. Die Rechnungen summierten sich auf 116'000 Franken.

Shah darf seit dem 4. Dezember 2018 keine Patienten mehr behandeln. An diesem Tag wurde ein Zwischenentscheid des Bundesgerichts publik. Seither rechnen die Krankenkassen keine Leistungen mehr ab. «Unsere letzte Abrechnung von Herrn Shah stammt vom 3. Dezember. Danach ging nichts mehr ein», sagt Siegrist von der CSS.

Helsana-Sprecher Heini bestätigt, dass die Krankenkasse mit dem definitiven Entzug der Bewilligung keine Leistungen mehr ausbezahlt. Und er warnt: «Falls ein Arzt ohne Berufsausübungsbewilligung Rechnungen direkt an den Kunden stellt und diese nicht zu uns gelangen, haben wir keinen Einfluss auf seine Rechnungsstellung.» Hareshchandra Shah hat auf eine schriftliche Anfrage zu hohen Rechnungen und einer möglichen Strafanzeige wegen Betrugs nicht reagiert.

Meistgesehen

Artboard 1