Der deutsche Hausarzt Hareshchandra Shah, 84, gilt im Kanton Aargau als Skandalarzt. Als einer der wenigen Mediziner wurde ihm hier die Bewilligung entzogen, seinen Beruf auszuüben (die AZ berichtete). Gleiches widerfuhr ihm schon in Deutschland. Dabei gehörten er und seine Ehefrau einst zum oberen Teil der Dortmunder Gesellschaft. Doch in den 90er-Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Im 1999 wurde er wegen Steuerhinterziehung und Betrugs zu 3 Jahren und 9 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Ehefrau wurde wegen Mittäterschaft gesondert verfolgt.

Dabei gab es eine Zeit, als der Mediziner wohlhabend war. In der Oper in Dortmund gingen Shah und seine Ehefrau ein und aus. «Sie waren angesehene Leute», erzählt ein damaliger Nachbar dieser Zeitung. Shah sammelte Bilder und Kunstgegenstände, die Besucher bei ihm zu Hause bewunderten, auch wenn manche gefälscht gewesen sein sollen. Der ehemalige Nachbar erzählt, dass Shahs sehr grosszügig waren. «Es gab immer grosse Geschenke an Kindergeburtstagen und grosse Feiern im Garten.» Seit 1973 war Shah als Hausarzt im Dortmunder Vorort Wambel mit eigener Praxis tätig. Seine Praxis habe aber nicht «gebrummt». Als Mediziner genoss er keinen besonders guten Ruf, wie mehrere Personen aus seinem damaligen Umfeld sagen. «Das war für ihn mehr Zeitvertreib», sagt einer.

Aufwendigen Lebensstil gepflegt

Shah pflegte mit seiner Familie seit den 80er-Jahren einen ausgesprochen aufwendigen Lebensstil. Allein aus den Einnahmen aus seiner Arztpraxis war dieser nicht zu finanzieren. Das sagte er selber, wie es in jenem Urteil von 1999 heisst. Der Arzt suchte deshalb zusätzliche Einnahmequellen. Ein Massagebad, das seine Ehefrau 1988 in Wambel eröffnete, brachte ebenso wenig den erhofften Erfolg wie ein Sport- und Kosmetikgeschäft, das er von 1986 bis 1989 in Dortmund-Körne führte.

Es habe ihm nur hohe finanzielle Verluste eingebracht. Millioneneinnahmen brachte dagegen der Pharma-Handel, in den er Ende der 80er-Jahre einstieg. Laut dem ehemaligen Nachbarn erzählte Shah freimütig von diesem blühenden Geschäft. «Er kaufte in Münster abgelaufene Medikamente und verschiffte diese per Container nach Indien.» Vor Shahs Garage parkierte mehrmals pro Jahr ein Lastwagen, der mit Medikamenten beladen wurde, welche der Mediziner bei sich zu Hause zwischenlagerte.

In diesem Gebäude am Wambeler Hellweg 114 in Dortmund (Wambel), das sich hinter einer Park-Apotheke befindet, hat Hareshchandra Shah einst praktiziert.

In diesem Gebäude am Wambeler Hellweg 114 in Dortmund (Wambel), das sich hinter einer Park-Apotheke befindet, hat Hareshchandra Shah einst praktiziert.

Haus zwangsversteigert

Doch Shah hielt sich nicht an die Gesetze: In den 90er-Jahren führte das Finanzamt Dortmund immer wieder Betriebsprüfungen durch. Es kam zu vielen Beanstandungen und Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt. Der Nachbar erinnert sich, wie eines Tages die Steuerfahndung vor Shahs Tür stand und die Ehefrau des Arztes Pelzmäntel auf das Nachbargrundstück warf. Der Einsatz der Steuerfahndung sprach sich schnell herum. «Es gab nun keine Feiern mehr im Garten», so der Nachbar. Das Haus wurde zwangsversteigert. Damals stand noch der Name der Betroffenen in der Zeitung. Der Ruf des Ehepaars war damit ruiniert.

Bereits Ende der 80er-Jahre betrugen die Steuernachforderungen über 1,5 Millionen Deutsche Mark, was bei einem Kurs von 1,2 damals 1,25 Millionen Franken entsprach. Shah geriet «in erhebliche finanzielle Bedrängnis», wie die Richter im Urteil festhielten. Der Arzt gründete deshalb eine GmbH zwecks Pharma-Handel in den neuen Bundesländern, um sich den lästigen Steuerforderungen zu entziehen. Er ging davon aus, dass die Finanzbehörden in den neuen Bundesländern nach der Wende noch nicht über die für eine effiziente Arbeit erforderlichen personellen Ressourcen verfügten, da sie noch im Aufbau begriffen waren. Er hoffte, das Finanzamt über das Ausmass seiner Geschäfte täuschen zu können.

Seine Ehefrau wurde formell zur Geschäftsführerin der Pharma Med Gesellschaft. Die Geschäfte führten sie gemeinsam. Mit Provisionsrechnungen schöpfte er nun Gewinne der Gesellschaft ab. Von 1992 bis 1996 erzielte die Pharma Med Nettoverkaufsumsätze von insgesamt 12,7 Millionen Deutsche Mark (10,6 Mio. Franken). Seine Handelsvertreter-Provisionen beliefen sich auf 1,87 Millionen DM. Darüber hinaus nahm er von 1992 bis 1996 zahlreiche Privatentnahmen aus dem Vermögen der Pharma Med vor und verschleierte diese mit falschen Verbuchungen. Hier summierte sich der Betrag in den fünf Jahren auf rund 6,8 Millionen DM.

Gefälschtes Medikament verkauft

Die Spitze erreichte die Firma 1995 mit dem Medikament Corinfar, das bei Herzerkrankungen und Bluthochdruck verschrieben wird. Dieses kaufte er von einer holländischen Firma und veräusserte es mit grossem Gewinn weiter. «Wie es sich später herausstellte, handelte es sich bei den von der Firma IHA van Dalen vertriebenen Corinfar um eine Fälschung des von einem Hersteller in Dresden produzierten Medikaments», heisst es im Urteil. Über den Handel mit gefälschten Corinfar-Tabletten berichtete damals auch schon die TV-Sendung «Kennzeichen D» des ZDF. Die Reporter nannten damals auch den Namen von Shah. Damit wurde er deutschlandweit bekannt.

Artikel publiziert am 20. Juni 2019