Döttingen

Beat Feuz und Co. fahren auf die Skikerne dieser Aargauer Firma ab – doch fürs Überleben müssen andere Geschäfte sorgen

Als das Skigeschäft boomte, flog die Hess AG aus Döttingen in ungeahnte Höhen. Seit die Winter kürzer werden, kämpft Geschäftsführer Daniel Hess. Nachlassstundung, Frankenschock und erstarkte Konkurrenz. Die Rettung? Liegt vielleicht im Wandel.

Von diesen Namen träumen andere Unternehmen. Beat Feuz, Henrik Kristoffersen oder Mikaela Shiffrin fahren auf Hess ab. Wie die meisten Stars des Skizirkus. Egal, welche Marke sie fahren. Im Kern unterscheiden sie sich nicht. Im Kern, da steckt Furnierholz aus Döttingen. «Im Rennbereich sind wir nach wie vor führend», sagt Daniel Hess. Er führt das Unternehmen in dritter Generation. Noch ist Hess Weltmarktführer im Segment mit den höchsten Ansprüchen, beliefert alle namhaften Skimarken mit Holzkernen – mit Ausnahme von Fischer und K2, die selbst produzieren. Hess ist eine Institution in der Branche.

Doch die Blütezeiten sind längst vorbei. Die Zeiten, als hier mehr als 150 Menschen malochten und das Skigeschäft für mehr als 70 Prozent des Umsatzes verantwortlich war. Das war Ende der 90er-Jahre. «Damals wurden weltweit noch 7,5 Millionen Paar Ski verkauft», sagt Hess, «heute sind es noch 3,3 Millionen.» Zudem veränderten sich die Bedürfnisse. Die Skis sind breiter geworden. Freestyle ist Mode, Freeride auch. Da werden nicht Furnierschichtholzkerne verbaut, sondern solche aus Massivholz. Weil es leichter ist. Aber: «Da gibt es zwei slowenische Mitbewerber, mit denen wir nicht mithalten können.» Sie sind billiger. So einfach ist das Geschäft, so hart zugleich.

So werden aus Baumstämmen hauchdünne Holzlatten: Ski-Kerne-Produktion bei der Firma Hess in Döttingen

So werden aus Baumstämmen hauchdünne Holzlatten: Ski-Kerne-Produktion bei der Firma Hess in Döttingen

Der Abstieg war rasant. 2003 schrammte die Hess AG am Konkurs vorbei, musste in Nachlassstundung. Richtig ins Fliegen kam sie danach nicht mehr. Und dann kam der Frankenschock. «Wir müssen den Gürtel seit Jahren immer enger schnallen. Das macht uns schon Sorgen», sagt Daniel Hess. Den Körper leicht nach vorne gebeugt, die braunen Augen müde vom ewigen Kämpfen. Aber Aufgeben das war nie und es ist keine Alternative. Sein Blick hellt auf, wenn er sagt: «Wir liefern Qualität und besitzen die Fähigkeit, komplexe Produkte herzustellen.»

Seit die Winter kürzer und die Temperaturen höher werden, hat sich Hess gewandelt. Heute macht man nur noch etwas mehr als einen Drittel des Umsatzes mit dem Skigeschäft, beschäftigt etwas mehr als 90 Leute. Daniel Hess hofft, dass man diese Zahlen halten kann. Die Hoffnungen der Skibranche liegen in Asien. Insbesondere in China, wo 2022 die nächsten Olympischen Spiele stattfinden. Es ändert nichts an den Perspektiven. Die Temperaturen steigen, die Gletscher schrumpfen, der Schnee wird knapper. «Skifahren wird über kurz oder lang an Bedeutung verlieren. Eine Skination ist die Schweiz längst nicht mehr», sagt Hess. Auch deshalb will er noch stärker in andere, auch neue Geschäftsfelder vorstossen.

Die Hoffnung liegt im Geschäft mit Zug-Sitzrücken

Wie jenes mit Sperrholz (rund 28 Prozent des Umsatzes). Aus Buche dient es als Rohstoff zur Fertigung von Arbeitsplatten für Werkbänke. Oder man liefert es an Schreinereien, wo es beispielsweise zu Treppen verarbeitet wird. Aus Lärche und Douglasie fertigt Hess Fassadenplatten. Aber auch das Sperrholz-Geschäft bereitet Sorgen. Viele der Werkbänke waren und sind für die deutsche Autoindustrie bestimmt. Seit die USA und China sich mit Handelsbarrieren eindecken, kriseln VW & Co. Darunter leidet Hess.

So wird aus einem Baumstamm ein Ski: Produktionsvideo von Hess & Co AG (Produktionsvideo aus dem Jahre 2012)

So wird aus einem Baumstamm ein Ski: Produktionsvideo von Hess & Co AG (Produktionsvideo aus dem Jahre 2012)

Die Konsequenz des stetigen Kampfes wird erst bei genauem Hinsehen offensichtlich. Denn die Sägen kreischen, die Späne fliegen und in der Luft hängt der Duft von Holzsäure. Oberflächlich ist alles, wie es sein soll. Fakt aber ist, dass das Unternehmen auf dem Zahnfleisch geht. Seit Jahren habe man nur noch Ersatzinvestitionen getätigt, sagt der Patron. «Uns fehlen die Mittel, um nachhaltig zu investieren», gesteht er.

Die Kraft aller Widrigkeiten zum Trotz weiterzumachen, schöpft er vor allem aus dem florierenden Geschäft mit Formsperrholzplatten. Für die Möbelindustrie, insbesondere aber für die Sitzrücken der boomenden Stadler-Züge. Knappe 30 Prozent trägt dieses Geschäft zum Umsatz bei. Es soll wachsen. Es muss. Denn mit Bettlatten, dem letzten bedeutenden Geschäftszweig, wird man kaum reich. Auch wenn man alle wichtigen Betthersteller der Schweiz beliefert.

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