Tödlicher «Gippingen»-Unfall

Kehrtwende: Aargauer Obergericht spricht Radrennfahrer frei – «ein tragischer Fall»

An dieser Stelle an einer Abfahrt vor Böttstein verunglückte der Radfahrer am Rennen der Gippinger Radsporttage tödlich. (Archiv)

Obwohl ein Rennfahrer 2014 einen tödlichen Unfall verursachte, habe er seine Sorgfaltspflicht nicht verletzt. Zu diesem Schluss kommt das Aargauer Obergericht und hebt den Schuldspruch des Bezirksgerichts Zurzach auf.

Mehr als drei Jahre sind seit dem tödlichen Unfall an den Radsporttagen Gippingen vergangen. Am 14. Juni 2014 touchierte ein damals 50-jähriger Radrennfahrer auf der Abfahrt in einem Waldstück Richtung Böttstein bei einem Überholmanöver den Spitzenfahrer des Rennens. Dieser und die drei folgenden Fahrer stürzten. Einer von ihnen zog sich so schwere Verletzungen zu, dass er noch am gleichen Abend im Spital starb. Wenige Tage vor seiner Hochzeit.

Die Staatsanwaltschaft klagte den Unfallverursacher wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher fahrlässiger einfacher Körperverletzung an. Die befragten Zeugen schilderten dessen Fahrweise während des Überholmanövers als «halsbrecherisch» und «lebensgefährlich». Er habe mit einem seitlichen Abstand von «einer Handbreite» beziehungsweise maximal 30 Zentimetern überholt. Das Bezirksgericht Zurzach folgte den Anträgen und verurteilte den Beschuldigten vor ziemlich genau einem Jahr zu einer bedingten einjährigen Haftstrafe und 2000 Franken Busse. Gegen das Urteil legte der Unfallverursacher Berufung ein. Er verlangte vor Obergericht einen Freispruch.

Risiko fährt mit

Die Oberrichter haben das erstinstanzliche Urteil gestern aufgehoben und den Beschuldigten von den Vorwürfen der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen einfachen Körperverletzung freigesprochen. Wer an einem Radrennen teilnehme, setze sich einem gewissen Risiko aus, begründeten sie ihr Urteil. Niemand habe einen solchen Ausgang des Radrennens erwartet. Es sei ein «tragischer Fall». Für die sieben Tage, die der Beschuldigte in Untersuchungshaft sass, erhält er eine finanzielle Entschädigung von 1400 Franken.

Zwar zweifeln auch die Oberrichter nicht daran, dass der Beschuldigte den anderen Rennfahrer während des Überholmanövers touchiert hat. Wie stark sei allerdings unklar. Entgegen der Aussage eines Zeugen gehen sie nicht davon aus, dass der Angeklagte den anderen Rennfahrer absichtlich mit einer «schwungvollen Bewegung» wegbugsiert hat: «Hätten Sie ihn weggecheckt, wären Sie wohl selber gestürzt.» Die Oberrichter kommen zum Schluss, dass er seine Sorgfaltspflicht nicht verletzt habe.

Dass ein Materialfehler am Velo des gestürzten Rennfahrers für den Unfall verantwortlich sei, wie der Verteidiger Valentin Landmann ausführte, sei zwar «denkbar», aber es gebe keine konkreten Hinweise. Landmann war der Meinung, dass es keinen Sturz gegeben hätte, wenn das Fahrrad intakt gewesen wäre. Denn je höher die Fahrgeschwindigkeit, desto stabiler sei das Fahrrad.

Der Beschuldigte zeigte während der Befragung durch die Oberrichter weder Einsicht noch Reue. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Wollten die Oberrichter etwas von ihm wissen, begann er seine Antwort oft mit den Worten: «Loged si.» Dann folgten seine Ausführungen. In diesen stellte er sich oft selber als Geschädigten dar. Er habe «verdammt gelitten» im Gefängnis, habe sich vor Gericht «Beleidigungen und Demütigungen» anhören müssen. Auch die Aussagen der Zeugen würden so nicht stimmen. «Was sollte denn meine Motivation sein für einen Body-Check?», fragte er rhetorisch. Er sei damals 50 Jahre alt gewesen, habe seine Karriere als Radrennfahrer schon lange aufgegeben. «Da wollen Sie nicht mehr auf Tutti gehen», sagte er.

Sein Überholmanöver sei normal gewesen. Unfair wäre seiner Meinung nach, wenn ein Rennfahrer einen anderen von der Strasse drängen oder ihm in den Lenker greifen würde. Dass man sich touchiert, komme hingegen immer wieder vor. Ob er den Sturz denn nicht mitbekommen habe? «Ich habe gespürt, dass ich einen anderen Fahrer touchiert habe», sagt er. Dann habe er gemerkt, dass dieser nicht mehr da sei. Er habe aber nicht zurückgeschaut und auch nichts gehört.

Weiterzug ans Bundesgericht?

Der Oberstaatsanwalt und die beiden Anwälte der Zivil- und Strafkläger verlangten, den Schuldspruch der ersten Instanz zu bestätigen. Für sie steht nach wie vor fest: Ein solch riskantes Überholmanöver wäre nicht notwendig gewesen. «Der Unfall hat eine konkrete Ursache, und die liegt alleine im Verhalten des Beschuldigten», sagte Philipp Engel, Rechtsanwalt der Hinterbliebenen. Weiter kritisierte Engel, dass sich der Beschuldigte nie persönlich entschuldigt oder das Gespräch mit den Angehörigen des Opfers gesucht habe. Stattdessen habe er – auch gestern wieder – durch seinen Anwalt sein Beileid ausdrücken lassen. «Das ist heuchlerisch.»

Der Beschuldigte war nach dem Freispruch sichtlich erleichtert. Er habe in den letzten dreieinhalb Jahren wahnsinnig gelitten, sagte er gegenüber Tele M1. Der Freispruch sei nicht nur für ihn eine riesige Erleichterung, sondern für sein ganzes Umfeld. Es sei sehr tragisch, was passiert sei und tue wahnsinnig weh.

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Nach einem Überholmanöver beim GP 2014 stürzt ein Velofahrer und stirbt. Nun wird der verurteilte Unfallfahrer doch freigesprochen.

Das Urteil des Obergerichts ist noch nicht rechtskräftig. Alle Parteien könnten es ans Bundesgericht weiterziehen. Der Oberstaatsanwalt und die Zivil- und Strafkläger entscheiden, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt.

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