Im katholischen Kindergarten St. Elisabeth in Oberlauchringen, das an der Schweizer Grenze nahe bei Bad Zurzach und Koblenz liegt, haben die Kindergartenleiterin und ihre Stellvertreterin Kinder wiederholt zum Essen bis zum Erbrechen und zum Schlafen auf Befehl gezwungen. Dies bestätigen nach Südkurier-Recherchen mehrere Eltern.

Die katholische Kirche hat den beiden Erzieherinnen inzwischen gekündigt. Das bestätigen die Verrechnungsstelle Stühlingen, die für die Geschäftsführung der Kindertagesstätte verantwortlich ist, und das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg.

Kinder mussten essen, obwohl sie satt waren

"Die Kinder mussten ihre Teller leer essen, bis sie sich übergeben mussten, obwohl sie sagten, dass sie satt seien", beschreibt eine Mutter Szenen, die sich nach ihren Aussagen beim Mittagessen in der Kita abgespielt haben. Aus Rücksicht auf ihre Kinder möchte sie anonym bleiben, unsere Redaktion respektiert diesen Wunsch. Die Mutter findet aber, dass Geschehnisse dieser Art an die Öffentlichkeit dringen müssen. "Denn so wird vielleicht jeder wachsamer und aufmerksamer", sagt sie. Aus diesem Grund habe sie sich an unsere Zeitung gewandt.

Weitere Eltern bestätigen auf Nachfrage, dass Kinder zum Essen gezwungen worden seien. "Wir waren alle recht geschockt, als wir davon erfuhren", sagt zum Beispiel die stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende. Die engagierte Mutter berichtet ausserdem, dass die Kindergartenleiterin und ihre Stellvertreterin in einem "harschen Umgangston" mit den Mädchen und Jungen umgesprungen seien.

Sie legt grossen Wert auf die Tatsache, dass es sich bei den Vorfällen nicht um sexuellen Missbrauch handelte. Nichtsdestotrotz hätten die beiden Kindergartenleiterinnen das Wohl der Kinder gefährdet, und in einem Kindergarten «geht das nicht», sagt die Mutter. 

Erzieherinnen wurden sofort freigestellt und dann entlassen

Auch wenn es sich um einen schwerwiegenden Vorfall handele, lobt sie die Art und Weise, wie die Kindertagesstätte und die Trägerin, die Seelsorgeeinheit Mittlerer Hochrhein St. Verena, den Vorgang aufarbeite. Nach Bekanntwerden seien "sofort alle professionellen Hebel in Bewegung gesetzt worden", sagt sie. Zunächst sei der Elternbeirat informiert worden und anschliessend "sehr zeitnah" alle Eltern. "Jede einzelne Gruppe hat einen Elternabend gehabt." Als der Verdacht gegen die Kindergartenleiterin und ihre Stellvertreterin aufkam, seien diese sofort freigestellt worden, und nach Überprüfung des Vorfalls hätten beide ihre Kündigung erhalten. Inzwischen wurde eine kommissarische Leitung eingesetzt. 

Dies bestätigt das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg in einer Stellungnahme. Grund für die Kündigung der beiden Erzieherinnen, die im Einvernehmen mit dem Elternbeirat der Einrichtung getroffen worden sei, ist "eine Missachtung des Leitbilds, der Konzeption und des Schutzkonzepts der Kindertagesstätte durch die beiden Angestellten", heisst es darin.

Ein Dreirad steht vor der Kindertagesstätte St. Elisabeth in Oberlauchringen. Die kindliche Idylle trügt: In der Einrichtung sind Kinder von der Kindergartenleiterin und ihrer Stellvertreterin mutmaßlich misshandelt worden

Ein Dreirad steht vor der Kindertagesstätte St. Elisabeth in Oberlauchringen. Die kindliche Idylle trügt: In der Einrichtung sind Kinder von der Kindergartenleiterin und ihrer Stellvertreterin mutmaßlich misshandelt worden

„Die beiden Beschuldigten waren dafür verantwortlich, dass Schutzbefohlene unzulässigem Druck und pädagogisch fragwürdiger Behandlung ausgesetzt waren, konkret im Bereich der Einnahme von Mahlzeiten und dem Einhalten von Ruhezeiten“, schreibt das Erzbischöfliche Ordinariat. Was sich hinter diesen Formulierungen verbirgt, sind mutmassliche Misshandlungstatbestände: Kinder sollen nicht nur genötigt worden seien zu essen, sondern auch auf Befehl zu schlafen, berichten Eltern.

Damit hätten die Kindergartenleiterin und ihre Stellvertreterin sich „der Beeinträchtigung des Kindeswohls“ schuldig gemacht. Barbara Remmlinger, im Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg zuständig für den Bereich der Elementarpädagogik, betont: „Auf keinen Fall darf es Teil eines pädagogischen Konzepts sein, Kinder zum Essen zu zwingen. Das ist kein angemessenes pädagogisches Verhalten und berührt das Kindswohl.“

Mutter fordert bessere Prüfung des Personals

"Nicht jeder ist dafür geeignet, mit Kindern zu arbeiten – trotz einer Ausbildung",
schreibt die Mutter, die sich an unsere Zeitung gewandt hat. "Gerade deshalb sollte
das Personal besser überprüft werden, um die Sicherheit unserer Kinder zu
gewährleisten", fügt sie hinzu.

Die katholische Seelsorgeeinheit Mittlerer Hochrhein St. Verena als Trägerin der Kindertagesstätte und die Verrechnungsstelle Stühlingen bedauern in ihrer Stellungnahme "die Pflichtverletzungen, und bitten die Eltern der Schutzbefohlenen um Entschuldigung für mögliche erlittene Schäden". "Wir gehen offensiv mit der Sache um und wollen nichts unter den Teppich kehren", sagt Mario Isele von der Verrechnungsstelle in Stühlingen.

Bislang keine strafrechtlichen Schritte gegen Erzieherinnen

Die Polizei Waldshut-Tiengen teilt auf Nachfrage mit, dass im Fall des Kindergartens St. Elisabeth Oberlauchringen keine Anzeigen erstattet worden seien. Demnach haben weder die Seelsorgeeinheit, noch die Verrechnungsstelle, noch das Erzbischöfliche Ordinariat, noch Eltern strafrechtliche Schritte gegen die beiden Erzieherinnen unternommen.